- Die USA sind selbstzerstörerisch und
reißen die restliche Welt mit in den Abgrund -
Von TANYA CARIINA HSU, 14. November 2008:
"Ich glaube, dass die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten
gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)
Die USA liegen im Sterben. Sie sind selbstzerstörerisch und reißen die
restliche Welt mit sich in den Abgrund.
Oftmals als Subprime-Hypothekenkrise bezeichnet, verschleiert dieser
Begriff den wahren Grund für den Zusammenbruch der Finanzmärkte. Indem man
greifbare notleidende Hypothekenkredite mit der Krise in Verbindung bringt,
kann wenigstens etwas ‚Reales’ für das Gemetzel verantwortlich gemacht
werden. Problematisch ist nur, dass dies ein Märchen ist. Das Ausmaß dieses
Finanzzusammenbruchs liegt darin begründet, dass es alles nichts als heiße
Luft war.
Die Bankenbranche änderte Ausfallgarantien in so genannte „Credit Default
Swaps“ und verwandelte riskante Wetteinsätze in ‚Derivate’. Finanzmanager
und Bankvorstände tischten der gesamten Welt diesen ultimativen Schwindel
auf, ähnlich wie die Quacksalber im 18. Jahrhundert, nur diesmal mit Anzug
und Krawatte. Und im Oktober war es schließlich zu einem
Billiarden-Dollar-Gewerbe (das sind 1000 Billionen Dollar) geworden, das nur
wenige durchschauten.
Auf falscher Hoffnung errichtet, fallen die USA nun wie ein Kartenhaus in
sich zusammen.
Es begann alles Anfang des 20. Jahrhunderts. 1907 verbreitete J.P.
Morgan, ein Privatbanker aus New York, das Gerücht, dass eine große
konkurrierende Bank – der Name blieb ungenannt – zusammenbrechen würde. Es
war eine falsche Anschuldigung, dennoch liefen alle Kunden zu ihren Banken,
um ihr Geld abzuheben. Es konnte schließlich ihre Bank sein. Durch die
massenhaften Abhebungen verloren die Banken ihre Sichteinlagen und waren
gezwungen, ihre Kredite zurückzufordern. Die Leute mussten nun also ihre
Hypotheken zurückzahlen, um die Banken wieder mit Einkommen zu versorgen,
was zu ihrem Bankrott führte. Die Panik von 1907 führte zu dem
Finanzzusammenbruch, aus dem die Gründung der U.S. Notenbank resultierte, im
Grunde ein Privatbankenkartell, das als unabhängige Regierungsorganisation
getarnt wurde. Es war gewissermaßen ein Coup von Elitebankern zur Kontrolle
der Branche.
1913 gesetzlich verankert, wurde das Geld der Nation nun von der U.S.
Notenbank bereit gestellt und verliehen, allerdings mit Zinsen. Je mehr Geld
die Notenbank drucken konnte, desto mehr ‚Gewinn’ konnte sie für sich
erwirtschaften. Von Natur aus würde die Notenbank also dauerhaft Schulden
produzieren, um selbst überleben zu können. Sie war in der Lage, die
Geldversorgung nach Belieben zu gestalten, indem sie den Wert regulierte. Um
die Wertbestimmung zu kontrollieren, musste die Inflation jedoch in Schach
gehalten werden.
Innerhalb von fünf Jahren verdoppelte die Notenbank die Geldversorgung
der USA und forderte 1920 einen Massenanteil ihrer Darlehen zurück. Mehr als
fünftausend Banken brachen über Nacht zusammen. Ein Jahr später erhöhte die
Notenbank ihre Geldversorgung wieder um 62%, aber forderte 1929 erneut die
Darlehen zurück, wiederum en masse. Diesmal führte der Crash von 1929 zum
Zusammenbruch von über sechzehntausend Banken und zu einem Börsensturz von
89%. Die privaten und gut geschützten Banken innerhalb des Notenbanksystems
waren somit in der Lage, die zusammengebrochenen Banken zum Spottpreis
aufzukaufen.
Die Große Depression schlug um sich. Im April 1933 gab der amerikanische
Präsident Roosevelt die Verfügung heraus, dass alle Goldbarren der
Öffentlichkeit konfisziert werden sollten. Diejenigen, die sich weigerten
ihr Gold herzugeben, sollten für zehn Jahre ins Gefängnis gesperrt werden.
Am Ende des Jahres wurde der Goldstandard abgeschafft. Was gegen Gold
eintauschbar gewesen war, wurde nun zum „gesetzlichen Zahlungsmittel“ aus
Papier, und Bargeld konnte nicht mehr gegen Gold eingewechselt werden.
Jahrzehnte später, 1971, setzte Präsident Nixon den Dollar komplett vom
Goldstandard ab, weswegen kein Handel zum international fixierten Preis von
35 Dollar mehr möglich war. Der Wert des U.S. Dollars wurde nun von den USA
beliebig festgesetzt, weil er „genauso wie Gold“ war. Es gab kein Wertmaß
mehr und der Dollar wurde zur allgemein gültigen Währung. Schatzwechsel
(Kurzzeitwechsel) und Anleihen (Langzeitwechsel) ersetzten Gold als Wert,
Eigenwechsel der U.S. Regierung und vom Steuerzahler bezahlt. Außerdem
konnte Gold, weil es von den währungspolitischen Deckungsvorschriften
ausgenommen war, nicht verfolgt werden, im Gegensatz zum treuhänderischen
(d.h. auf Vertrauen basierenden) Finanzsystem des Westens. Dies war nicht im
Interesse der USA.
Da nach der Großen Depression die Privatbanken bei der Ausgabe von
Hypotheken zurückhaltend blieben, rief Roosevelt Fannie Mae ins Leben. Als
staatlich gestützte Hypothekenbank bot sie bundesstaatliche Finanzierung von
Hypotheken für erschwingliche Immobilien. 1968 privatisierte Präsident
Johnson Fannie Mae und 1970 wurde Freddie Mac als Konkurrenzbank zu Fannie
Mae gegründet. Beide Banken kauften nun Hypotheken von anderen Banken und
Kreditgebern auf und verkauften sie an neue Investoren.
Als Folge des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die USA mit Bargeld
und Anleihen überspült. Durch die Rolle des militärisch-industriellen
Komplexes kamen Kriege den USA immer exponentiell zu Gute und, im Gegensatz
zu anderen Weltmächten in der Geschichte, errangen sie somit
Supermacht-Status. Dabei vergaßen sie jedoch, dass, geschichtlich gesehen,
Weltmächte immer zu gleichem Maße fallen wie sie vorher aufgestiegen sind.
Amerikaner konnten sich alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens leisten
und exportierten ihre Industriegüter in die ganze Welt. Nach dem
Vietnamkrieg wurden die USA vom wirtschaftlichen Abschwung erfasst. Aber die
Menschen wollten ihren gehobenen Lebensstil trotz Jobverlusten ungern
aufgeben, und die Produktion wurde zunehmend ins Ausland verlagert. Durch
äußere Irreführung und eigenes Anspruchsdenken verharrten die Amerikaner
über lange Zeit in der Tretmühle des Verbraucherkonsums.
1987 brach die amerikanische Börse durch risikoreiche Termingeschäfte, so
genannte Derivate, um 22% an einem Tag ein. 1989 führte die
Savings-and-Loans-Krise dazu, dass Präsident George H. W. Bush 142
Milliarden Dollar aus Steuermitteln dazu benutzte, die Hälfte der
Hypothekenbanken zu retten. Um dies zu bewerkstelligen wurde Freddie Mac
damit beauftragt, Geringverdienern Subprime-Hypotheken (also zweitklassige
Hypotheken) anzubieten. 2000 platzte der irrationale Überschwang der
Internet-Blase, und 50% der High-Tech-Firmen meldeten Bankrott an, wobei sie
5 Billionen Dollar ihres übermäßig aufgeblähten Marktwertes abschreiben
mussten.
Nach dieser Krise hielt Notenbankchef Alan Greenspan die Zinssätze so
niedrig, dass sie unter der Inflationsrate lagen. Jeder, der sein Einkommen
sparte, verlor dabei Geld, und die Sparquote fiel bald ins Defizit.
In den 90er Jahren vermarkteten Werbeleute in ihrem Übermut einen immer
luxuriöseren Lebensstil, der durch billige und einfache Kredite möglich
gemacht werden sollte. Zweithypotheken wurden zur Normalität und
Eigenheimkredite wurden dazu genutzt, Kreditkartenrechnungen zu begleichen.
Je mehr die Amerikaner kauften, desto mehr Schulden machten sie. Aber so
lange sie ihr Eigenheim hatten, konnten sie an ihrem falschen
Sicherheitsgefühl festhalten: ihr Haus war ihr Eigenkapital, es würde immer
im Wert steigen, und sie konnten es jeder Zeit, wenn notwendig, zu
niedrigeren Raten neu belasten. Auch die Finanzbranche glaubte daran, dass
die Immobilienpreise immer weiter steigen würden. Und selbst wenn sie fallen
sollten, würde die Zentralbank die Zinssätze schon senken, so dass die
Preise wieder steigen würden. Jeder glaubte, dass es eine Win-Win-Situation
sei.
Greenspans niedrige Zinssätze ermöglichten jedem die Finanzierung eines
Eigenheims. Geringverdiener aus dem Dienstleistungsbereich bekamen
hundertprozentige Fremdfinanzierungen für Häuser mit einem Wert von einer
halben Million. Dabei war den Kreditgebern klar, dass sie die Ratenzahlungen
nicht aufrechterhalten könnten.
Es erhielten so viele Menschen diese Subprime-Hypotheken, dass die
Handelsbanken und Kreditgeber bald mit einem neuen Plan daher kamen: nämlich
diese geradezu wertlosen Eigenheimkredite zu bündeln und als solide
amerikanische Kapitalanlagen an ahnungslose Länder zu verkaufen, die den
Unterschied sowieso nicht erkennen würden. Die Ausschweifungen und
Konsumausgaben der Amerikaner litten darunter nicht und wurden dabei durch
ebenso unwissende Länder noch gestützt.
Es ist schon immer so gewesen, dass eine Bank mehr Geld verliehen hat,
als sie tatsächlich besaß, da die Zinszahlungen ihr Einkommen generieren
würden. Je mehr die Bank verlieh, desto mehr Zinsen konnte sie einfordern,
selbst ohne eigene Geldbestände. Es war ein lukratives Gewerbe, Geld zu
verleihen, das man selbst nicht besaß. Hypothekenbanken und Handelsbanken
liehen sich sogar Geld von internationalen Geldmärkten, um diese
Subprime-Hypotheken bis zu über 100% zu finanzieren, und sie begannen, mehr
als zehnmal so viel zu verleihen, als sie an zugrunde liegendem Vermögen
besaßen.
Nach dem 11. September 2001 forderte George Bush die Nation auf, Geld
auszugeben, und in Zeiten des Krieges folgte die Nation dieser Bitte. Die
USA liehen sich beispiellose Summen, nicht nur um den Krieg gegen den Terror
im Nahen Osten zu finanzieren (veranschlagte Kosten von vier Billionen
Dollar), sondern auch um Steuerkürzungen zu einer Zeit zu finanzieren, in
der sie Steuern hätten erhöhen müssen. Bush senkte die
Mindestreserveanforderungen für Fannie Mae und Freddie Mac von 10 auf 2,5
Prozent. Sie waren somit nicht nur in der Lage, noch mehr Geld zu
Schnäppchen-Zinsen zu verleihen, sondern brauchten dazu nur noch einen
Bruchteil ihres Deckungskapitals. Bald verliehen die Banken das Dreißigfache
ihres Kapitalwerts. Es war eine „Orgie der Maßlosigkeit“, wie ein Ökonom es
ausdrückte.
Es war schamlose Budgetüberschreitung in Kriegszeiten. Noch nie vorher
ist eine Nation einen Konflikt eingegangen, ohne Opfer, Kürzungen,
Steuererhöhungen und einen wirtschaftlichen Status Quo hinzunehmen.
Und es wurde immer wahrscheinlicher, dass, genauso wie 1929, die
Investoren alle zur selben Zeit ihr Geld zurückfordern würden.
Um die Haftung für die risikoreichen Hypotheken sicherzustellen, schufen
dieselben Finanzhäuser, die diese Hypotheken verkauft hatten,
„Versicherungspolicen“ für ihre eigenen Subprime-Investitionen, vermarktet
als so genannte „Credit Default Swaps“ oder CDS. Da aber die Regierung
Versicherungspolicen regulieren muss, blieben die in CDS umbenannten Policen
gänzlich unreguliert. Die Finanzinstitutionen sicherten sich nach allen
Seiten ab und verkauften Prämien, um die Ramschanlagen zu schützen. Mit
anderen Worten, die Anlage, die eigentlich an Wert gewinnen sollte, konnte
darüber hinaus auch eine „Nebenwette“ haben, für den Fall, dass sie doch an
Wert verlieren würde. Im Oktober dieses Jahres wurden CDS für 62 Billionen
Dollar gehandelt, mehr als der gesamte Aktienhandel der Welt zusammen
genommen.
Diese Einsätze besaßen keinen Wert und waren keine Investments. Sie waren
einfach nur als Derivate betitelte finanzielle Instrumente – risikoreiche
Spekulationen, „Nichts gegen Nichts“ – oder wie Warren Buffet sie
bezeichnete, „finanzielle Massenvernichtungswaffen“. Der Derivathandel war
mehr als eine Billiarde Dollar „wert“ oder mehr als die Wirtschaft der
gesamten Welt. (September 2008 lag das weltweite Bruttoinlandsprodukt bei 60
Billionen Dollar).
In den 1990er Jahren dem Vorwurf der Illegalität ausgesetzt, legalisierte
Greenspan die Praxis der Derivate. Bald wurden Hedge Fonds zu einer ganz
eigenen Branche, die auf dem Derivatmarkt ihre Einsätze machten und so viel
verspielten, wie sie wollten. Da sie von Anfang an kein Geld hatten, war
dies einfach. Diese „Finanzindustrien“ traten wie Banken auf, mit der
Ausnahme, dass die Makler der Hedge Fonds, Aktienfonds und Derivate im Fall
eines Zahlungsverzugs keinen Zugriff auf Regierungsanleihen hatten. Wenn die
Eigentümer mit ihren Zahlungen in Verzug gerieten, würden die Hedge Fonds
keinerlei Zahlungsverpflichtungen haben. Diejenigen, die in eine schwankende
Anleihe investiert hatten, würden weder Gewinne noch Verluste einfahren
können.
Der Finanzmarkt war somit zur größten Industrie der Welt geworden, und
alle Finanzriesen schlugen daraus ihr Kapital: Bear Stearns, Lehman
Brothers, Citigroup und AIG. Doch die Hausbesitzer, die ihren Kredit längst
ausgereizt hatten, begannen nun, mit ihren Hypothekenzahlungen in Verzug zu
geraten. Sie zahlten schließlich nicht nur ihr Haus ab, sondern auch die
ganzen Schulden, die sich über die Jahre für Auto, Kreditkarten,
Ausbildungskredit, Arztrechnungen und Eigenheimkredit angesammelt hatten.
Sie hatten Geld aufgenommen, um Einkäufe und emporschießende
Krankenversicherungsprämien bezahlen zu können, die mit ihren größeren
Häusern und Autos mithalten sollten; sie refinanzierten die schon
vorhandenen Schulden zu geringeren Raten, die bald in die Höhe stiegen. 25%
des Jahreseinkommens eines durchschnittlichen Amerikaners ging allein in die
Tilgung der Kreditkartenschulden.
2008 fingen die Immobilienpreise an, gefährlich zu fallen und die
Hypotheken verloren plötzlich an Wert. Im September war die Auftragslage um
4,5% gefallen, Warenbestände sammelten sich in den Lagern, die
Arbeitslosenquote stieg und Zwangsvollstreckungen von Häusern nahmen um 121%
zu – bis zu 200% in Kalifornien.
Die Finanzriesen mussten den Handel mit den hypothekengesicherten
Wertpapieren aufgeben, da über ihre Verluste nun sichtbar Rechenschaft
abgelegt werden musste. Investoren begannen, ihr Geld zurückzuziehen. Bear
Stearns, stark spezialisiert auf Hypothekenbestände, brach im März als
erstes zusammen.
Wie schon im 20. Jahrhundert, schnellte JP Morgan herab und schnappte
sich Bear Stearns für ein Almosen. Ein Jahr vorher wurden Bear Stearns
Aktien noch für 159 Dollar gehandelt, doch JP Morgan konnte sich für 2
Dollar pro Aktie einkaufen und Bear Stearns übernehmen. Im September brach
„Washington Mutual“ zusammen, der größte Bankenzusammenbruch in der
Geschichte. Wieder erschien JP Morgan und bezahlte 1,9 Milliarden Dollar für
Anlagen, die auf 176 Milliarden Dollar geschätzt wurden. Es war ein reiner
Ausverkauf.
Ohne viel Aufhebens verloren im Verlauf des Sommers Freddie Mac und
Fannie Mae, die beiden öffentlich notierten Unternehmen und verantwortlich
für 80% der Hypotheken, fast 90% ihres Jahreswertes. Zusammen waren sie
verantwortlich für die Hälfte der ausstehenden Kreditsummen. Nun aber kamen
auf jeden Dollar ihrer Kapitalrücklagen 80 Dollar Schulden.
Um ihr Weiterbestehen zu garantieren schaltete sich die Notenbank ein und
übernahm Freddie Mac und Fannie Mae. Am 7. September 2008 wurden sie dem „conservatorship“
unterstellt: der gesamten übrigen Welt auch als Verstaatlichung bekannt,
aber Amerikaner tun sich mit der Vorstellung jeglicher Form von staatlich
geführten Branchen, die zudem noch Steuererhöhungen erfordert, schwer.
Tatsächlich gewährte die Regierung einen unbeschränkten Kredit.
Bereitgestellt von der Notenbank und nicht vom amerikanischen
Finanzministerium, konnte die notwendige Zustimmung im Kongress umgangen
werden. Das Finanzministerium versteigerte daraufhin Schatzanweisungen, um
Geld für den eigenen Bedarf der Notenbank aufzubringen. Nichtsdestotrotz
würde der Steuerzahler die Rettungsaktion bezahlen müssen. Die Banker hatten
das System durch Sicherungsgeschäfte und Derivatspekulationen um dutzende
Milliarden gebracht. Damit leiteten sie die Phase ein, in der die
gegenseitige Darlehensvergabe unter den Banken eingefroren wurde, welche
sich wiederum festsetzte und zusammenbrach.
Die Übernahme wurde als eine staatlich finanzierte Rettungsaktion mit
einer willkürlichen Summe von 700 Milliarden Dollar dargestellt, die nicht
im Geringsten zur Lösung des Problems beiträgt. Es wurden keine
Wirtschaftswissenschaftler gebeten, ihre Sichtweise der Dinge vor dem
Kongress vorzutragen, und die Leihgabe erhält damit nur den Mythos aufrecht,
dass das Bankensystem nicht wirklich am Boden liegt.
Tatsächlich werden sich die Verluste nicht auf 700 Milliarden Dollar,
sondern eher auf 5 Billionen Dollar belaufen, nämlich den Wert der
Hypotheken von Freddie Mac und Fannie Mae. Es war im Wesentlichen eine
Rettungsaktion der Billiarden-Dollar Derivatindustrie, auf die ansonsten
Auszahlungen von über einer Billion Dollar aus verkauften CDS
hypothekenfinanzierten Wertpapieren zugekommen wären. Dies sei notwendig
gewesen, so Finanzminister Henry Paulson, um das Land vor einer
„Immobilienbereinigung“ zu schützen. Er fügte jedoch hinzu, dass die vom
Steuerzahler finanzierte Übernahme nicht andere Banken vor einem
Zusammenbruch und einem daraus resultierenden Börsenkrach schützen würde.
Mit anderen Worten hat Paulson den Kongress erpresst, um einen Coup der
Bankenelite durchzuführen. Unter dem falschen Deckmantel notwendiger Gesetze
sollte der Deich vor der Überflutung geschützt werden. Wie schon ein
Jahrhundert vorher verschob es jedoch lediglich den Reichtum von einer
Klasse zur nächsten. Just als Paulson diese Worte gesprochen hatte,
implodierten andere Finanzinstitute, und mit ihnen kam die Auflösung des
globalen Finanzsystems – nach dem Beispiel des viel gepriesenen
amerikanischen Bankensystems.
Im September kaufte dann die Notenbank mit ihrem gesicherten Kreditrahmen
das weltgrößte Versicherungsunternehmen, AIG, für die Summe von 85
Milliarden Dollar für 80% ihrer Anteile. AIG war der größte Vertreiber von
CDS, aber da es nun in der Position war auszukehren – von
Schuldensicherheiten, die es nicht besaß – taumelte es am Rande des
Bankrotts.
Im Oktober meldete Island Bankrott an, nachdem es wertlose amerikanische
Subprime-Hypotheken als Kapitalanlagen gekauft hatte. Die europäischen
Banken fingen an zusammenzubrechen, weil sie alle zeitgleich Geld aus ihren
aufgeblähten amerikanischen Aktien schlagen wollten, um die Schulden ihrer
niedrigen Zinsraten abzubezahlen, bevor diese sich erhöhten. Schon ein Jahr
vorher waren die Zeichen augenscheinlich gewesen, als der größte
amerikanische Hypothekengeber Countrywide zusammenbrach. Kurz danach ging
der größte Kreditgeber Großbritanniens, Northern Rock, unter – nachdem
London über Jahre hinweg die Wall Street mit ihrer kreativen
Kapitalbeschaffung imitiert hatte. Japans und Koreas Autoindustrie machte
einen Sturzflug von 37%, die Weltwirtschaft zieht sich zusammen. Pakistan
ist auch kurz vor dem Zusammenbruch, mit realen Rücklagen von 3 Milliarden
Dollar – gerade genug um Essen und Öl für einen Monat zu kaufen – und
versucht, die Zahlungen für die von Saudi-Arabien gelieferten 100 000 Barrel
Öl pro Tag auszusetzen. Unter Präsident Musharraf, der sein Amt gerade zum
rechten Zeitpunkt abgelegt hat, hat Pakistans Währung 25% ihres Wertes
verloren und die Inflation wütet bei 25%.
In der Zwischenzeit schnellten die Energiepreise empor und der Ölpreis
erreichte seinen Höhepunkt mit fast 150 Dollar pro Barrel im Sommer. Die
Kosten wurden direkt an die schon abgebrannten Hausbesitzer weitergegeben,
mit der Anhebung der Heiz-, Öl-, Transport- und Herstellungskosten. Doch 30%
der Kosten für ein Barrel Öl basierten auf Spekulationen der Wall Street und
stiegen durch den spekulativen Angstfaktor auf 60% im Verlauf des Sommers.
Als die Finanzkrise erste Anzeichen zeigte, rutschte der Ölpreis in den
Keller. Von einem Höchststand von 147 Dollar im Juni wurde er auf 61 Dollar
beschnitten, was beweist, dass der Spekulationsfaktor von 60% sehr viel
präziser war. Dieser plötzliche Abfall zeigte deutlich, wie wenig Kontrolle
die OPEC über die in die Höhe schießenden Preise in den letzten Jahren
hatte, die voll und ganz auf den alleinigen Schultern von Saudi-Arabien
lagen. Als die OPEC im September versuchte, die hohen Preise durch
Zurückfahren der Produktion zu halten, stimmte Saudi-Arabien auf Kosten
seiner eigenen Einkünfte dagegen.
Daraufhin entschied sich Europa, dass es nicht weiter durch amerikanische
Ausschweifung ruiniert werden würde. Das ‚alte Europa’ hatte wahrscheinlich
genug, ständig Vorschriften von den USA zu bekommen und weigerte sich,
Kompromisse bei Krediten einzugehen, die ihren eigenen zerrütteten Nationen
nach dem Zweiten Weltkrieg gewährt worden waren. Am 13. Oktober einigten
sich die einst gespalteten europäischen Länder einstimmig auf einen
Notfallplan von 2,3 Billionen Dollar. Dies war dreimal so viel wie das
amerikanische Paket – für eine Katastrophe, die allein von den USA
ausgegangen war.
Mitte Oktober hatten der Dow Jones, der NASDAQ und der S&P 500 all ihre
Gewinne, die sie in den letzten zehn Jahren gemacht hatten, ausgelöscht.
Greenspans Pyramidenmodell, aus nichts Geld zu machen, führte zu massiver
Überschuldung, aufgeblähten Immobilienpreisen und unglaublichen
Bestandsbewertungen, was dadurch erreicht wurde, dass die Investoren nie
alle zur selben Zeit ihr Geld vom Markt zogen. Doch nun brach der Markt in
einem halsbrecherischen Tempo zusammen und eine Lösung war nicht in Sicht.
Präsident Bush ließ verlauten, dass sich niemand Sorgen zu machen bräuchte,
da „Amerika das beliebteste Ziel für Investoren aus aller Welt sei“.
Diejenigen, die es am meisten trifft, sind genau jene Menschen, die dem
Land nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufschwung verholfen und ihre Pensionen
für das jetzt beginnende Rentenalter gespart haben. Sie haben das Land in
den Jahren der Kriegsproduktion mit aufgebaut, stellten seine Waffen und
Gewehre für den globalen Konflikt her. Während des Kalten Krieges war die
UdSSR der stets präsente Feind, und so wurde der militärisch-industrielle
Komplex immer weiter ausgebaut. Die USA profitieren nur in Zeiten des
Krieges.
Russland wird ein erneutes Aufrüsten von ballistischen Raketen nach Art
des Kalten Krieges nicht tolerieren. Und der Nahe Osten wurde Zeuge, wie
sein historischer Verbündeter zu seinem schlimmsten Alptraum wurde, sei es
militärisch oder wirtschaftlich. Diese Länder werden in Zukunft den Dollar
nicht mehr als Weltwährung anerkennen. Die Weltwirtschaft wird nicht länger
von den USA kontrolliert werden und die USA stehen nun in der Schuld der
restlichen Welt. Sie werden in Zukunft nicht mehr in der Lage sein, von
ihrem größten Öllieferanten im Nahen Osten eine Offenlegung seiner Konten zu
fordern, um Korruption und terroristischen Verbindung transparenter zu
machen und um Konsequenzen auszuschließen – die größte Straftat in der
Geschichte krimineller Korruption wurde gerade von den USA begangen.
Es war die beste Betrügerei am Platze: große Risikosummen zu verkaufen
und dafür gut bezahlt zu werden, zu versagen, und dann den Staat das Problem
auf Kosten des Steuerzahlers lösen zu lassen, des Steuerzahlers, der sowieso
selbst nie einen Cent des gemeinsamen Wohlstands zu sehen bekommen hat.
Es gibt keine einfache Lösung in dieser Krise, ihre Auswirkungen
vermehren sich wie eine ansteckende Krankheit.
Ironischerweise sind die islamischen Banken am wenigsten von der Krise
betroffen.
Sie sind weitestgehend immun gegen den Zusammenbruch, weil das islamische
Bankwesen die Anhäufung von Reichtum durch Glückspiele (oder Alkohol, Tabak,
Pornographie und Aktien von Waffenunternehmen) verbietet. Es verbietet auch
den Kauf und Verkauf von Schulden und Zinswucher. Des Weiteren untersagt das
Scharia-Bankengesetz Investitionen in jegliche Unternehmen, deren
Verschuldung 30% überschreitet.
„Islamische Bankinstitutionen sind nicht per se zusammengebrochen, denn
sie handeln mit Sachanlagen und berechnen die Risiken“, erklärt Dr. Mohammed
Ramady, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der King Fahd Universität
für Petroleum und Minerale. „Obwohl der islamische Bankensektor auch Teil
der Weltwirtschaft ist, sind die Auswirkungen der direkten Gefährdung durch
Subprime-Anlageninvestitionen eher gering“, führt er weiter aus. „Der
Liquiditätsrückgang hat im Besonderen Dubai getroffen, das viele
internationale Anleihen tätigt. Die größte negative Auswirkung ist der
Vertrauensverlust in regionale Aktienmärkte“. Stattdessen, so Dr. Ramady,
überdenken jetzt die großen arabischen Ölnationen ihre
„Auslandsinvestitionen in Finanzaktiva“ und treiben dafür ihre eigenen
innerstaatlichen Projekte voran.
Vor acht Jahren, im Mai 2000, gab der saudisch-islamische Banker Seine
Hoheit Dr. Nayef bin Fawaaz ibn Sha’alan öffentlich eine Reihe von
wirtschaftlichen Vorträgen in den Golfstaaten. Seine Recherchen zeigten,
dass zu der Zeit arabische Investitionen in den USA – in Höhe von 1,5
Billionen Dollar – auf wirksame Weise festgesetzt wurden und er empfahl, sie
zurückzuziehen und in Sachvermögen auf arabischen und islamischen Märkten
neu zu investieren. „Jedoch nicht in Aktien, da der Aktienmarkt aus der
Ferne manipuliert werden könnte, wie wir es in den letzten Jahren auf dem
arabischen Markt gesehen haben, wo Billionen an Dollar sich in Luft
aufgelöst haben.“
Er sprach auch die Warnung aus, dass das amerikanische Wirtschaftssystem
durch seine angehäuften Schulden, das ständig steigende Defizit und die
Zinsen für diese Schulden, ohne Zweifel am Rande des Zusammenbruchs stände.
„Wenn die Schulden und Defizite eingefordert werden, werden einfach neue
Schatzanweisungen ausgestellt, um die ausstehenden alten Anleihen zu decken,
zusammen mit ihren Zinsen und dem neuen Defizit “ Der Kreislauf könne nicht
gestoppt oder die Schulden getilgt werden, weil die USA dann nicht mehr in
der Lage seien, Anleihen zu tätigen. Die Folge einer Auflösung dieses
Kreislaufs wäre der vollständige Zusammenbruch ihres Wirtschaftssystems im
Gegensatz zum teilweisen, wenn auch massiven, Absturz von 2008.
„Das islamischen Bankwesen“, so Dr. Al-Sha’alan, „sichert immer den
Besitz des Einzelnen, indem es Eigennutz und Gier einen Riegel vorschiebt.
Es verkörpert das Beste des Kapitalismus und des Sozialismus, indem
es die negativen Auswirkungen aus beiden herausfiltert.“ Beide Systeme seien
unvermeidlich dem Untergang geweiht gewesen. Dazu kommt, dass Europa und
Japan nicht mehr von den USA zur Rechenschaft gezogen werden würden bzw.
ihnen zu Dank verpflichtet seien für den Schutz vor den Sowjets.
„Der wesentliche Unterschied zwischen dem islamischen Wirtschaftssystem
und dem kapitalistischen System liegt darin“, so Dr. Al-Sha’alan weiter,
„dass im Islam Reichtum und Besitz Gott gehören – der einzelne Mensch ist
nur der Manager. Geld ist nur ein Mittel, nicht der Zweck. Im Kapitalismus
ist dies anders: Geld gehört dem Einzelnen und ist absoluter Selbstzweck.
Besonders in den USA wird Geld verehrt wie Gott.“
Kurz gesagt ist der Zusammenbruch des gesamten Weltwirtschaftssystems das
Ergebnis der finanzpolitischen Arroganz, mit der die USA für sich andere
Spielregeln beanspruchen als sie dem Rest der Welt zubilligen. Ihre
zunehmend kreativere Kapitalbeschaffung täuschte ihre Bevölkerung und
gaukelte ihr ein falsches Sicherheitsgefühl vor, und nun sieht es danach
aus, als stände der Kapitalismus vor seinem Ende.
Die Praxis der gewaltsamen Demokratisierung von arabisch-muslimischen
Nationen hat die USA beinahe in den Bankrott getrieben. Der Kalte Krieg ist
vorbei und die USA haben nichts mehr zu bieten: kein Export, keine
Produktion, wenige Bodenschätze und keinen wirtschaftlichen
Dienstleistungsbereich.
Genau jene Märkte, die sich der amerikanischen Wirtschaftspolitik am
meisten widersetzt haben, indem sie ausländische Direktinvestitionen in die
USA gedrosselt haben, werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen und am
Ende oben stehen.
Aber bevor das passiert, werden sie einen sehr hohen Preis zu zahlen
haben.
--
Tanya Cariina Hsu ist Politikwissenschaftlerin und
politische Analystin mit dem Schwerpunkt auf saudisch-amerikanische
Beziehungen. Die gebürtige Londonerin zog 2005 nach Riad, Saudi-Arabien, und
schreibt zur Zeit ein Buch über die amerikanische Politik in Saudi- Arabien.
Sie ist eine der Unterzeichner/innen der kürzlich veröffentlichten
schriftlichen Stellungnahme von FOCA (Friends of Charities Association) zum
Königreich Saudi-Arabien in einer Anhörung des Rechtsausschusses im Senat
des amerikanischen Kongresses in Washington D.C. Ihre Untersuchung wurde in
den USA, Europa und im Nahen Osten veröffentlicht und von Kritikern
gefeiert.
Sie war die erste, die 2004 beim Symposium „A Clean Break“ in
Washington D.C. in ihrer Funktion als Forscherin und Direktorin für
Entwicklung des „Institute for Research: Middle East Policy“ (IRmep) den
Bann gegen die öffentliche Diskussion des israelischen Einflusses auf
Entscheidungsprozesse in der amerikanischen Außenpolitik gebrochen hat.
Tanya Cariina Hsu arbeitet heute als internationaler Fellow für das
Institut.
Dieser Artikel erschien auf Englisch unter dem Titel „Death of the
American Empire“ in Global Research, am 23. Oktober 2008
http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=10651
Übersetzung ins Deutsche: Hintergrund