08.04.2011 / Titel / Seite 1
Marschbefehl für Libyen
Rüdiger Göbel
Die schwarz-gelbe Bundesregierung will deutsche Soldaten als eine Art
Hilfstruppe doch am Libyen-Krieg beteiligen. Wie der Tagesspiegel am
Donnerstag vorab aus seiner heutigen Ausgabe meldete, soll der Bundestag
ein entsprechendes Mandat verabschieden. Es gehe nicht um einen »Kampfeinsatz«,sondern
um die »militärische Absicherung einer Hilfsaktion für die notleidende
libysche Bevölkerung« unter EU-Flagge, heißt es. Bei der Europäischen
Union firmiert der Einsatz unter dem Codenamen»EUFOR Libya«. Das
Kommando liegt bei Konteradmiral Claudio Gaudiosi, das Hauptquartier
wird in Rom eingerichtet.
Zum Einsatzauftrag heißt es in Berlin: Sicherungseinheiten der
Bundeswehr sollen unter anderem den Transport von»Hilfsgütern« mit
Schiffen der Marine begleiten. Laut Bundesregierung ist ein Auftrag der
UNO allerdings Voraussetzung für den Einsatz. Ein entsprechender
Hilferuf dürfte bald kommen, Verteidigungsministerium und Auswärtiges
Amt in Berlin haben mit den Einsatzvorbereitungen vorausschauend
begonnen. Staatsministerin Cornelia Pieper (FDP) stellte in einer
aktuellen Stunde im Bundestag in Aussicht:»Auch die Nutzung der in
Bereitschaft stehenden Verbände zur schnellen Krisenreaktion, der
sogenannten EU-Battle-Groups, oder von Teilfähigkeiten ist möglich.«
Bündnis 90/Die Grünen und SPD meldeten sich am Donnerstag umgehend
einsatzbereit. »Wenn die Bundeswehr hier eine Rolle bei der Logistik
spielen kann, dann nur zu!«, sagte der verteidigungspolitische Sprecher
der Grünen im Bundestag, Omid Nouripour. SPD-Wehrexperte Rainer Arnold
sekundierte:»Deutschland täte gut daran, die Fehler der letzten vier
Wochen zu korrigieren und hier mitzumachen.«
»Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle sind
umgekippt«, kritisierte dagegen Sevim Dagdelen, Sprecherin für
internationale Beziehungen der Linksfraktion im Bundestag. »Die Aussage,
keine deutsche Soldaten nach Libyen entsenden zu wollen, ist
offensichtlich Schnee von gestern. Es sieht jetzt danach aus, daß
Deutschland sich am Krieg auch direkt beteiligt. Unter humanitärem
Vorwand sollen nun deutsche Soldaten nach Libyen geschickt werden.«Die
Bundesregierung müsse jedwede Kriegsbeteiligung unterlassen, so Dagdelen,
»erst recht die Entsendung deutscher Soldaten.«
Daß der Begriff »Hilfsgüter« zudem recht weit aufgefaßt werden kann,
machen Meldungen dieser Woche deutlich: Am Montag erklärte die britische
Regierung, den libyschen Rebellen »Kommunikationsausrüstung« zu liefern,
um sie im Kampf gegen Truppen von Staatschef Muammar Al-Ghaddafi zu
unterstützen. Damit solle das Leben von Zivilpersonen geschützt und die
Lieferung von humanitären Hilfsgütern unterstützt werden. Konkret geht
es um Satellitentelefone und GPS-Geräte zur Angriffsoptimierung. Laut
BBC helfen ehemalige Elitesoldaten Ihrer Majestät bei der Schulung der
Ghaddafi-Gegner. Wie die USA hat Großbritannien zudem angedeutet, den
Aufständischen trotz UN-Embargo mit Waffenlieferungen unter die Arme zu
greifen.
Ghaddafi bat derweil US-Präsident Barack Obama in einem Brief um ein
Ende der NATO-Angriffe, was von Washington abgelehnt wurde. Laut CNN ist
in dem Schreiben von einem »ungerechten Krieg gegen ein kleines Volk
eines Entwicklungslandes« die Rede. Ghaddafi konstatiert, eine
demokratische Gesellschaft könne nicht durch Raketen und Kampfflugzeuge
aufgebaut werden. In den westlichen Agenturen wurde das Schreiben als »wirr«etikettiert.
Das ARD-Nachrichtenportal tagesschau.de meldete:»Libyens Machthaber
Ghaddafi hat in einem Brief an US-Präsident Obama ein Ende der
Luftangriffe gefordert. Doch weder die USA noch die NATO lassen sich
davon abschrecken.«Die UNO drängte alle Kriegsbeteiligten um eine
Feuerpause, um Hilfslieferungen in die umkämpfte Stadt Misurata bringen
zu können. Mindestens zehn Aufständische starben durch»friendly fire«
der NATO.