Das Schreckbild des 11. Septembers
Die irakische Bedrohung besteht aus Sicht des Weißen Hauses im möglichen
Einsatz von Massenvernichtungswaffen und dem Risiko, dass solche Waffen in die Hände
von Terroristen fallen könnten. Bush und seine Berater malen das Schreckensbild
eines 11. Septembers mit chemischen, biologischen oder atomaren Waffen an die
Wand: "Stellen Sie sich diese 19 Flugzeugentführer mit anderen Waffen und
anderen Plänen vor, diesmal bewaffnet von Saddam Hussein", sagte Bush in
seiner Rede zur Lage der Nation. Allein die Beweise für
Massenvernichtungswaffen im Irak oder eine Verbindung zwischen dem Irak und dem
internationalen Terrorismus sind die USA bislang schuldig geblieben.
Alles nur vertane Zeit?
Auch wenn diese Terror-Bedrohung tatsächlich gegeben sein sollte, stellt sich
doch die Frage, warum den UN-Inspekteuren nicht mehr Zeit gegeben werden soll,
den Irak auf friedliche Weise zu entwaffnen. Die Bush-Administration macht
geltend, dass die Chancen sehr gering sind, jemals einen Beweis für die
Existenz von Massenvernichtungswaffen zu finden. Bei seinem Auftritt am 5.
Februar im Sicherheitsrat spielte US-Außenminister Colin Powell
Tonbandaufnahmen mit Gesprächen irakischer Beamter vor, die belegen sollten,
dass brisantes Material rechtzeitig vor den Inspektionen in Sicherheit gebracht
wurde. Der französische Vorschlag, die Inspektionen drastisch auszuweiten, könnte
dieses Problem jedoch lösen.
Natürlich ist auch Öl im Spiel
Während die Argumente der Terror-Gefahr daher im Ausland auf verbreitete
Skepsis stoßen, kommen sie in der amerikanischen Bevölkerung aber überzeugender
an als das Argument, die Stabilität der ölreichen Region dürfe nicht aufs
Spiel gesetzt werden. Dabei ist die Bedeutung des Faktors Öl offenkundig, auch
wenn die US-Regierung darauf besteht, dass Öl keine große Rolle spiele. Schließlich
verfügt Irak nach Saudi-Arabien über die weltweit zweitgrößten Ölreserven.
Diese Region lückenlos zu beherrschen muss daher das Ziel amerikanischer Außenpolitik
sein.
Die Geister sind gerufen
Ein weiterer wesentlicher Faktor für den wachsenden Zeitdruck ist der bereits
weit vorangetriebene Truppenaufmarsch. Mit inzwischen mehr als 150.000 Soldaten
am Golf wächst in Washington auch die Sorge, dass eine Verzögerung des als
unvermeidlich betrachteten Krieges mit steigenden Kosten, einer sinkenden
Truppenmoral und einem verstärkten Anti-Amerikanismus einhergehen könnte. Es
scheint ein Countdown begonnen zu haben, der kaum gestoppt werden kann.
Noch steht die "Koalition der Willigen" nicht
Gegen einen baldigen Kriegsbeginn spricht jedoch die unklare Zusammensetzung der
von Bush ins Auge gefassten "Koalition der Willigen". Bei einer
Einbeziehung der internationalen Gemeinschaft seien die Chancen für einen
schnellen Erfolg weit größer als bei einem Krieg, der im wesentlichen von den
USA und Großbritannien geführt werde, sagt der ehemalige Nationale
Sicherheitsberater Sandy Berger. Aber das Weiße Haus kalkuliert damit, dass
sich weitere Staaten schon noch anschließen. So war das immer. Und warum sollte
es diesmal anders sein?
Nordkorea wartet schon
Die amerikanische Außenpolitik ist auch deswegen an einem schnellen Krieg gegen
Irak interessiert, weil sie sich dann mit größerer Aufmerksamkeit dem
Atomstreit mit Nordkorea zuwenden könnte. Denn Atomwaffen und
Langstreckenraketen in nordkoreanischer Hand stellen möglicherweise eine noch
größere Bedrohung dar als das irakische Potenzial. Der britische
Premierminister Blair - Bushs engster Verbündeter in der Irak-Frage - hat denn
auch schon angekündigt: "Nach dem Irak ist Nordkorea dran."
Im Namen des Vaters
Schließlich spielt vielleicht doch auch der persönliche Hintergrund Bushs eine
Rolle - auch wenn der Präsident das verneint. Viele Konservative und Militärexperten
sind der Auffassung, dass Bushs Vater als Präsident einen Fehler gemacht hat,
als er den Golfkrieg von 1991 beendete, ohne Saddam Hussein gestürzt zu haben.
Deswegen heißt es in Washington jetzt: Der jüngere Bush hat nun die Chance,
den Job zu beenden. Gut in Erinnerung ist auch noch der Triumph Saddam Husseins
als Bush Senior trotz gewonnenen Kriegs 1992 sein Amt an Bill Clinton verlor.