Soldaten bleiben noch ein Jahr
Kritik an verlängertem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan
ngo-online/30.09.2004 - Der Bundestag hat am
Donnerstag nahezu geschlossen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr um
ein weiteres Jahr verlängert. 509 Abgeordnete stimmten dafür, bis 13.
Oktober 2005 bis zu 2250 Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. 48
Abgeordnete stimmten dagegen, drei enthielten sich. Friedensinitiativen
kritisierten die Entscheidung. Verschiedene Friedensorganisationen
hatten im Vorfeld appelliert, die Hilfe für Afghanistan auf zivile
Mittel unter Federführung des Ministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit (BMZ) zu konzentrieren. Das Militär dagegen gefährde
die nötige Neutralität von Hilfsorganisationen und die zivilen Helfer,
hieß es.
Überschattet wurde die Abstimmung von einem
Raketenanschlag auf das Bundeswehr-Camp in Kundus, bei dem am Mittwoch
drei deutsche und zwei weitere Soldaten verletzt worden waren. Das
Netzwerk Friedenskooperative zeigte sich dadurch in seinen Bedenken bestätigt,
dass die militärische Präsenz terroristische Gewalt eher anziehe als
abschrecke.
Kritik am Bundeswehr-Einsatz kam nicht nur von den
beiden PDS-Abgeordneten, sondern auch von der FDP. Die ungelöste Frage
des Drogenanbaus mache aus dem Einsatz eine "mission impossible".
Der stellvertretende Kommandeur der Nato-geführten Internationalen
Sicherheitstruppen (Isaf) in Afghanistan, der deutsche Generalmajor
Wolf-Dieter Loeser, hatte zuvor verlangt, noch in diesem Jahr gegen den
Schlafmohnanbau und seine politischen Profiteure vorzugehen.
Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) dagegen besteht darauf, dass
sich die Bundeswehr in Afghanistan weiterhin nicht in diese
Angelegenheit einmischt.
Der Bundesausschuss Friedensratschlag kritisierte,
die Fortschritte beim Aufbau Afghanistans seien auch drei Jahre nach dem
Krieg äußerst bescheiden. Die Macht der Warlords sei ungebrochen, auch
in Kundus und Feisabad, wo die Bundeswehr im Einsatz ist. "Es ist
Augenauswischerei, wenn Verteidigungsminister Struck immer wieder
betont, wie "beliebt" deutsche Soldaten bei der Bevölkerung
in Afghanistan seien", kritisierte Peter Strutynski, Sprecher des
Bundesausschusses Friedensratschlag. "Sie mögen beliebt sein,
sofern sie sich als humanitäre Helfer betätigen. Dafür gibt es aber
geeignetere Hilfsorganisationen."
Der militärische "Schutz" erweise sich
in den Augen der meisten Hilfsorganisationen als hinderlich. Die
Sicherheitslage für das zivile Hilfspersonal habe sich eher
verschlechtert, da die Bundeswehr und andere Streitkräfte eigene
Hilfsprojekte durchführten und als "Helfer in Uniform" aufträten,
sagte Jürgen Lieser, Vorstandsmitglied des Verbandes
entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Dadurch würden
die in Afghanistan tätigen neutralen und unabhängigen
Hilfsorganisationen mit den politischen Interessen des Westens
assoziiert und zur Zielscheibe von Angriffen.
Wiederaufbau und humanitäre Hilfe seien
Angelegenheiten der zivilen Hilfsorganisationen und sollten nicht zum
Auftrag der Streitkräfte gehören, forderte Lieser. Eine bewaffnete
humanitäre Hilfe sei zum Scheitern verurteilt. "Insofern ist auch
die Bezeichnung regionales Wiederaufbauteam für den Bundeswehr-Einsatz
irreführend", so Lieser.
Die kosten für den Einsatz sollen 310 Millionen
Euro betragen. Dieses Geld, so Friedensratschlag-Sprecher Strutinsky, wäre
besser angelegt in rein zivilen Programmen zur Unterstützung sozialer,
medizinischer, schulischer und infrastruktureller Projekte. Fast alle
zivilen Hilfsorganisationen bezeichneten die sogenannte zivil-militärische
Zusammenarbeit als kontraproduktiv.
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