Kaschmir war bis zu Beginn der Erdbebenkatastrophe am 8. Oktober
in weiten Teilen militärisches Sperrgebiet und für Ausländer
unzugänglich. Inzwischen sind dort rund 70 Bundeswehrsoldaten
stationiert, die dem Einsatzführungskommando in Potsdam-Geltow
unterstehen. Die zivilen Aktivitäten der Bundesregierung
konzentrieren sich auf den Gesundheitssektor, der zu den künftigen
Schwerpunkten deutscher Pakistan-Präsenz gehören wird. Der
Aufbau zivil-militärischer Kernzonen ähnelt der deutschen
Vorgehensweise in der indonesischen Provinz Aceh, die am
Jahresanfang von einem Seebeben heimgesucht und ebenfalls Ziel
konzentrierter Einflussmaßnahmen wurde.[1]
Verbindungen nach Zentralasien
Pakistan wird wegen seiner geostrategischen Lage große
Bedeutung zugemessen. "Die US-Präsenz in Pakistan und
Afghanistan erleichtert es (...), China in Schach zu
halten", heißt es in Kreisen der deutschen
Entwicklungspolitik über den US-Einfluss in Islamabad.[2] Auch
müssten die Verbindungen zwischen islamistischen Gruppen in
Pakistan und in zentralasiatischen Staaten in Rechnung gestellt
werden. Kaschmir schließlich gilt wegen seiner zentralen
Bedeutung für die Beziehungen zwischen Islamabad und New Delhi
als Schlüsselregion für den Süden des Kontinents.
Ungenutzte Potentiale
Zu den Schwerpunkten deutscher Entwicklungspolitik in Pakistan
gehört die Förderung Erneuerbarer Energien, insbesondere der
Wasserkraft. Im gebirgigen Norden des Landes seien "große,
bisher ungenutzte Potentiale für diese Form der
Energiegewinnung vorhanden", teilt das
Entwicklungsministerium mit.[3] Die GTZ berät die pakistanische
Regierung "seit vielen Jahren" auf dem Energiesektor,
hat mit der Water and Power Development Authority (WAPDA)
zusammengearbeitet und kooperiert auch direkt mit dem Wasser-
und Energieministerium in Islamabad.[4] Vor dem Hintergrund
eines starken Anstiegs der pakistanischen Strompreise seit der
Privatisierung des Energiesektors Mitte der 1990er Jahre
erhoffen sich deutsche Unternehmen neue "Absatz- und
Kooperationsmöglichkeiten".[5]
Pakistan Business Day
Bereits jetzt erzielen deutsche Investoren in der Wasser-Branche
hohe Gewinne. Ihnen arbeiten deutsche Entwicklungsorganisationen
zu, die als "Berater" tätig sind. Umfangreiche Aufträge
beim Bau des Wasserkraftwerks Ghazi Barotha wurden den
Unternehmen Züblin und Voith Siemens zugedacht - u.a. aus
Geldern des Berliner Entwicklungsministeriums. Lahmeyer
International (Bad Vilbel bei Frankfurt am Main) erhielt von der
WAPDA die ingenieurtechnische Aufsicht über das Allai Khwar
Hydropower Project im Nordwesten des Landes - beraten von der
GTZ (Eschborn bei Frankfurt am Main). Inzwischen geht das
deutsche Interesse auf den Ausbau der Windenergiekapazitäten in
Pakistan über. Erst kürzlich warb der Direktor des Alternative
Energy Development Board (AEDB) auf einem "Pakistan
Business Day" in Berlin um deutsche Investitionen für die
pakistanische Windenergiebranche. Über deren Potential
informierte auf der Veranstaltung, die von der Nordafrika
Mittelost Initiative der Deutschen Wirtschaft (NMI) organisiert
wurde, ein Experte der GTZ.
Bislang vernachlässigt
Der Nordwesten Pakistans, in dem die deutschen
Wasserkraft-Aktivitäten kumulieren, ist auch im Rahmen der
aktuellen Wiederaufbaumaßnahmen (Fördervolumen: fünf
Milliarden Euro) die deutsche Schwerpunktregion. Im Schatten der
Wasserkraftwerke siedeln sich neue Industriebetriebe an, denen
eine steigende Bedeutung zugeschrieben wird. "Der
pakistanische Markt ist bisher noch vergleichsweise wenig von
deutschen Unternehmen berücksichtigt worden", heißt es
beim Nah- und MittelOst-Verein (NuMOV). Die Organisation kündigt
für Anfang Dezember eine Delegationsreise deutscher Unternehmer
nach Pakistan an. Den Auftrag erteilte das Berliner
Wirtschaftsministeriums.[6]
Perspektivarbeit
Gegen die Ausweitung westlicher Katastrophenhilfe auf ökonomischem
und militärischem Gebiet hatten sich nach dem Seebeben im
Januar 2005 Regierungsvertreter mehrerer betroffener Länder
gewehrt.[7] Hieß es damals, man habe es mit übersteigertem
politischem Misstrauen zu tun, so zeigt die gegenwärtige
Entwicklung im Kaschmir-Gebiet, dass auf Naturkatastrophen in ärmeren
Ländern zwangsläufig Nachbeben folgen - der Einbruch
westlicher Staaten, die ihre Hilfspotentiale für
geostrategische Perspektivarbeit nutzen.
