Warum Mina seit etwa drei Monaten in dem schäbigen Knast aus den Anfangstagen
des letzten Jahrhunderts sitzt, ist unter den Offiziellen in Kandahar
umstritten. Der milde dreinschauende Gefängnischef Lal Mohammad meint, die
Polizei wolle sie nur vor ihrem gewalttätigen Mann schützen. Sobald er
verhaftet sei, komme Mina frei. Der Generalstaatsanwalt Haji Mohammed Issa
dagegen will wissen, dass eigentlich gar nichts gegen den Mann vorliegt.
"Mina ist mit ihm verheiratet, ob verkauft oder nicht, ist für uns nicht
relevant", sagt er. Da sie fortgelaufen sei, müsse sie sich vor Gericht
verantworten.
Gesetze aus den Zeiten des Königs
Der Generalstaatsanwalt ist erst seit anderthalb Jahren oberster Ankläger in
Kandahar, eingesetzt von der neuen Zentralregierung Hamid Karzais in Kabul. Gern
berichtet der Mann mit dem akkurat gestutzten Bart, dass er 1964 sein Jura- und
Politikstudium beendet habe. Aus der gleichen Zeit stammen auch die Gesetze,
nach denen in Afghanistan seit dem Ende der Taliban geurteilt wird. Laut den
Dekreten aus vergangenen Zeiten ist es einer Frau noch immer verboten, von ihrem
Mann fortzulaufen. Umgekehrt jedoch kann ein Mann seine Frau ohne einen Grund
verstoßen.
Frauenrechte vernachlässigt
Das Fehlen von neuen Gesetzen, das die Rechte der Frauen berücksichtigt, ist
eines der vielen Versäumnisse der US-gestützten Karzai-Regierung, aber auch
der internationalen Aufbauhelfer in Afghanistan. Dabei hatten gerade die
Amerikaner ihren Feldzug gegen die Taliban auch mit deren unmenschlicher Unterdrückungspraxis
gegenüber Frauen begründet.
Kaum Hoffnung auf Besserung
Selbst wenn irgendwann im nächsten Jahr die neue Verfassung verabschiedet
werden sollte, wird dies vermutlich für die Frauen wenig ändern. In den
bisherigen Entwürfen werden sie nicht einmal explizit erwähnt. Dass sich die
Vorschriften über Ehescheidungen ändern werden, ist eher unwahrscheinlich.
Der Peiniger war dem Staatsanwalt sehr sympathisch
In den nächsten Tagen soll Mina vor Gericht erscheinen. Ihre siebenjährige
Leidensgeschichte spielt im Scheidungsfall keine Rolle. "Ich kenne diese
Fakten nicht", sagt Generalstaatsanwalt Issa. Mina könne aber jederzeit
eine Klage einreichen. Falls sie Beweise bringen könne, werde gegen ihren Mann
verhandelt. Issa kann sich jedoch kaum vorstellen, dass Minas Erzählungen über
die Gewaltexzesse einen wahren Hintergrund haben. "Ihr Mann war vor zwei
Tagen in meinem Büro und ich fand ihn sehr sympathisch", sagt er. Es hört
sich aus dem Mund des mächtigen Anklägers wie ein Gegenbeweis an.
Verständnislose Männergesellschaft
Für Mina hat Issa einen einfachen Tipp: Sie solle lieber bei ihrem Mann
bleiben. Seine beiden Stellvertreter lächeln bei den Worten ihres Chefs.
"In Afghanisten herrschen eben noch andere Gesetze", sagt einer von
ihnen, "wir bezahlen eine Menge Geld für unsere Frauen, da wollen wir sie
auch behalten." Die feixende Männerrunde hat ihre ganz eigenen Meinungen
über die weiblichen Gefangenen aus dem Sarfoze-Gefängnis. "Warum sind
denn Hunderttausende Frauen noch bei ihren Männern und nur zwölf in unserem
Gefängnis?", fragt Issas Stellvertreter und grinst, "irgendwas muss
doch mit ihnen falsch sein."
Lieber tot als zurück zum Mann
Mina will trotz aller Schwierigkeiten versuchen, gegen ihren Peiniger
vorzugehen. "Es kann doch nicht sein, dass er straflos davonkommt",
sagt sie. Schließlich habe er ihr und ihres Sohnes Leben zerstört. Die meiste
Angst hat sie davor, vom Gericht zu ihm zurückgeschickt zu werden. "Wenn
das passiert, bringe ich mich und meinen Sohn um", sagt sie. Doch auch wenn
sie frei kommt, weiß sie nicht, wo sie hin soll. Ihre Familie würde sie als
geschiedene Frau nicht mehr aufnehmen, fürchtet sie. Allein kann sie weder in
Kandahar noch im moderateren Kabul als Frau ohne einen Mann leben.
Altern im Gefängnis
Sie will ihren ersten Mann in Kabul suchen, zu dem sie seit der Entführung kein
Lebenszeichen übermitteln konnte. Ob sie ihn finden wird, ist ungewiss. Noch
ungewisser ist, ob er nach den Jahren der Trennung seine Frau wieder aufnehmen würde.
"Zur Not werde ich hier im Gefängnis alt", sagt sie resigniert,
"schlechter als zuvor kann es mir nicht mehr gehen."