Die israelische Armee
will keine Zeugen
Friedensaktivisten vor der
Ausweisung / Von Jörg Bremer
JERUSALEM,
18. Mai. In der israelischen Presse findet die drohende Ausweisung mehrerer
Dutzend Aktivisten der "Internationalen Solidaritätsbewegung" (ISM)
kaum Erwähnung. Dennoch versammelten sich 200 Israelis in Tel Aviv vor dem
Verteidigungsministerium, um gegen das Vorgehen der Armee zu demonstrieren. Und
trotzig hieß es in einer Erklärung der Organisation: "Wir sind immer noch
hier, und wir machen weiter." Doch der Armee sind die ausländischen
Beobachter schon lange ein Ärgernis: Palästinensische Augenzeugen israelischer
Militäraktionen gelten in der Regel als voreingenommen. Amerikaner, Franzosen
oder Briten berichten aus den besetzten Gebieten dagegen als "unbeteiligte
Dritte". In ihren Herkunftsländern sind sie dann Gesprächspartner der
dortigen Medien.
Bisher kamen zwei ISM-Aktivisten durch israelische Gewalt ums Leben. So wurde
die Amerikanerin Rachel Corrie getötet, als sie eine israelische Planierraupe
stoppen wollte, die in Rafah ein Haus zerstören wollte. Vorfälle wie dieser
zwangen die Armee auch in Amerika, ihr Vorgehen gegen Palästinenser zu
rechtfertigen. Die Organisation machte wiederum deutlich, daß sie nur gewaltlos
Widerstand leistet. Ihre Mitglieder dürfen nicht einmal ihre Arme gegen eine
Bedrohung erheben, sondern sollen sich nur als eine Art Schutzschild zwischen
palästinensische Zivilisten und Soldaten stellen.
Doch dann schlossen sich ihr im Gaza-Streifen zwei muslimische Briten an. Kurz
darauf verübten sie einen Selbstmordanschlag, bei dem drei Israelis und einer
der Täter umkamen. Die Armee wirft den Aktivisten jetzt Beihilfe zum Terror
vor. Zudem hätten sie Militäroperationen behindert, die der Sicherheit von
Israelis dienten. Am vergangenen Freitag brachen Soldaten in ein ISM-Hauptbüro
in Beit Sachur bei Bethlehem ein, nahmen mehrere Personen fest und
beschlagnahmten Computer. Zwei Britinnen wurden bei Tulkarm in Untersuchungshaft
genommen. Sie wurden später gegen Kaution freigelassen. "Die Armee kann
uns nichts vorwerfen. Wir bringen jenen eine Niederlage bei, die den Krieg
fortsetzen wollen", heißt es in einer Erklärung der Organisation.
Die Armee versucht aber auch, anderen Ausländern den Besuch palästinensischer
Gebiete zu erschweren. Sie sollen jetzt bei der Einreise in den Gaza-Streifen
eine Erklärung unterschreiben. Mit ihr zeigen sie sich damit einverstanden, daß
die Armee ihre Sicherheit nicht garantieren kann: "Die Armee kann keine
Verantwortung für Tod, Verletzung oder Schaden an Besitz als Ergebnis militärischer
Aktivität übernehmen." Darüber hinaus sollten Ausländer das
"extrem gefährliche" Gebiet bei Rafah an der ägyptischen Grenze
meiden und anerkennen, daß "Einmischung oder Behinderung des israelischen
Sicherheitspersonals ein krimineller Straftatbestand" ist. Wer gegen die
Anweisungen des Militärs verstoße, könne verhaftet und ausgewiesen werden.
Viele Besucher des Gaza-Streifens verweigern ihre Unterschrift. Sie verweisen
dabei auch darauf, daß sich die israelischen Streitkräfte rechtswidrig in den
autonomen Gebieten aufhielten, die sie eigentlich an die Autonomiebehörde
abgegeben haben.
Selbst in Jerusalem wird es immer schwieriger, für freiwillige Helfer aus dem
Ausland, die im arabischen Teil der Stadt arbeiten wollen, ein israelisches
Visum zu erhalten. Seit dreißig Jahren betreut zum Beispiel Diet Coster in
Ostjerusalem sozial benachteiligte Kinder. Die Vorsitzende im Gemeinderat der
deutschen evangelischen Kirche erhielt stets ein Jahresvisum. Das wird ihr jetzt
verweigert, und sie muß vor Gericht gegen ihre Ausweisung kämpfen. Freiwillige
Helfer wurden auch schon bei ihrer Einreise am Flughafen von Tel Aviv
aufgehalten und sofort wieder nach Hause geschickt. Nach Medienberichten nimmt
mittlerweile die Zahl der Friedensaktivisten und ausländischen Helfer ab.
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