Vergewaltigung als Strategie im Krieg nimmt zu

Der Krieg in Bosnien brachte das Thema zum ersten Mal so richtig ins Bewusstsein der Deutschen: Frauen und Mädchen als Kriegswaffe missbraucht - indem sie massenhaft vergwaltigt werden. Nach offiziellen Schätzungen wurden in der Zeit des Konflikts auf dem Balkan mindestens 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt - die Dunkelziffer schätzt die UN-Organisation Unicef um ein Vielfaches höher. Das Problem ist seitdem eher brisanter geworden - ein Grund für weltweit tätige Organistaionen zum Weltfrauentag darauf aufmerksam zu machen.

Neue Strategie
Unicef hat in den Massenvergewaltigungen tatsächlich eine Strategie erkannt, die in den so genannten neuen Kriegen immer häufiger angewendet wird. Es sind die ethnischen Konflikte und Bürgerkriege, in denen die Grenzen zwischen Kriegshandlungen, Verbrechen und massiven Menschrechtsverletzungen immer mehr verschwimmen. Kriegsherren setzen sie gezielt ein: Plünderungen, Terror gegen die Bevölkerung - und Vergewaltigungen.

Die Liste ist lang
Überall auf der Welt: Auf Bosnien folgte Ruanda, wo 1994 eine viertel bis eine halbe Million Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden. Und aktuell droht eine ähnliche Katastrophe im Kongo. Massenvergewaltigungen und sexualisierte Folter haben Unicef und die Frauenschutz-Organisation Medica Mondiale in den vergangenen Jahren auch in vielen anderen Ländern der Erde ausgemacht: Burundi, Liberia, Sierra Leone, Uganda, Haiti, Guatemala, Peru, Afghanistan, Bangladesh, Myanmar, Kaschmir, Ost-Timor, Tschetschenien.

 

"Immer schlimmeres Ausmaß"
"Vergewaltigungen hat es in allen Kriegen gegeben, doch sie nehmen nun ein immer schlimmeres Ausmaß an", sagte Unicef-Sprecher Reinhard Schlaginweit. Die Ärztin Monika Hauser, Mitgründerin von Medica Mondiale, fügt hinzu: "In patriarchialischen Gesellschaften ist Gewalt gegen Frauen eine Waffe gegen Männer. Sie soll ihnen beweisen, dass sie unfähig sind, ihre Familien zu beschützen."

 

Seelisches Trauma, gesellschaftliche Isolation
Diese Art der Kriegsführung fügt nicht nur den betroffenen Frauen und Mädchen massive seelische Schäden zu - sie zerreißt Familien, Freundschaften, Dorfverbände. Für viele Überlebende beginnt nach der traumatischen Gewalterfahrung der Alptraum des Schweigens - aus Angst vor erneuter Ausgrenzung und Diskriminierung. Denn wer das Schweigen bricht, riskiert die soziale Isolation. "Jetzt bin ich eine Ausgestoßene", sagt Francine M. aus dem Kongo, die sich dem Priester ihres Dorfes anvertraute. Die sechsfache Mutter wurde von ihrer Familie verstoßen, als diese erfuhr, dass die 35-jährige Frau von drei Soldaten vergewaltigt worden war. Ein Einzelschicksal, das kein Einzelfall ist.

 

Massenvergewaltigungen verbreitet Aids
Doch die Kriegsstrategie der Massenvergewaltigung hat noch eine weitere verheerende Konsequenz: Sie trägt zur rapiden Ausbreitung von Aids bei. Laut Unicef ist die Rate von HIV-Infizierten bei Soldaten und Milizen in der Dritten Welt mit 60 Prozent

extrem hoch. Die Folge: In einem von der UN-Organisation unterstützten Krankenhaus in Bukavu im Osten Kongos wurde bei jeder vierten vergewaltigten Frau eine HIV-Infektion festgestellt.

 

Regierungen sollen Frauen schützen
Nicht nur Unicef und Medica Mondiale, auch Organisationen wie Amnesty International, Care oder Pro Familia rufen deshalb die Politiker weltweit zum Handeln auf. "Regierungen haben die Pflicht, Frauen vor Gewalt zu schützen", sagt Barbara Lochbihler von Amnesty in Deutschland.