manager-magazin.de, 18.01.2004, 18:45 Uhr

L Ä N D E R - R A N K I N G

Supermacht Deutschland?!?

Vor Frankreich und Großbritannien steht Deutschland im Vergleich der "World's most powerful Countries" auf Platz zwei. Überlegener Sieger des Rankings, das das US-Magazin "Newsweek" alljährlich veröffentlicht, sind die USA.

New York - Das Ergebnis des "Newsweek"-Ländervergleichs, der in einem Sonderheft gedruckt wurde, fällt schmeichelhaft aus. "Deutschland hat in keiner Kategorie den ersten Platz erreichen können - holte aber überall so viele Punkte, dass Platz zwei sicher erreicht wurde", lautet das Fazit der Redaktion.

Anhand statistischer Daten aus 22 Sektoren wurden die globalen Gewichte ermittelt. Im Sektor "Diplomatische Beziehungen" erreichte Deutschland Platz zwei, obwohl die Ausgaben für die Außenpolitik mit 5,4 Milliarden Dollar (alle weiteren Summen werden ebenfalls in Dollar angegeben) weit hinter Japan mit 9,2 Milliarden zurückblieben. Die USA, überlegener Sieger des Vergleichs, belegen hier mit 12,9 Milliarden Platz eins.

Beim Thema "Wirtschaftskraft" belegte Deutschland ebenfalls Platz zwei. Entscheidend für die gute Platzierung war das Exportvolumen, das mit 608 Milliarden nur 123 Milliarden hinter dem der Erstplatzierten USA zurückblieb. Es folgen mit großem Abstand Japan (384), China (313) und Frankreich (308).

"Social Power" könnte größer sein

Schwächen bescheinigt der Vergleich Deutschland beim Thema Innovationen (vergleichsweise wenig Patentanmeldungen) und in der Kategorie "Social Power".

In der Kategorie "Movie Power" zählte "Newsweek" die Anzahl der produzierten Filme, deren Export "hohe Profite" versprächen. Indien führt hier mit 1200 Filmen pro Jahr, 543 sind es in den USA, Deutschland landet mit 116 Filmen vor China (100).

Im Bericht zur weiteren Entwicklung der Machtverhältnisse rund um den Globus schreibt "Newsweek": "Die Vereinigten Staaten müssen beweisen, dass die Reformen im Corporate-Governance-Bereich genügen, um langfristig Vertrauen in der Finanzwelt zu erhalten. Japan muss die Reformen auf dem Bankensektor weiter vorantreiben. Aber Europa steht vor der größten Herausforderung: Das Produktionspotenzial muss langfristig erhalten, beziehungsweise verbessert werden."

Globalisierung für Europa die größte Herausforderung

Die Ost-Erweiterung der EU sei der wichtigste politische Schritt der vergangenen Jahrzehnte - nun müsse die Region zeigen, dass die EU mit 25 statt 15 Mitgliedern in der Lage ist, Potenziale freizusetzen. Die Vorzeichen dafür seien aber nicht die besten: Zum einen sei die Hälfte der europäischen Länder 2003 in oder nahe an einer Rezession gelandet. Zum anderen "gibt es kaum Produkte oder Services in Europa, die keine Konkurrenz bei Unternehmen in Asien oder den USA haben". Die Herausforderungen, die durch die Globalisierung entständen, seien für Europa am größten, resümiert "Newsweek".

Zur Rangfolge der zehn mächtigsten Länder druckt "Newsweek" folgende Urteile:

1. USA - "Hohe Punktzahl trotz Schwächen im Umweltschutz und bei den Ölreserven"

2. Deutschland - "Nirgends die Nummer eins, aber insgesamt stark"

3. Frankreich - "Teilt die Stärken des traditionellen Rivalen Deutschland - aber auch die Schwächen"

4. Großbritannien - "Gutes Ergebnis bei der militärischen Schlagkraft, aber Defizite bei der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit"

5. Japan - "Auf diplomatischer Ebene nicht engagiert genug, aber eine überraschende Stärke im Spielfilm-Ranking"

6. Kanada - "Öl und Wasser - das Land verfügt über hohe Reserven"

7. Schweden - "Überraschend gutes Ergebnis. Wollen die Schweden deshalb den Euro nicht einführen?"

8. China - "Schlechte Platzierungen in den Feldern technische Innovationen und Rohstoffreserven aber ein starkes Militär und eine blühende Wirtschaft"

9. Norwegen - "Bietet eine hohe Lebensqualität, das diplomatische Prestige ist ebenfalls gut. Schwächen auf dem Finanzsektor und beim Militär"

10. Niederlande - "Verfügt über einen wertvollen Agrarsektor und Stärken im Hightech-Bereich"


 


Mehr Optimismus, weniger Angst
Von Alexander Bürgin

Wir haben uns schon darauf eingestellt: Mit Deutschland geht es den Bach runter. Doch jetzt erklärt das US-Magazin "Newsweek" die Bundesrepublik zum zweitmächtigsten Staat der Welt. Ein Plädoyer für einen trotzigen Optimismus.

 

Schröder: Man glaubt es kaum
Zweitmächtigste Nation der Welt? Wollen die Amerikaner uns auf den Arm nehmen? Haben sie in Übersee noch nie etwas von der Pisa-Studie gehört, oder von unseren Arbeitslosenzahlen, oder von unserer Vergreisung - oder von der 10 Euro-Praxisgebür? Selbst der Kanzler staunte über das Ranking: "Man glaubt es kaum."

In einer Schlusslicht-Mentalität eingerichtet
Tatsächlich passt die frohe Kunde nicht so recht in unser Selbstverständnis: Mit Deutschland geht es den Bach runter. Die Wirtschaft: lahm, die Politik: visionslos, die Gesellschaft: erstarrt. Positive Nachrichten haben es schwer. Optimismus ist nicht unsere Stärke. Wir jammern und haben uns in einer Schlusslicht-Mentalität eingerichtet - aber so schlecht steht es um Deutschland gar nicht.

Wirtschaftskraft und außenpolitischer Einfluss
Die Studie sieht Deutschland auf Platz zwei hinter den USA. Auf den Plätzen folgen Frankreich, England und Japan. Maßstab waren 22 Kriterien, unterteilt in sieben Kategorien. Punkten konnte Deutschland vor allem in den Sparten Wirtschaftskraft und außenpolitischem Einfluss.

Rankings nicht immer seriös
Rankings haben Konjunktur. Egal ob Städte, Unis, Politiker - alles wird verglichen, nicht immer seriös. Auch an der Newsweek-Studie lässt sich leicht mäkeln. Die Auswahl der Kategorien wirft Fragen auf. So ist die Demographie nicht Teil der Analyse der Wirtschaftskraft. Dabei gilt unsere alternde Gesellschaft als Risiko für die künftige Entwicklung unserer Wirtschaft.

Deutschland im Hintertreffen
Und die Sparte Technologie/Wissenschaft wird nicht in Beziehung zur Wirtschaftskraft gesetzt. Ein Fehler, denn gerade in den Wissensgesellschaften der westlichen Welt wird die Innovationsfähigkeit über den wirtschaftlichen Stellenwert einer Nation entscheiden. Deutschland ist hier im Hintertreffen.

 

Amis trauen uns was zu
Aber wichtiger ist doch: Die Amis trauen uns mehr zu als wir uns selbst. Platz zwei in der Diplomatie - ausgerechnet die USA stellen uns ein derart positives Zeugnis aus. Hatte die Bush-Regierung die Bundesrepublik doch noch vor kurzem auf dem diplomatischen Abstellgleis gesehen - isoliert durch Schröders barsche Ablehnung des Irak-Kriegs.

"Old Europe" ist Schnee von gestern
Doch das Gerede von "Old Europe" ist Schnee von gestern. Das Verhältnis zwischen den Kriegsgegnern und der Bush-Regierung entspannt sich. Frankreich und Deutschland werden als Motoren der europäischen Integration stark gebraucht - das hat das Scheitern der Verfassung deutlich vor Augen geführt.

Verantwortung übernehmen
Wer in der internationalen Politik eine Rolle spielen will, muss Verantwortung übernehmen - auch militärisch. Deutsche Soldaten leisten ihren Beitrag in Afghanistan, auf dem Balkan und in anderen Brennpunkten der Welt. Die Neuausrichtung der Bundeswehr auf internationale Einsätze reagiert jetzt auf die gestiegenen Erwartungen unserer Partner.

 

Letzter Platz beim Wachstum
Nicht weniger überraschend ist Rang zwei in der Wirtschaftskraft. Die Einschätzung scheint weit hergeholt, angesichts wenig rosiger Zahlen. Beim Wirtschaftswachstum in der EU belegt Deutschland den letzten Platz. Die von deutscher Seite durchgesetzten Stabilitätskriterien werden nun ausgrechnet von uns nicht eingehalten.

 

Arbeitslosigkeit stagniert auf hohem Niveau
Die Zahl der Firmenpleiten stieg im letzten Jahr auf 40.000. Deutsche Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland, die Arbeitslosigkeit stagniert auf hohem Niveau. Die EU-Nachbarn überholen uns beim Pro-Kopf-Einkommen. Und auch bei der Geburtenrate findet sich Deutschland ganz hinten: Platz 185 von 190 einer OECD-Studie. Ohne Kinder keine Rentenzahler.

 

Schlechte Ausbildung
Die verbleibenden Kinder werden schlecht ausgebildet - so das vernichtende Urteil der Pisa-Studie über das deutsche Bildungsystem. Nur 35 Prozent eines Jahrgangs gehen auf die Uni, im EU-Schnitt sind es 40 Prozent. Jeder siebte Nachwuchswissenschaftler forscht lieber in den USA als in "good old Germany".

 

Ab in den Papierkorb
Also ab in den Papierkorb mit der Newsweek - Silbermedallie und weiter die Mundwinkel nach unten? Nicht unbedingt. Denn es lassen sich auch optimistische Zahlen finden. Die Inflationsrate ist die niedrigste seit vier Jahren, einen halben Prozent unter EU-Durchschnitt. Die Konjunktur erscheint sich zu erholen: 2 Prozent Wachstum werden diese Jahr erwartet. Der deutsche Aktienmarkt freut sich über einen Anstieg von 30 Prozent.

 

Wer will schon das amerikanische Modell?
Zwar mühsam, aber immerhin, hat sich die Regierung mit der Opposition auf eine Reform verständigt, die die Bürger moderat entlastet und für Impulse auf dem Arbeitsmarkt sorgt. Zwar haben wir Probleme mit unserem Sozialstaat, aber wer will schon das amerikanische Modell?

 

Deutschland ist Exportweltmeister
Und - "last but not least" Deutschland ist Exportweltmeister. Erstmals seit 11 Jahren exportieren die Deutschen so viel wie kein anderes Land. "Made in Germany" verkauft sich noch. Ist die Newsweek-Ehrung vielleicht doch nicht so wirklichkeitsfern? Die Wirklichkeit bietet jedenfalls beides: Grund zum Jammern, wie Grund zum Optimismus. Die Deutschen neigen ersteres in Vordergrund zu stellen - die Amerikaner letzteres.

 

Massig Probleme auch in den USA
Auch dort gibt es massig Probleme: Zwar ist die Arbeitslosigkeit geringer, aber die Zahl der "working-poor", die trotz Job an der Armutsgrenze rumkrebsen nimmt zu. Die Spekulationsblase am Aktienmarkt ist geplatzt und hat die Alterssicherung vieler Amerikaner vernichtet. Die Terrorgefahr verängstigt die Bürger. Dennoch hat das keine Auswirkung auf den generellen Zukunftsoptimismus. 69 Prozent der Amerikaner gehen zuversichtlich ins neue Jahr - doppelt so viele wie bei uns.