US-Soldaten sollen auf Menschenmenge geschossen haben
"Es gibt vielleicht hundert Verletzte und zehn bis zwölf Tote", sagte
der Notarzt des städtischen Krankenhauses. Augenzeugen berichteten, US-Soldaten
hätten auf eine Menschenmenge geschossen, die sich dem neuen Gouverneur der
Stadt gegenüber feindselig zeigte. Dagegen erklärte ein US-Militärsprecher,
die Soldaten seien von mindestens zwei Schützen von einem nahegelegenen Dach
aus beschossen worden und hätten das Feuer gezielt erwidert. "Wir haben
nicht auf die Menge geschossen, sondern oben auf das Gebäude." Der
Schusswechsel habe etwa zwei Minuten gedauert.
Aufruhr nach pro-amerikanischer Rede
Der neue Gouverneur Maschan el Guburi soll auf dem Marktplatz der Stadt eine
pro-amerikanische Rede gehalten haben. Daraufhin habe sich die aufgebrachte
Menge auf den Weg zum Sitz der Provinzregierung begeben. Kinder hätten Steine
geworfen. Andere Zeugen sagten, die Demonstranten hätten Gegenstände auf
Guburi geworfen und sein Auto umgestürzt. Daraufhin habe der Gouverneur die
US-Soldaten aufgefordert, zu schießen.
Gefechte zwischen Kurden und Arabern
In den vergangenen Tagen hatte es in Mossul Gefechte zwischen Kurden und Arabern
gegeben, bei denen nach Angaben des städtischen Krankenhauses bis zu 20
Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt wurden. Die US-geführten
Streitkräfte hatten die strategisch wichtige Ölstadt am Freitag unter ihre
Kontrolle gebracht.
Irakische Oppositionelle gehen auf Distanz zu den USA
Auch aus dem Süden des Landes gibt es wenig Erfreuliches zu berichten: Die
Konferenz über eine Nachkriegsordnung in Nasirija ist von wichtigen irakischen
Oppositionsgruppen boykottiert worden. Selbst der von der US-Regierung
finanzierte Vorsitzende des Irakischen Nationalkongresses, Ahmed Chalabi, wollte
sich nicht auf der Konferenz blicken lassen. Er schickte, wie die meisten
anderen Exil-Oppositionsgruppen nur einen Vertreter zu dem vom ehemaligen
US-General Jay Garner geleiteten Treffen. Und das obwohl er vom Pentagon für
eine Führungsrolle im "neuen Irak" vorgesehen ist.
Boykott der wichtigsten schiitischen Oppositionsgruppe
Der Boykott der Nasirija-Konferenz durch die wichtigste schiitische
Oppositionsgruppe, Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI),
schadet der Akzeptanz der neuen US-geleiteten irakischen Übergangsbehörde noch
mehr als das Fernbleiben Chalabis, meinen Beobachter. Für den Rat gäbe es
keinen Grund, an dem Treffen teilzunehmen, da sich die wichtigsten
Oppositionsgruppen bereits bei ihren Treffen im vergangenen Dezember in London
und Ende Februar im nordirakischen Salaheddin "auf Vieles geeinigt haben,
was in der Zeit nach der Veränderung wichtig sein wird", sagte ein
Sprecher der Organisation, im arabischen Fernsehsender El Arabija. Seine
Organisation sei nicht bereit, sich Entscheidungen von "irgendeiner fremden
Macht aufzwingen zu lassen".
Schiiten-Organisation "El Dawa" blieb der
Konferenz fern
Auch die Schiiten-Organisation "El Dawa", die für mehrere, meist
erfolglose Attentate auf Angehörige des Regimes von Saddam Hussein
verantwortlich ist, entschied sich gegen eine Teilnahme an der Konferenz. Schon
die Tatsache, dass dieses Treffen auf einem Luftwaffenstützpunkt stattfinde und
von US-Militärs organisiert werde, sei negativ, sagte ein
Organisationssprecher.
Kurden unterstützen die USA uneingeschränkt
Die Einzigen, die den USA immer noch ohne Einschränkung die Treue halten, sind
die beiden großen Kurdenparteien von Massud Barsani und Dschalal Talabani.
Beide Parteien hatten die US-Soldaten mit ihren Kämpfern bei der Einnahme von
Kirkuk und Mossul unterstützt. Barsani und Talabani hoffen, dass sie ihren
halbautonomen Status im Nordirak mit Hilfe der USA in einem föderalen
irakischen Staat bewahren können.
Massendemonstration in Nasirija
Schon im Vorfeld der Konferenz demonstrierten rund 20.000 Schiiten in Nasirija
gegen das Treffen irakischer Oppositioneller. Über die künftige Regierung müssten
die schiitischen Gelehrten bestimmen, forderte die Menge. Nach Jahren der
Unterdrückung müssten die Schiiten eine zentrale Rolle im Nachkriegs-Irak übernehmen.
"Ja zur Freiheit, Ja zum Islam, Nein zu Amerika, Nein zu Saddam",
skandieren die Demonstranten.