"Äußerst zweifelhafte Beweise"
Dieser Einschätzung widersprach eine Fachabteilung des Außenministeriums
vehement: Es gebe keinen überzeugenden Hinweis, dass das Regime in Bagdad sich
Atomwaffen verschaffen wollte. Auch für eine Wiederaufnahme des irakischen
Atomprogramms gebe es keinen "überzeugenden Beweis", urteilte die
Abteilung des Außenministerium. Sie stufte die Informationen der
US-Geheimdienste über das Nuklearwaffenprogram als "äußerst
zweifelhaft" ein.
Informationen von sechs Diensten
Der Geheimdienstbericht, zu dem sechs Nachrichtendienste Informationen
beigesteuert hatten, kam zum Schluss, dass der Irak zwar keine Nuklearwaffen
oder ausreichend Material zum Herstellen von Atombomben hat, jedoch habe Saddam
Hussein die Absicht sich diese Waffen zu verschaffen. Es sei davon auszugehen,
dass Bagdad nach dem Abzug der UNSCOM-Waffeninspekteure im Dezember 1998 sein
Atomprogramm wieder aufgenommen habe.
Veröffentlichung aus Kalkül
Dieser Bericht diente als Grundlage für die Politik des Weißen Hauses in
dieser Frage. Nach Einschätzung von Beobachtern in Washington will die
US-Regierung mit dem jetzt freigegebenen Dokument die Welle der Kritik an Äußerungen
von Präsident George W. Bush in dessen Rede zur Lage der Nation vom Januar
abschwächen.
Bush: Verdammt gute Informationen
Bush hatte gesagt, der britischen Regierung lägen Geheimdienst-Informationen über
irakische Versuche vor, in Afrika Uran zu kaufen. Das Beweismaterial für diese
Aussage war fehlerhaft. Dennoch lobte Bush die Qualität der
Geheimdienst-Informationen: Sie seien "verdammt gut", sagte er.
"US-Präsident ist kein Faktenprüfer"
Auf die Frage, wie Bush zu dieser Einschätzung stehe, sagte ein ranghoher
Regierungsvertreter, Bush habe zum damaligen Zeitpunkt keine Zweifel an den in
dem Dokument enthaltenen Informationen gehabt. "Der Präsident der
Vereinigten Staaten ist kein Faktenprüfer", sagte der Regierungsvertreter.
CIA zweifelte britischen Bericht an
Am letzten Wochenende hatte CIA-Chef George Tenet die Verantwortung dafür übernommen,
dass in Bushs Rede die umstrittene Passage enthalten war. Zu diesem Zeitpunkt
hatte die CIA bereits ernste Zweifel an den Angaben, die vom britischen
Geheimdienst kamen, geäußert.
Blair verteidigt Geheimdienstbericht
Der britische Premierminister Tony Blair verteidigte allerdings die
Informationen. Auf die Frage, ob er weiter dazu stehe, dass Saddam Hussein
versucht habe, in Afrika Uran für sein Atomprogramm zu kaufen, sagte Blair:
"Wir stehen voll und ganz zu den Informationen, die wir der Öffentlichkeit
gegeben haben." Außenminister Jack Straw erklärte, der britische
Geheimdienst verfüge über zusätzliche Informationen, die er der CIA nicht
mitgeteilt habe.