* Smilja Avramov ist Professorin für Internationales Recht
in Belgrad
F: Sie sind vermutlich die renommierteste Völkerrechtlerin in
Serbien und wurden von Slobodan Milosevic als Zeugin seiner Verteidigung
aufgerufen. Sie schreiben auch Bücher über die Trilaterale Kommission
und die Bilderberg-Gruppe – Themen, die in Deutschland eher Außenseiter
beschäftigen. Wie paßt das alles zusammen?
Viele Leute wissen nicht, wie die Neue Weltordnung tatsächlich
funktioniert. Um bei dem Thema zu bleiben, zu dem ich auch im Haager
Prozeß ausgesagt habe, die Zerschlagung Jugoslawiens: Die letzte
Entscheidung ist in der Bilderberg-Gruppe gefallen. Lord Carrington, der
für die Europäische Gemeinschaft 1991/92 als Balkanbeauftragter aktiv
war, war damals deren Präsident.
F: Was ist die Bilderberg-Gruppe?
Vielleicht müssen wir mit der Trilateralen Kommission beginnen. Sie
wurde 1973 gegründet und ist nichts anderes als eine Weltregierung im
Wartestand. Auf ihren Tagungen werden die jeweils aktuellen globalen
Probleme verhandelt und dazu entsprechende Beschlüsse gefaßt, also
etwa 1991 zur Zerschlagung Jugoslawiens. Alle 51 Protokolle der Tagungen
der Trilateralen Kommission konnte ich mir besorgen und für mein Buch
»Trilateralna Komisija« auswerten. Die Bilderberg-Gruppe wiederum ist
eine zweite Gesellschaft, die aber weitgehend dieselben Mitglieder hat.
Ihre Gründung wurde vom Vatikan angeregt.
F: »Weltregierung im Wartestand« – das klingt für mich etwas überzogen.
Die maßgeblichen Entscheidungsinstanzen sind doch eher der IWF, die
Weltbank oder die G8 – oder?
Dort fallen die Entscheidungen pro forma, aber alles muß doch
vordiskutiert werden. Und dafür gibt es die Trilaterale Kommission. Zum
Beispiel war beim letzten europäischen Treffen der Kommission im Herbst
2004 in Berlin das Verhältnis zu Rußland ein großes Thema. Schauen
Sie sich die Mitglieder des Präsidiums an – ich habe hier den Stand
von 1997 –, unter den zehn Mitgliedern des Präsidiums sind die besten
Adressen aus der Welt des Kapitals: der Multimilliardär David
Rockefeller, der ehemalige US-Zentralbankchef Paul A. Volcker, der
ehemalige BRD-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, drei wichtige
japanische Wirtschaftsführer. Unter den 250 Mitgliedern werden Sie
weitere bekannte Namen finden: Zbigniew Brzezinski, Richard Holbrooke,
Henry A. Kissinger, Paul D. Wolfowitz, Josef Ackermann, Kurt Biedenkopf,
Horst Köhler ...
F: Die Trilaterale Kommission gibt es schon über 30 Jahre, aber
offen wird über weltweite Steuerungsmechanismen erst seit einigen
Jahren diskutiert, Stichwort Global Governance. In welchem Verhältnis
steht das zueinander?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wandten sich maßgebliche
US-Kreise von der Trilateralen Kommission ab, da sie nun den Kurs auf
Alleinherrschaft einschlugen. Eine Auswirkung dessen ist etwa das Haager
Tribunal, das weitgehend von den USA beherrscht wird. Das wurde formal
vom UN-Sicherheitsrat installiert, aber der hatte gar keine Befugnisse
dazu, wie ich bei den vorhergehenden Beratungen der UN als Vertreterin
Jugoslawiens auch gesagt habe. Übrigens haben US-Rechtsprofessoren, die
nach 1945 für das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal gearbeitet
haben, dieselbe Meinung vertreten. Im Unterschied zum Haager Tribunal
ist der gleichfalls in Den Haag etablierte Internationale
Strafgerichtshof (ICC) eine Institution, die völkerrechtlich korrekt
zustande gekommen ist, nämlich durch einen von Staaten ratifizierten
Vertrag. Bezeichnenderweise wird der ICC von den USA boykottiert. Sie
wollen, daß Serbien seine Bürger an das »Tribunal« überstellt, aber
sie selbst sind nicht dazu bereit, ihre Bürger der Jurisdiktion des ICC
zu übergeben.
Global Governance bedeutet übrigens für die Trilaterale Kommission
»Governance without Governments«, also Weltherrschaft ohne
Regierungen. So betreibt man weltweit die Zerstörung von
Staatsfunktionen und schafft über sogenannte
Nichtregierungsorganisationen Instrumente, um an den bestehenden
Regierungen vorbei die Geschicke der Völker zu lenken.