Wie BKA-Präsident Ziercke auf der Wiesbadener Sicherheitstagung
mitteilte, ist die Behörde gegenwärtig in 48 Staaten im
Einsatz und hat weltweit über 60 deutsche
"Verbindungsbeamte" stationiert. Das Kontaktsystem ermöglicht
die unmittelbare Steuerung operativer Maßnahmen unter
weitgehender Umgehung der ausländischen Hoheitsträger. Die auf
sämtlichen Kontinenten eingerichteten deutschen
Polizeistrukturen will das BKA jetzt verbreitern. Neben einer
"Verbesserung der Informationswege" erwartet die Behörde
auch "Unterstützung in konkreten Verfahren" von jenen
Ländern, denen sie so genannte "Ausstattungs-" und
"Ausbildungshilfe" leistet. Die Formulierungen
umschreiben materielle Abhängigkeitsverhältnisse, in die
Polizeiorganisationen ärmerer Länder geraten sind, seitdem
ihnen Berlin technische und personelle Unterstützung
offerierte.
Informationsgewinnung
Zu den Zuwendungsempfängern gehören 69 Staaten, die seit 1982
u.a. mehrere hundert Polizei-"Stipendiaten" zur
Ausbildung nach Deutschland schickten, wo sie vom BKA instruiert
wurden. Diese Einflußarbeit scheint der Behörde nicht mehr zu
genügen. In Zukunft will das BKA auch "gezielte und ergänzende
personelle praktische Betreuung" durchführen - durch
"Unterstützung polizeilicher Kräfte vor Ort". Auf
diese Weise werden deutsche Polizisten als ständige
"Berater" bei Sicherheitsoperationen ausländischer
Repressionsorgane tätig. Pilotprojekte sind in Tadschikistan
und Venezuela geplant. Nach den Worten des BKA-Präsidenten
verspricht das "Berater"-System bessere
"Informationsgewinnung" und hat darüber hinaus
"weitere positive Effekte" - "die Verbindungen
mit den Kooperationspartnern in den ausländischen Dienststellen
und dem BKA insgesamt" werden gestärkt.[1]
Intelligence
In die polizeiliche Auslandstätigkeit einbeziehen will Ziercke
sämtliche deutschen Organisationen, die über einen längeren
Zeitraum außerhalb der deutschen Grenzen tätig sind, darunter
die Bundeswehr, Entwicklungshilfe-Gruppen und
Wirtschaftsunternehmen. "[P]olizeiliche und militärische
Ressourcen" müssten "auf dem Feld der strategischen
Planung gezielt aufeinander abgestimmt werden", erklärt
der BKA-Präsident. Bei der Ausforschung fremder Staaten ("Intelligence-Arbeit")
sollten in die polizeilich-militärische Tätigkeit auch
Entwicklungshilfe-Organisationen einbezogen werden, heißt es in
dem Redetext. Sofern es sich bei den erwähnten Organisationen
um humanitäre Gruppierungen handelt, stellt die BKA-Ankündigung
einen neuen Versuch der vollständigen Verflechtung
gesellschaftlicher und staatlicher Auslandsarbeit dar, in der
hegemoniale Interessen optimiert werden.
Hervorragend
Die Mobilisierung sämtlicher Ressourcen stellt auch die
deutsche Wirtschaft in den Polizeidienst. Mit großen
Unternehmen, die immer stärker ins Ausland expandieren, strebt
das BKA "eine strategische Zusammenarbeit an"[2] und
erfährt ein positives Echo. Laut Norbert Wolf, Sicherheitschef
bei Siemens, spricht nichts dagegen, "dass der Konzern den
Sicherheitsbehörden mehr Informationen zur Verfügung stellen
und die Zusammenarbeit mit den deutschen Verbindungsbeamten im
Ausland intensivieren werde".[3] Siemens beschäftigt im
Ausland eigene Sicherheitsbeauftragte, die über intime
Kenntnisse ihre Einsatzländer verfügen. Der
Informationsaustausch zwischen deutschen Stabsstellen im Ausland
und den Niederlassungen deutscher Firmen war bereits in der
Vergangenheit hervorragend.
Schon immer
Wie es in einer Untersuchung über Gründung und Aufbau des BKA
heißt, dienten die Auslandsaktivitäten des BKA "schon
immer" der "Sicherung und Stärkung deutscher
Wirtschaftsinteressen".[4] Dabei bediente sich das BKA sämtlicher
Milieus. So wurden etwa im Jahr 1988 "130 Besucher aus
Folterstaaten und 18 aus solchen mit Todesschwadronen in allen
Ehren im BKA empfangen", schreibt der Historiker und
ehemalige BKA-Beamte Dieter Schenk. "Im Gegenzug suchten
143 BKA-Beamte Polizeibehörden von Folterregimes auf und elf
Beamte Staaten mit Todesschwadronen." Wie Schenk urteilt,
dienten die zugrunde liegenden "Geschäftsbeziehungen (...)
nicht selten dazu, kapitalkritische Gewerkschaften und Umweltschützer
aus dem Weg zu räumen".[5]
Totalisierung
Die aktuellen Expansionspläne des BKA gehen mit ähnlichen
Bestrebungen bei der Bundespolizei einher [6] und begleiten die
stetig zunehmenden Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wie
Kritiker analysieren, ist eine zivil-militärische Symbiose der
Sicherheitskräfte in Gang, die unterschiedliche Apparatteile
der staatlichen Repression angenähert hat und im Begriff ist,
sie zu totalisieren. Diese Entwicklung kehrt Beschlüsse aus
Erfahrungen der NS-Zeit um, nach denen die deutschen Polizei-
und Sicherheitskräfte sowohl horizontal wie vertikal getrennt
geführt werden sollten, um die Herausbildung eines neuen
Hauptamtes staatlicher Repression unmöglich zu machen.
Wurzeln
Nach Auffassung von Fachhistorikern[7] war es bei Gründung des
BKA schwierig, Tendenzen zur erneuten Vereinheitlichung des
Polizeiapparats zurückzudrängen. Die Behörde wurde unter maßgeblicher
Mitwirkung ehemaliger Nationalsozialisten aufgebaut: Von den
rund 50 BKA-Beamten des Leitenden Dienstes hatten "so gut
wie alle ihre beruflichen Wurzeln in der Sicherheitspolizei
Himmlers und Heydrichs", so daß "ihre
Berufserfahrungen auf das Bundeskriminalamt" übertragen
wurden. Wie der BKA-Analyst Dieter Schenk urteilt, entstand das
BKA als eine Art "Abklatsch des Reichskriminalpolizeiamtes,
dessen Mittel und Methoden übernommen wurden, indem man einschlägige
Richtlinien der NS-Terminologie entkleidete".
Bitte lesen Sie Auszüge aus dem aktuellen Forderungskatalog des
BKA hier.
