trivia
weist 11.11.2003 16:13
Sadr City = Saddam City, jetzt umbenannt nach dem vom
Regime ermordeten Vater des jetzigen Chefs der Mahdi-Armee (iran-nah). Der Bürgermeister
hatte sich kesserweise das Recht herausgenommen, aufs Gelände seines
Amtssitzes zu fahren. Daraufhin reagierten die US-.Wachsoldaten, wie mensch
das ja schon kennt: panisch.
Die Bombardierungen der USAF erfolgen auf (angeblich oder tatsächlich)
verlassene Gebäudekomplexe, Bauernhöfe etc, damit dort in Zukunft keine
Hinterhalte gelegt werden können. Wie ich diese Iraker kenne, wird
irgendwann irgendwer vor Gericht ziehen, um Schadensersatz zu fordern ;-)
Konkrete Auswirkungen dürften die Luftangriffe jedoch nicht haben, außer,
daß die Besatzung noch ein paar Dutzend Leuten mehr zum Hals raushängt.
IPPNW (Ärzte zur Verhinderung eines Atomkriegs International) haben einen
follow-up-Bericht, Continuing Collateral Damage (Collateral Damage war ihre
Prognose der Kriegsfolgen Ende 2002) herausgebracht: bislang forderte der
Krieg die Leben von ca. 20000 Irakis, davon ca. 40% Zivilisten:
http://www.ippnw.org/ContinuingCollDamExSum.html
(Download dort).
Auf
http://www.iraqwar.ru
bzw. den dortigen Bildergalerien ('galeriya', wenn ihr kyrillische Schrift
lesen könnt bzw. auf die US/UK-Fahne klicken und 'gallery' - die russische
und die engliche Galerie sind nicht identisch!) finden sich insgesamt 4
Bilder des am 28.10. bei Baquba zerstörten US-Panzers (2 Tote, 1
Schwerverletzter). Sieht aus, als wäre es entweder ein Megaglückstreffer
gewesen oder als hätten die Mujahedin irgendwoher modernste Antipanzerminen
- einen state-of-the-art-Panzer mit einer blöden Mine so zuzurichten, daß
der Turm weggesprengt wird und n Dutzend Meter entfernt landet, ist nicht
gerade alltäglich.
Zudem geht seit ein paar Tagen auch in Basra die Post ab - die Schonfrist
der Briten, die versucht haben, nicht die Oberbesatzer heraushängen zu
lassen (und damit mehrere Monate lang sehr erfolgreich waren) scheint
abgelaufen zu sein, bzw der Widerstand nimmt zunehmend nationalistische Züge
an a la Irak den Irakern - auch wenn die so ausgepowert sind, daß sie ihr
Land nicht mehr ohne externe Unterstützung auf die Beine kriegen.
Es läßt sich weiterhin die mehrfach erwähnte Trennung zwischen einem
militärischen und einem paramilitärischen Teil des Widerstands beobachten
- die regulären Kriegshandlungen laufen mit langsam steigender Erfolgsquote
weiter (es werden kaum jemals Mujahedin gefaßt oder getötet), während
sich die Anschläge auf 'weiche', also zivile Ziele, in den letzten 2
Monaten oder so enorm ausgeweitet haben. Siehe heute: Anschläge auf ein
Gerichtsgebäude in Baghdad (6-9 Verletzte), ein IED (improvised explosive
device) tötet 4-6 in Basra, offenbar allesamt Zivilisten. Angriffe auf
Koalitionstruppen werden aus al-Fallujah und Tikrit gemeldet*. Es fällt
schwer, zu glauben, daß der Hintergrund der Leute, die mit Panzerfäusten
auf US-Konvois und mit MANPADS auf US-Hubis schießen und einigermaßen häufig
treffen und der Leute, die einfach irgendwo ne selbstgebastelte Bombe
anbringen, auch WENN die, für die sie vorgeblich kämpfen, dabei
draufgehen, identisch ist. Anzumerken wäre aber, daß ich keinen Hinweis
habe, daß diese Trennung zwischen regulärer Guerilla und terroristenähnlichen
Paramilitärs signifikant den Trennlinien zwischen verschiedenen Gruppen des
Widerstands folgt, wenn es auch wahrscheinlich ist, daß letztere Leute eher
unter dem zu finden sind, was man halbwissend in den großen Topf namens
al-Qaeda schmeißt, erstere (also die, die den Krieg wirklich weiterführen)
lustigerweise die zu oft erwähnten 'Saddam-Loyalisten' sein dürften -
diese haben den besten Zugang zu den Restposten der irakischen Armee, und zu
ihrem Personal. Saddam-Anhänger als ehrenhaftere Kämpfer quasi, oder als
jedenfalls nicht komplett moralisch verdammenswerte? Nun, da das Regime
nicht mehr existiert (und realistisch betrachtet auch nicht mehr zurückkommen
wird, dafür ist das Feld einfach zu voll mit neuen Spielern), solls mir
recht sein. Die 'professionelle' Guerilla jedenfalls ist immerhin für
extrem wenige kollaterierte Zivilisten verantwortlich - für weniger als
jede andere Kriegspartei -, und wenn es dort unten irgendetwas wie
'heroische' Fedayyeen gibt, dann sind es diese Leute, für die der Krieg als
Kampf von Soldaten gegeneinander nie aufgehört hat. Denn wenn sich Soldaten
gegenseitig umbringen - what me worry? Die Leute hätten ja auch Schlosser
werden können, oder Sysadmin, oder Gärtner. Wer sich den Schuh anzieht...
Generell empfehle ich aber die irakischen Blogs zu lesen, wenn ihr einen
Eindruck der Lage der hearts and minds unserer GefährtInnen dort unten
bekommen wollt. Ich kann nur versuchen, irgendiwe Sinn in das, was da abgeht
zu bringen, was zugegebenermaßen einfacher ist als in Afghanistan: die
Anzahl der Menschen im Irak, deren mindset unserem eigentlich recht ähnlich
ist, ist enorm hoch. 'S sind halt Moslems, aber abgesehen davon ticken 'ne
Menge urbane Irakis Mitte-Ende 20 auch nicht anders als z.B. Griechen oder
Portugiesen in diesem Alter, in ihren Hoffnungen und Träumen, in dem was
sie bewegt und worüber sie sich Gedanken machen.
* Will man einen Termin nennen, an dem auch der Norden des Landes (wieder)
Kampfgebiet wurde, scheint mir der 20.-22.7. am geeignetsten. Bis dahin war
es nämlich nördlich von Baiji sehr ruhig; am 20. wurde bei Tal Afar ein
US-Konvoi (ich glaube special forces) angegriffen, 2 Tote, und seitdem gibt
es dort dauernd Gefechte. Am 22. wiederum fanden die beiden Hussein-Bengel
ihr wohlverdientes Ende, und die Koalition glaubte ein paar Tage (so ca. 2)
ernsthaft, jetzt sei Ruhe im Karton.
Ich bevorzuge den 20.7. als Zeitpunkt des Wiederaufflammens der Kämpfe im
Norden, weil ein Zusammenhang mit dem Tod der Husseins sich ansonsten aufdrängt,
aber eher abwegig ist (die Leute dort oben waren nie so die Saddam-Fans,
obwohl Anfal sich weiter östlich abspielte)