IMI-Analyse
2002/076
Beendet die Besatzung!
Bericht von der "United Nations International Conference
of Civil Society in Support of the Palestinian People" am Hauptsitz der
Vereinten Nationen in New York am 23./24. September 2002
PDF-Datei: http://imi-online.de/download/Beendet-die-Besatzung-IMI-Analyse.pdf
"Die Besatzung ist das Problem." und "We refuse to be enemies!"
(Wir weigern uns, Feinde zu sein.) das waren die Kernaussagen einer niveauvollen
und konstruktiven Konferenz mit mehr als 400 international zusammengesetzte
VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die zwei Tage im
Hauptquartier der UN beisammen sassen. Im Rahmen des UN-NGO-Networking wurde darüber
diskutiert, wie die Situation der PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten
verbessert werden könnte, welche Auswirkungen die Besatzung auf die betroffenen
Menschen und die Arbeit der NGOs hat. Ziel sollte die Entwicklung gemeinsamer
Strategien sein, mit denen die Besatzung beendet werden könnte.
Der Zeitpunkt der Konferenz hätte kaum "besser" gewählt werden können:
Gleichzeitig tagte der UN-Sicherheitsrat gleich zweimal zum Thema Israel/Palästina,
die humanitäre Situation der palästinensischen Bevölkerung nimmt dramatische
Ausmaße an, Städte wie Nablus stehen schon mehr als drei Monate unter
Ausgangssperre und Arafats Hauptquartier wird von der israelischen Armee
umstellt und systematisch zerstört. Die ReferentInnen kamen aus Israel und aus
Palästina, waren RepräsentantInnen traditionsreicher Institutionen (Kirchen,
Rotes Kreuz) und internationaler Solidaritätsgruppen, AktivistInnen, Funktionäre
und WissenschaftlerInnen, Menschen islamischen, jüdischen und christlichen
Glaubens oder AtheistInnen. Dass unter den 26 RednerInnen nur vier Vertreter der
PalästinenserInnen vorgesehen waren, das mag wohl zum Teil daran gelegen haben,
dass schon absehbar war, wie schwer es für PalästinenserInnen sein würde, ihr
Land zu verlassen, es war aber auch symptomatisch für die insgesamt sehr
US-lastige Diskussion. Einigen der ReferentInnen, besonders denen aus der
internationalen Solidaritätsarbeit, war dies offensichtlich unangenehm, sie
vermissten ihre palästinensischen Partnerorganisationen als MitdiskutantInnen
auf den Podien. Besonders deutlich wurde Thomas Neu (Amerikanische Nahost-Flüchtlingshilfe),
seiner Ansicht nach ist die palästinensische Zivilgesellschaft sehr lebendig,
funktionsfähig und mit genügend interner Solidarität ausgestattet, so dass
sie unter "normalen" Umständen nicht zum Objekt bevormundender Hilfe
und Unterstützung werden müsste. Leider haben politische Umstände und
Konferenzregie nicht sehr viel dazu beigetragen PalästinerInnen als eigenständige
zivile Akteure kennenzulernen. Man sprach schlicht mehr über sie als mit ihnen.
Schade! Besonders angesichts der Tatsache, dass es für die Wahrnehmung des
Konfliktes von zentraler Bedeutung ist, dass das Opfer des israelischen Militärs
ein zivile Bevölkerung ist, eine Bevölkerung, die zu mehr als 97% nicht
bewaffnet ist. Nicht nur die Opfer sind überwiegend zivil, auch die Sachschäden
treffen überwiegend Privathaushalte und zivile Infrastruktur.
Systematische Dehumanisierung
Aus Israel waren vier VertreterInnen von Friedens- und
Menschenrechtsgruppierungen gekommen. Ihre teilweise extrem schwierige Arbeit,
wurde von allen Anwesenden gewürdigt. Yehudith Harel (Gush-Shalom) und Terry
Greenblatt (Bat-Shalom) schilderten eindrücklich die schwierigen Bedingungen
ihrer Arbeit vor dem Hintergrund von Medienpropaganda und perfiden
Hetzkampagnen. Die brutale Durchsetzung von militärischer Besatzung ist nach
Ansicht der Frauen nur möglich, indem innerhalb Israels aber auch in den USA
und Europa eine konsequente Strategie der Dehumanisierung der palästinensischen
Bevölkerung verfolgt wird. Wer nur noch ein "Sicherheitsrisiko" und
kein Mensch mit unveräußerlichen Rechten ist, der kann auch ohne Skrupel
"beseitigt" oder z.B. als menschliches Schutzschild benutzt werden.
Die Menschlichkeit des jeweiligen Gegners nicht auszublenden, war deswegen ein
politisches Ziel, das fast alle ReferentInnen formulierten. In diesem Kontext
kommen gemeinsamen arabisch-israelischen Aktionen - humanitären oder
politischen - eine zentrale Bedeutung zu. "We refuse to be enemies!",
der Slogan des Komitees gegen Hauszerstörung brachte die Stimmung der
ReferentInnen und ZuhörerInnen auf den Punkt. Friedliche Koexistenz zwischen jüdischer
und arabischer Bevölkerung, wäre zumindest nach Einschätzung der Anwesenden
ein machbare realistische Option. Genauso bewusst waren sich, die Anwesenden
aber auch der Tatsache, dass diese Option systematisch torpediert wird - von
Extremisten auf beiden Seiten. Wobei immer wieder betont wurde, dass die Ebene
der Gewaltausübung auf beiden Seiten differenziert betrachtet werden müsse.
Auf der einen Seite agiert das israelische Militär auf Anweisung der Regierung,
missachtet systematisch Menschenrechte und zerstört Leben und Lebensgrundlagen
um einen völkerrechtswidrige Besatzungs- und Siedlungspolitik
aufrechtzuerhalten. Auf der anderen Seite gibt es palästinensische
Gruppierungen und Einzelperson, die ihren Befreiungskampf gegen die Besatzung
mit Mitteln der Gewalt führen. Wobei auch immer wieder darauf hingewiesen
wurde, dass auch ein - zwar prinzipiell völkerrechtlich sanktionierter -
Befreiungskampf, sich an internationale Spielregeln, wie etwa das Kriegsvölkerrecht
halten muss, und ein Attentat, das klar Zivilisten zum Ziel hat, folglich
ebenfalls ein Kriegsverbrechen darstellt.
Gewalt lässt sich nur dauerhaft beseitigen, wenn man ihre Wurzeln, ihre
Ursachen zerstört - und die Wurzel der Gewalt in Israel und Palästina, das ist
die Besatzung, an diesem Punkt waren sich alle einig. Das Existenzrecht Israels
in den Grenzen von vor 1967 und das Recht seiner BürgerInnen auf Sicherheit,
das war genauso selbstverständliche Grundlage der Diskussion wie das Recht der
PalästinenserInnen auf Selbstbestimmung in einem eigenen Staat auf dem Gebiet
der West Bank und des Gaza-Streifens.
Transfer im Schatten des Irakkriegs?
Dass der Nahost-Konflikt ein isoliertes Phänomen sei, das glaubte von den
Anwesenden niemand. Alle stimmten darin überein, dass hier auch die Entwicklung
im gesamten Mittleren Osten sowie die weltweite Entwicklung des sogenannten
"Kampfes gegen Terror" mit einzubeziehen ist. Zentral ist sicher der
geplante Krieg gegen den Irak. Dabei kamen einerseits die doppeltem Standards
der US-Politik in den Blick, andererseits wurde klar, dass die weitere
Entwicklung der beiden Konfliktherde eng miteinander verknüpft ist. Das Thema
UN-Resolutionen spielt in beiden Fällen eine wichtige Rolle. Im Rahmen der
Konferenz zirkulierte ein Flugblatt der US-amerikanischen "Kampagne zur
Beendung der israelischen Besatzung" auf dem 44 Sicherheitsratsresolutionen
von 1967 bis 2002 aufgelistet waren, die Israel alle missachtete. Während der
Konferenz kam noch eine 45. Resolution dazu, die Israel ebenfalls für nicht
relevant erklärte. Im Bezug auf den Irak hatte Bush am 12. September 2002 in
seiner Rede vor den Vereinten Nationen erklärt: "Sollen
Sicherheitsratsresolutionen eingehalten und umgesetzt werden oder können sie
missachtet werden, ohne dass dies Konsequenzen hat?" Die Teilnehmer/innen
waren sich einig, dass die Bedeutung einer Resolution nicht danach gewichtet
werden darf, welche politische Bedeutung sie im Rahmen der US-Außenpolitik hat.
Noch größer als die Entrüstung über die offensichtliche Doppelzüngigkeit
war die Angst, dass ein kommender Irakkrieg von der israelischen Regierung als
Deckmantel für eine massive Vertreibung (euphemistisch "Transfer")
der palästinensischen Bevölkerung aus den besetzten Gebieten dienen könnte.
Deswegen war folgende politische Strategie für alle selbstverständlich, die
Opposition gegen den Irakkrieg muss konsequent mit dem Thema Israel und Palästina
und den Menschenrechten aller Menschen in der Region verknüpft werden.
In einem anderen Punkt war die Zielrichtung nicht ganz so eindeutig. Ohne
internationalen Schutz wird die Sicherheit der Palästinenser nicht zu gewährleisten
sein, so weit reichte der Konsens. Die Mehrheit (die sich auch im
Abschlussdokument durchsetzte) möchte diesen Schutz mit UN-Truppen erreichen.
Eine Minderheit (zu der auch die Schreiberin dieser Zeilen gehört) befürchtet,
dass bewaffnete UN-Truppen zwar kurzfristig Schutz bieten, mittelfristig
(vielleicht sogar langfristig) die Situation zementieren werden, wie etwa auf
den Golanhöhen oder in Zypern zu beobachten ist.
Der Kampf um die Köpfe
Die Form der medialen Aufbereitung bestimmt die Form der öffentlichen
Wahrnehmung eines Konfliktes, das gilt überall. In Israel und Palästina kann
man diesbezüglich ein paradoxes Phänomen beobachten. Einerseits wird der
Konflikt stark international wahrgenommen, die Kameras der Welt sind vor Ort,
die Informationen sind verfügbar und die Strukturen sind (prinzipiell)
transparent. Dennoch wird die menschliche Tragödie der Besatzung nur sehr
begrenzt sichtbar. Die Bedrohung der Sicherheit der israelischen Bevölkerung
wird - zurecht - sehr ernstgenommen. Das Recht der palästinensischen Bevölkerung
auf Sicherheit und körperliche Unversehrtheit ist selten ein eigenständig
diskutiertes schützenswertes Gut (die UN-Konferenz bildete hier ein begrüßenswerte
Ausnahme). Seine Missachtung wird - wenn überhaupt - dann nur diskutiert als
Preis, der für die Herstellung der Sicherheit der israelischen Bevölkerung zu
zahlen ist. Einmal abgesehen davon, dass Sicherheit der einen Gruppe auf Kosten
der anderen Gruppe nie dauerhaft erreichbar ist, da sie nur mit Gewalt
aufrechterhalten werden kann und so ständig Gegengewalt produziert, so zeigt
diese einseitige Abwägung vor allem eines: die Öffentlichkeit (in Israel, in
den USA, in Europa) nimmt nur eine Seite wirklich wahr, die israelische. In der
Durchsetzung dieser Wahrnehmungsstruktur hat die israelische Regierung eine
wichtige Schlacht im Kampf um die öffentliche Meinung gewonnen. Die Botschaft
heißt, es gibt keine zwei Seiten, sondern nur eine legitime Seite. Wie in einem
Mikrokosmos zeigt sich dieses Motto in der Praxis der Hauszerstörung. Als
Vergeltung für Selbstmordattentate, wegen angeblich fehlender Baugenehmigung
(die für PalästinenserInnen faktisch nicht zu bekommen ist) oder schlicht aus
"Sicherheitsgründen" werden von israelischem Militär und
Stadtverwaltungen massiv Zerstörungen palästinensischer Häuser durchgeführt.
Dies ist nach Aussagen von Jeff Halper (israelisches Komittee gegen Hauszerstörung)
mehr als die pure Zerstörung eines Hauses, auch mehr als die Zerstörung einer
Familie, es ist die Verweigerung des Rechts auf Existenz.
Wer hat Recht?
Die öffentliche Wahrnehmung eines Konfliktes ist nicht ohne Auswirkungen auf
seine juristische Definition. Die israelische Regierung bemüht sich konsequent
die Besatzung mit einer legalen Fassade zu versehen. Verwaltungsvorschriften und
Gesetze geben dem System von Ungleichbehandlung eine juristische Fundierung, die
in vielen Fällen auch vom Obersten Gerichtshof sanktioniert werden.
Apartheitssystem nannten das viele Teilnehmer, z.B. Na?eem Jeenah
(Johannesburg), der die südafrikanische und die israelische Politik hautnah
miterlebt hat. Staatlicher Terror wird auf diese Weise negiert und legalisiert,
fasst Jeff Harper zusammen.
Wenn USA und Israel gleichzeitig den Widerstand gegen Besatzung erfolgreich zu
Terrorismus umdefinieren, dann hat dies auch völkerrechtliche Konsequenzen,
warnte Peter Falk (Princeton University). Wenn Rumsfeld von der
"sogenannten Besatzung" spricht und sich in der US-amerikanischen
politischen Diskussion die Bezeichnung "umstrittene Gebiete" gegenüber
"besetzte Gebiete" durchsetzt, dann schafft dies in der Konsequenz
eine andere Rechtslage. So würde die Genfer Konvention dann nicht mehr zur
Anwendung kommen. Auch wenn allen klar war, dass die USA und Israel alleine noch
nicht die volle Definitionsgewalt über die Auslegung internationaler
Rechtsgrundsätze haben, so ist doch klar, dass im Rahmen einer unipolaren
Weltordnung die USA sehr nahe an einer weltweiten Definitionshoheit sind.
Es ist wohl den sehr US-lastigen Podien (11 der RednerInnen kamen aus den USA:
UN-Funktionäre nicht mitgerechnet) zuzuschreiben, dass andere internationale
Akteure (Arabische Liga oder Europäische Union) keine Rolle in der Diskussion
spielten. Sicher ist die EU nicht der Hauptakteur, aber auch sie trägt ihren
Anteil zur Aufrechterhaltung der Besatzung bei. Kritik an Israel z.B. wegen
Zerstörung von mit EU-Geldern gebauter Infrastruktur, zieht keine Konsequenzen
nach sich und Israel profitiert nach wie vor von EU-Handelsbegünstigungen, auch
wenn die Produkte aus den besetzten Gebieten stammen. Deutschland leistet mit
seiner Waffenhilfe an Israel und seiner Opposition zu kritischen Positionen
gegen die Besatzung innerhalb der EU einen fatalen Beitrag zur politischen
Ineffektivität der EU. Doch zurück zur Konferenz:
Die Frage, welche Bedeutung die juristische Komponente des Konfliktes habe, zog
sich durch viele Beiträge. Auch aus dem Publikum kam es immer wieder zu
Verweisen auf den Internationalen Gerichtshof (ICC) und z.B. auf die belgischen
Versuche Ariel Scharon wegen Kriegsverbrechen zu verklagen. Peter Falk wies
darauf hin, dass der ICC zwar der richtige Platz wäre, um die juristischen
Komponenten zu entscheiden, dass tatsächliche Erfolge, wegen der
US-amerikanischen Ablehnung des ICC wohl eher über den Weg des nationalen
amerikanischen Rechtes zu erreichen seien. Auf diesem Wege wird u.a. versucht,
die Auslieferung von F-16 Flugzeugen an Israel zu stoppen, da diese nach
amerikanischem Recht nicht zu Angriffen genutzt werden dürfen. Pierre Galand
(Vorsitzender des europäischen NGO Koordinationsgremiums zur Palästina-Frage)
machte aber auch deutlich, dass selbst bei juristischer Aussichtslosigkeit,
Anklagen beim ICC ein wichtiges Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit sind.
Intelligenter Widerstand!
Was die Perspektiven des Konflikts angeht, so war man sich einig, die momentanen
Strategien, die häufig genug darauf zielen, der eigenen Seite zu nutzen, indem
dem Gegner Schaden zugefügt wird, diese Strategie schadet unweigerlich auch der
eigenen Seite. Ghassan Andoni (Center for Rapprochement, Beit-Sahour /
West-Bank) brachte es auf den Punkt: viele Menschen verwechseln die Möglichkeit,
den Gegner zu verletzen mit der Möglichkeit tatsächlich etwas zu erreichen.
Ein Fehler, den besonders das israelische Militär und die israelische Führung
macht, aber auch Selbstmordattentäter und ihre Unterstützer. Es wird entweder
eine Situation geben in der beide Seiten verlieren oder eine in der beide
gewinnen werden.
Besatzung zerstört die Rechte der Besetzten aber sie zerstört auch die
Besatzer, sie zerstört ihre moralischen Vorstellungen, ihre Werte, ihre Normen.
Wenn eine Gesellschaft über Generationen hinweg ihren Besatzerstatus vor sich
selbst rechtfertigen muss, dann erodiert auch diese Gesellschaft, führte
Ghassan Andoni aus. Um aus der Fall von "Korrumpierung durch Macht oder
Korrumpierung durch Ohnmacht" (Terry Greenblatt) herauszukommmen empfahlen
viele Aktivisten das Mittel des gewaltfreien oder zivilen (civil-based)
Widerstands. Dass ziviler Ungehorsam durchaus die Strukturen der Besatzung
wirkungsvoll angreifen kann, das zeigten einige der vorgestellten
Aktionsbeispiele.
Huwaida Arraf und Adam Shapiro (beide Aktivisten des International Solidarity
Movement) beschrieben, dass symbolische öffentliche Präsenz ein wichtiger
Schutz darstellt. Shapiro war einer derjenigen, die bei der ersten Belagerung
Arafats in seinem Amtssitz ausharrte. Arraf berichtet von palästinensischen
Demonstrationen, mit starker internationaler Präsenz, die häufig Übergriffe
der israelischen Armee verhindern konnten. Vom Schutz palästinensischer Bauern
bei der Olivenernte, da diese sonst damit rechnen müssen von Siedlermilizen
oder Soldaten beschossen zu werden, oder von der Begleitung palästinensischer
Kinder auf ihrem Schulweg unter Bedingungen von Ausgangssperre und Belagerung
und zahlreiche andere Beispiele. All dies greift die Besatzung dort an, wo sie
am stärksten wirkt, in der Kontrolle des öffentlichen Raumes und der öffentlichen
Meinungsäußerung. An diesem Punkt muss nach Ghassan Andoni intelligenter
Widerstand ansetzen, er muss die Kontrolle unterlaufen: durch massenhafte Präsenz
auf der Strasse auch wenn dies verboten ist, durch Benutzung von Strassen auch
wenn diese gesperrt sind. Seiner Ansicht nach ist dies zwar keineswegs ungefährlich,
aber wesentlich effektiver als zurückzuschießen, da es sowohl die Kontrolle
der Armee als auch deren Legitimation gefährdet. Man müsse "Friede führen"
mit der gleichen Entschlossenheit, mit der Kriege geführt werden. Zusammen mit
starker internationaler Präsenz könnte so (und konnte in einzelnen Fällen
bereits in der Vergangenheit) die Besatzung wirksam herausgefordert werden.
Aber nicht nur die direkte Konfrontation stellt eine Form des Widerstands dar,
betonte Adam Shapiro, auch die vielen freiwilligen Helfer, die Wohnungslose bei
sich aufnehmen, die nachbarschaftlich Kranke versorgen oder Kinder unterrichten,
wenn durch Ausgangssperre Krankenhäuser und Schulen nicht mehr erreichbar sind.
Ziviler Widerstand ist wirkungsvoll, das zeigten viele Beispiele und er könnte
noch viel wirksamer werden. Schade, dass die Konferenz ihren Aktionsplan überwiegend
auf Appelle und Druck auf Regierungen und UN fokussiert hat und nicht mit
gleicher Entschlossenheit einen Plan zur Stärkung zivilen Widerstands
entwickelt hat. Aber vielleicht kommt das ja noch, die vernetzte NGO-Arbeit zum
Thema Nahost muss und wird weitergehen. Die Grundlagen dafür wurden in der
Konferenz gelegt und das ist immerhin etwas.
Claudia Haydt ist Religionswissenschaftlerin und Soziologin, Beirätin der
Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. in Tübingen.
PDF-Datei: http://imi-online.de/download/Beendet-die-Besatzung-IMI-Analyse.pdf
Claudia Haydt
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