Schülerstreik gegen den Krieg (SZ 26.2.03)
Geiler Frieden
Oft singen Politiker, Lehrer und auch manche Eltern das Klagelied von den
lustlosen Jugendlichen, die sich nur dafür interessierten, ob sie mit ihrem
neuen Handy auch fotografieren könnten. Junge Leute - so wird gebetsmühlenhaft
wiederholt - seien vorwiegend auf den eigenen Vorteil bedacht. Gerade
diejenigen, die von den politisch bewegten sechziger und siebziger Jahren geprägt
wurden, kritisieren das angebliche Desinteresse der Jüngeren an politischen
Themen.
Gestern haben mehrere tausend Schüler die Schule verlassen, den Unterricht
bestreikt und friedlich gegen mutmaßliche amerikanische Kriegspläne
demonstriert. Damit zeigten sie, dass sie die Frage von Krieg oder Frieden
keineswegs kalt lässt. Das war übrigens während des ersten Golfkrieges 1991
ähnlich - auch damals hielt es eine politisch bewegte Schülerschaft nicht mehr
in den Klassenzimmern.
Im Vorfeld der Veranstaltung hatten viele Schulleiter keinen Hehl daraus
gemacht, was sie von einem solchen Ausstand hielten: Schüler seien keine
Arbeitnehmer und deshalb auch nicht zum Streik berechtigt. Mit Rundschreiben und
direkter Ansprache stellten die Rektoren klar, dass sie eine Teilnahme am Streik
ablehnten. Damit sind sie einerseits ihrer Pflicht nachgekommen, andererseits
haben sie dadurch die Veranstaltung für ihre Schüler noch attraktiver gemacht.
Wenn Autoritäten Reibungsfläche bieten, wird ein Aufstand mit begrenztem
Risiko für die Schutzbefohlenen erst richtig reizvoll.
Manchen, die gestern Parolen gegen den Krieg skandierten, mag zudem die Aussicht
auf einen unterrichtsfreien Tag im hellen Sonnenschein den Gang auf die Straße
erleichtert haben. Freunde von geschliffener Rhetorik und differenzierten
Aussagen sind bei der Demonstration nicht auf ihre Kosten gekommen. Schilder mit
Aussagen wie "Frieden ist geil" wurden in die Höhe gereckt, manche
Linksaußen verurteilten neben den Kriegsvorbereitungen gleich noch das
Dosenpfand. Linke Splittergruppen, denen sonst der Zulauf fehlt, versuchen, mit
dem emotional besetzten Thema bei den Schülern Nachwuchs zu rekrutieren. Sie
sollten sich keinen großen Illusionen hingeben: Die meisten Jugendlichen können
sich auch bei politischen Themen eine eigene Meinung bilden - nicht nur beim
Handykauf.
Von Erik Raidt