04.12.2008 / Schwerpunkt / Seite 3

In Eile verfaßt und heimlich unterzeichnet

Gemeinsame Erklärung über die Zusammenarbeit von NATO und UNO

 
* Am 23. September unterzeichneten der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, und der Generalsekretär der NATO, Jaap de Hoop Scheffer, ein geheimes Kooperationsabkommen, dessen Inhalt nun bekannt wurde. Beobachtern zufolge war die Vereinbarung bis zuletzt innerhalb der UNO umstritten, nicht zuletzt wegen der parteiischen Haltung der westlichen Militärallianz im Georgien-Krieg. Ban Ki-Moon habe auf Druck Frankreichs, der USA und Großbritanniens doch noch unterschrieben. Presseberichten aus Moskau zufolge reagierte der russische Außenminister Sergej Lavrow auf das in aller Eile verfaßte und heimlich unterzeichnete Abkommen schockiert. jW dokumentiert das Papier in einer Übersetzung der Schweizer Wochenzeitung Zeit-Fragen.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen und der Generalsekretär der NATO begrüßen die bereits über ein Jahrzehnt andauernde Zusammenarbeit zwischen den Vereinten Nationen und der NATO zur Unterstützung der Arbeit der Vereinten Nationen an der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit und wünschen im Geist der Ergebnisse des Weltgipfels von 2005 einen Rahmen für erweiterte Beratung und Zusammenarbeit zwischen ihren jeweiligen Sekretariaten zu schaffen. Daher haben sie sich auf folgendes geeinigt:

1. Wir, der Generalsekretär der Vereinten Nationen und der Generalsekretär der NATO, versichern erneut unsere Verpflichtung, den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit aufrechtzuerhalten.

2. Unsere gemeinsamen Erfahrungen haben den Wert effektiver und effizienter Koordination unserer Organisationen erwiesen. Wir haben eine operative Zusammenarbeit, beispielsweise bei der Friedenserhaltung auf dem Balkan und in Afghanistan, entwickelt, wo von der UNO autorisierte und von der NATO geführte Operationen gleichzeitig mit Friedenseinsätzen der UNO arbeiten. Wir sind zudem zusammen und gemeinsam mit weiteren Partnern zur Unterstützung von regionalen und subregionalen Organisationen tätig geworden. Weiter hat die NATO Pakistan 2005 während der UNO-Katastrophenhilfeaktionen Material und Personal zur Verfügung gestellt. Unsere Zusammenarbeit wird geleitet von der UNO-Charta, international anerkannten humanitären Prinzipien und Richtlinien und der Abstimmung mit nationalen Behörden.

3. Die weitere Zusammenarbeit wird einen signifikanten Beitrag dazu leisten, den Bedrohungen und Herausforderungen zu begegnen, auf die die internationale Gemeinschaft reagieren muß. Wir unterstreichen daher die Bedeutung der Einrichtung eines Rahmens für Beratung, Dialog und Zusammenarbeit, einschließlich eines je nach der Situation erforderlichen Austausches und Dialogs zu politischen und operationalen Fragen auf der Führungsebene sowie auf den Arbeitsebenen. Auch versichern wir erneut unsere Bereitschaft, innerhalb unserer jeweiligen Mandate und Möglichkeiten regionalen und subregionalen Organisationen jeweils gewünschte und angemessene Unterstützung zu gewähren.

4. Wir gehen davon aus, daß dieser Rahmen flexibel gestaltet werden muß und sich mit der Zeit weiterentwickelt. Daher vereinbaren wir, die Zusammenarbeit zwischen unseren Organisationen im Hinblick auf Fragen von gemeinsamem Interesse weiterzuentwickeln, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Kommunikation, Teilen von Informationen, einschließlich Fragen des Schutzes der Zivilbevölkerung, des Aufbaus von Kapazitäten, von Training und Übungen, Auswertung von Lernergebnissen, Planung und Unterstützung für Eventualitäten und operationale Koordination und Unterstützung.

5. Unsere Kooperation wird sich unter Berücksichtigung des spezifischen Mandates, der speziellen Erfahrung, Verfahrensweisen und Möglichkeiten unserer jeweiligen Organisation in praktischer Hinsicht weiterentwickeln, um einen Beitrag zur internationalen Koordination bei der Reaktion auf globale Herausforderungen zu leisten.

Vereinbart in New York am 23. September 2008

Jaap de Hoop Scheffer, Generalsekretär der NATO

Ban Ki-Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen

The Board of the Transnational Foundation for Peace and Future Research:  

http://www.transnational.org/Resources_Treasures/2008/TFFBoard_UN-NATO.html

1. According to the UN Charter, Article 100, the UN Secretary-General is the custodian of the UN's integrity. S/he shall receive no instructions from any state or authority but serve only the UN.
Q: Does this agreement increase the SG’s opportunities to do so and does it strengthen the credibility of that provision in the future?

?

2. NATO is a nuclear-based military alliance upholding the right to use nuclear weapons as the first response even against a conventional attack.
Q: Is the choice of NATO compatible with Article 1 of the Charter which states that peace shall be brought about by peaceful means? Why have other regional organisations that do work with civilian means - like the OSCE or the Shanghai Cooperation Organization (SCO) - not been offered a similar cooperative status?

".. (dt. Übersetzung aus dem Telepolis Artikel)
1. Ist die NATO, die sich das Recht vorbehält, mit Nuklearwaffen auf konventionelle Angriffe zu reagieren, ein angemessener Partner im Sinne von Artikel 1 der UNO-Charta

3. NATO's Washington Agreement of 1999 aligns itself closely with the UN Charter. However, it no longer refers to the overarching authority of the UN Security Council; rather it brings into the purview of NATO the right to intervene when faced with what NATO calls new risks such as  'environment', 'insufficient reforms', 'uncontrollable movements of large numbers of people' and, most significantly, 'interruption of vital resources'.
Thus, it can be doubted whether NATO still adheres to its own Article 1 which recognizes the supremacy of Article 51 of the UN Charter on member states' right to self-defence.
This UN-NATO Declaration's list and formulations of areas in which UN-NATO co-operation can take place are quite sweeping and general. It should be seen in the light of the seemingly ever-expanding roles NATO deems legitimate for itself.
Q: Given the special status NATO now acquires through this Agreement, how likely is it that the UN SG and Security Council - where 3 of the 5 permanent seats are held by NATO members - will:
a) Be able to uphold the necessary distinctions between NATO actions and UN actions?
b) Bring up possible future breaches of international law by NATO? and
c) Be able, as UN members, to work credibly for general and complete disarmament and nuclear abolition?

2. Wie wahrscheinlich ist es, dass die UNO künftig zwischen NATO-Maßnahmen und UNO-Maßnahmen unterscheiden, mögliche NATO-Verstöße gegen internationales Recht ahnden und sich glaubhaft für die vollständige Abrüstung und Abschaffung von Nuklearwaffen einsetzen kann?

 

4: The two UN & NATO SGs seem to sign as partners of equal standing. The wording of the agreement is such that NATO would be free to take actions as it wishes, even to adopt measures of aggressive warfare. Statements at recent Munich NATO conferences seem to confirm this.
Q: NATO must be held accountable to the UN Charter and other international law norms. Does this Declaration make that clear? To whom will NATO be accountable?

 

5. NATO bombed Serbia/Kosovo in 1999 without a UN Security Council mandate.
Q: Independent of the views one may have of that action and given leading NATO members' deficient respect for international law and the UN Charter, is NATO an appropriate organization to be rewarded by the UN with such special status?

3. Ist die NATO, wenn man berücksichtigt, dass sie Serbien und den Kosovo 1999 ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrats bombardiert hat, eine angemessene Organisation für solch einen speziellen Status?

 

6. It is mentioned that the NATO-UN Agreement is rooted in the actions taken during the wars in Bosnia-Herzegovina. If anything, however, that crisis showed that peace-keeping and peace-enforcement cannot be mixed and that UN member states had given the UN far too few resources to succeed with their mandate.
Q: Is this Agreement signaling that the members of the UN and NATO consider the handling of Bosnia a model and will continue with the same mix of roles and unbalanced resource allocations?

 

7. NATO countries are, these very months, engaged in various very sensitive issues - sensitive also among the Security Council members - such as the Georgia Crisis, the Ballistic Missile Defence bases in Poland and the Czech Republic, further NATO expansion (Georgia & Ukraine) and intensifying problems in Afghanistan, where both organisations are involved.
Q: Is the UN SG's signature an example of good timing and will he, in the light of the above, now submit the Declaration to the Security Council for discussion and approval?

4. Ist die Unterschrift des UNO-Generalsekretärs angesichts der Tatsache, dass NATO-Mitgliedstaaten auch unter Mitgliedern des Sicherheitsrats in äußerst sensitive Situationen, wie zum Beispiel der Georgien-Krise, dem europäischen Raketenschild, der NATO-Osterweiterung und der Eskalation in Afghanistan, verwickelt sind, zeitlich gut abgestimmt, und wird er das Abkommen nun dem Sicherheitsrat vorlegen?

 

8. The UN has 192 members. NATO has 26 member states but stands for over 70% of the world's military expenditures.
Q: Does the SG expect that the majority of the UN member states will support this agreement between the secretariats of the United Nations and a military alliance?

 

9. The spirit of the UN is supposed to be dialogue, worldwide consultation and the common good of humankind. Yet this Agreement has been kept secret and not posted on the UN homepage.
Q: Is the Agreement itself and the way it has been concluded between two individuals not likely to give the world the impression that this UN HQ is now a place for deals kept in the dark and, thus, further undermine the hopes shared by citizens around the world for democracy and transparency?

 

 

The Board of the Transnational Foundation for Peace and Future Research, TFF:

Ina Curic
Jan Oberg
Vicky Samantha Rossi
Hans von Sponeck
Annette Schiffmann
Gunnar Westberg

December 3, 2008