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Junge Welt
28.06.2008 / Thema / Seite 10Inhalt
Die Welt als SchachbrettDer neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski (Teil I)Von Hauke Ritz
Der 1928 in Warschau geborene Zbigniew Brzezinski gilt neben Henry M.
Kissinger und Samuel P. Huntington als graue Eminenz unter den US-Geostrategen.
Er trägt durch seine Beratertätigkeit für US-Präsident James Carter von 1977
bis 1981 u. a. eine Mitverantwortung an der Talibanisierung Afghanistans,
unterstützten die Vereinigten Staaten doch die Mudschaheddin massiv im Kampf
gegen die UdSSR. Nach Brzezinskis Bekunden wollten die USA die Sowjetunion in
die »afghanische Falle« locken und ihnen so »ihr Vietnam« bereiten. Heute ist
er Professor für Amerikanische Außenpolitik an der Johns-Hopkins-Universität
in Baltimore, Berater am Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS)
in Washington D.C. und Verfasser von politischen Sachbüchern. Daneben betätigt
sich Brzezinski als Berater für mehrere große US-amerikanische und
internationale Unternehmen. Unlängst geriet er wieder in die Schlagzeilen, als
über die Medien verbreitet wurde, daß er in das außenpolitische Team des
US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama eingetreten ist.
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Brzezinskis Vision – Rußland als Absatzmarkt und Rohstofflager für die
USA. Werbetafeln in einem Außenbezirk von St. Petersburg (von
1924–1991 Leningrad), Juli 1993
Foto: AP
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Dieser Artikel ist die stark gekürzte Fassung eines Beitrags aus »Quo vadis,
Amerika? Die Welt nach Bush«. Das 288 Seiten umfassende Buch mit 24 Beiträgen
von u.a. Norman Birnbaum, Saskia Sassen und Immanuel Wallerstein ist soeben im
Verlag der »Blätter für deutsche und internationale Politik« erschienen und
kostet 12 Euro (blaetter.de).
Es stellt sich die Frage, warum der Kalte Krieg trotz des Sieges des
Kapitalismus offensichtlich in eine zweite Runde geht. Oder sollte gar,
jedenfalls in der US-amerikanischen Rezeption, der alte »Kalte Krieg« niemals
aufgehört haben?
Auch hinsichtlich dieser Frage finden sich Anhaltspunkte bei Brzezinski. Das
Rußland-Kapitel seines Hauptwerks »Die einzige Weltmacht«, fällt durch eine
sehr polemische Überschrift auf. Er bezeichnet Rußland als »Das schwarze
Loch«. Nach der Selbstauflösung der Sowjetunion gesteht Brzezinski Rußland
kaum noch das Recht auf einen eigenen geopolitischen Einflußbereich zu. Das
Bemühen, auf der Basis wirtschaftlicher Kooperationen und militärischer
Zusammenarbeit Einfluß in einigen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewahren,
wird von Brzezinski als »geostrategische Wunschvorstellung« (S. 142)
verworfen. Dagegen entwirft er das Bild eines zukünftigen Rußlands, das seine
Bestrebungen nach geopolitisch selbständigem Handeln weitgehend aufgegeben hat
und sich statt dessen in Fragen der Sicherheitspolitik der NATO und in Fragen
der Wirtschaftspolitik dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der
Weltbank unterordnet. Die Tatsache, daß russische Außenpolitiker Belarus, die
Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken als ihre natürliche
Einflußsphäre ansehen, bewertet Brzezinski unterschiedslos als »imperiale
Restauration« (S. 168) oder »imperialistische Propaganda« (S. 288). Versuche,
in Zukunft eine geopolitisch bedeutende Position zurückzuerlangen, nennt er
»nutzlose Bemühungen« (ebd.). An einer Stelle schlägt Brzezinski sogar eine
Spaltung Rußlands in drei oder vier Teile vor: »Einem locker konföderierten
Rußland – bestehend aus einem europäischen Rußland, einer sibirischen Republik
und einer fernöstlichen Republik – fiele es auch leichter, engere
Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem
Osten zu pflegen« (S. 288 f.). Die unverhohlene Arroganz, mit der sich
Brzezinski 1997 über Rußland äußerte, zeigt, daß er dem ehemaligen Gegner im
Kalten Krieg allenfalls die Rolle einer Kolonie bzw. eines Dritte-Welt-Landes
zuordnet.
Andererseits spiegeln diese Äußerungen aber auch Rußlands reale Stellung nach
einer ganzen Serie wirtschaftlicher Rezessionen wider. Diese erreichten 1998
mit der Abwertung des Rubels ihren vorläufigen Höhepunkt. Rußland war
seinerzeit hoch verschuldet und mußte einen Teil seiner wirtschaftspolitischen
Souveränität, ganz wie ein Land der »Dritten Welt«, an den IWF und die
Weltbank abgeben. Brzezinski beendete denn auch sein Kapitel über Rußland mit
den Worten: »Tatsächlich besteht das Dilemma für Rußland nicht mehr darin,
eine geopolitische Wahl zu treffen, denn im Grunde genommen geht es ums
Überleben.« (S. 180)
Mittlerweile hat sich gezeigt, daß Rußland – allen Prognosen amerikanischer
Außenpolitik zum Trotz – überlebt hat und seine geographische Ausdehnung zu
bewahren vermochte. Rußland ist nicht länger jenes »schwarzes Loch«, in dem
ausländische Mächte nach Belieben schalten und walten können.
Dieser Entwicklung trägt Brzezinski in seinem jüngsten, 2007 erschienenen Buch
»Second Chance« (Zweite Chance) kaum Rechnung. Nach wie vor befürwortet er
eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Und nach wie vor bewertet er das
russische Bemühen, Einfluß in der Ukraine zu bewahren, als Imperialismus.2
Dabei war die Ukraine über 200 Jahre lang mit Rußland verbunden. Nahezu 20
Prozent der Ukrainer sind Russen; hinzu kommen zahlreiche Bürger »gemischter«
Herkunft. Und schließlich wird in weiten Teilen des Landes russisch
gesprochen.
Doch die US-amerikanische Politik war von Anfang an auf die Schwächung des
einstigen Rivalen gerichtet. Dies zeigt auch die Wirtschaftspolitik des
Westens gegenüber Rußland nach dem Fall der Berliner Mauer. Wie Naomi Klein in
ihrem jüngsten Buch nachzeichnet, hatte die Rußland vom Westen aufgezwungene
ökonomische Schocktherapie vor allem den Sinn, das Land in einen billigen und
von ausländischem Kapital abhängigen Rohstoffexporteur zu verwandeln.3 Einen
besonders deutlichen Ausdruck fand diese von Washington betriebene »Politik
der Schwächung« in Brzezinskis Idee einer Drei- oder Vierteilung des Landes.
Der Grund für diese Politik ist vermutlich in der geographischen Lage Rußlands
zu suchen.
In »The Grand Chessboard« findet sich eine Karte, auf der Brzezinski das
»eurasische Schachbrett« darstellt. Darin ist der Doppelkontinent in vier
Regionen – oder, um bei der Schachmetapher zu bleiben – in vier Figuren
eingeteilt. Die erste Figur auf dem eurasischen Schachbrett umfaßt etwa die
heutige Europäische Union, die zweite China einschließlich einiger
angrenzender Staaten, die dritte den Nahen und Mittleren Osten einschließlich
Teile Zentralasiens. Doch die mit Abstand größte Figur – die Brzezinski die
mittlere Region nennt – stellt Rußland dar.
Der geopolitische Theoretiker Harold Mackinder hatte bereits Anfang des 20.
Jahrhunderts eine ähnliche Einteilung vorgenommen. [...] Ebenso wie Mackinder
im Hinblick auf das britische Empire sieht auch Brzezinski knapp 100 Jahre
später den Machtkampf um die Vorherrschaft Eurasiens als die Schicksalsfrage
jedes herrschenden Imperiums an. Denn ebenso wie das britische Empire haben
auch die USA eine geographische Lage, die eher abseits der sogenannten
»Welteninsel« (Eurasien) angesiedelt ist. Die USA müssen als nicht-eurasische
Nation ihre Weltmachtposition auf einem Kontinent durchsetzen und verteidigen,
auf dem sie nicht zu Hause sind. Sie könnten somit leichter als andere Staaten
aus Eurasien verdrängt werden. Dies wiederum zwingt die US-Außenpolitik zu
einer umso größeren und gewissermaßen präventiven Einflußnahme auf dem
asiatischen und europäischen Kontinent.
Rußland ist somit in den Augen US-amerikanischer Geopolitiker die
entscheidende Figur auf dem eurasischen Schachbrett. Die Überwindung der
ideologischen Konkurrenz bedeutete nicht, daß auch die geographische Rivalität
überwunden wurde. Im Gegenteil, Rußland ist aufgrund seiner geographischen
Lage aus Sicht der amerikanischen Geopolitiker so privilegiert, daß
wahrscheinlich schon deshalb eine präventive Schwächung Rußlands ins Auge
gefaßt wurde.
Die USA sind die größte Macht außerhalb Eurasiens. Wollen sie den
eurasischen Kontinent dominieren, so geraten sie automatisch in einen
Interessengegensatz zu Rußland. Dabei ist Rußland weit davon entfernt, die
stärkste Macht auf dem eurasischen Kontinent zu sein. Wirtschaftlich wird
Rußland nie mit China und Europa konkurrieren können. Allerdings ist das Land
durch seine geographische Position im Zentrum der eurasischen Landmasse und
seinen Rohstoffreichtum langfristig in der Lage, eurasische Kooperationen zu
begründen.
So könnten etwa vertiefte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Rußland und der EU
letztere in die Lage versetzen, eine transatlantische Orientierung durch eine
kontinentale zu ergänzen. Dies wiederum würde einen erheblichen
Unabhängigkeitsgewinn Europas gegenüber den USA bedeuten. Für eine zunehmende
Ostorientierung der EU spricht auch, daß russische und europäische Interessen
langfristig komplementär sind. Von russischer Seite besteht eine große
Nachfrage nach europäischer Technologie, während es Europa mittel- und
langfristig schwer gelingen wird, seine Energieversorgung ohne russische
Vorräte sicherzustellen.
In ganz ähnlicher Weise könnte ein Bündnis zwischen Rußland und China, welches
sich bereits in der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) herausbildet,
langfristig ein zweites weltwirtschaftliches Zentrum in Asien begründen. Dies
würde es den USA erschweren, ihren Einfluß im Nahen Osten und in Zentralasien
zu wahren. [...]
Die geographisch begründeten Interessengegensätze zwischen Rußland und den USA
erklären die amerikanische Rußlandpolitik seit dem Fall der Berliner Mauer.
Der neue Kalte Krieg erweist sich als die Fortsetzung des alten, insofern
dieser nie wirklich aufgehört hat. Der Kalte Krieg wurde fortgesetzt, weil die
USA mit dem Fall der Berliner Mauer nur eines ihrer beiden geopolitischen
Ziele erreicht haben. Das erste Ziel war zweifellos der Sieg des Kapitalismus
über den Sozialismus. Doch das zweite Ziel – dies wird erst jetzt im Zuge der
aktuellen Politik der USA deutlich – war die unangefochtene Vormachtstellung
der USA in Eurasien, um die Welt in eine post-nationalstaatliche Ordnung unter
US-amerikanischer Hegemonie zu überführen.
Einen Fuß in der Tür: Georgische Soldaten werden nach ihrer Ausbildung
in einem US-geführten Trainingscamp verabschiedet (Tblissi,
16.12.2005)
Foto: AP
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Doch dieser Traum amerikanischer Allmacht, den Brzezinski 1997 wie
selbstverständlich als legitim voraussetzt, ist in den letzten Jahren
zunehmend unrealistisch geworden. Durch den rasanten Aufstieg nicht nur
Rußlands, sondern auch Chinas und Indiens rückt er in immer weitere Ferne.
[...] Bereits zehn Jahre nach Brzezinskis außenpolitischer Analyse sind die
USA mit der Erschöpfung ihrer imperialen Kräfte konfrontiert. Wie soll es dem
Land erst möglich sein, einen fremden Kontinent gegenüber einem selbstbewußten
Rußland und erstarkten China zu dominieren? Die napoleonischen Kriege und der
Zweite Weltkrieg sind zudem Beispiele dafür, daß auch schon in der
Vergangenheit alle Versuche, vom Rande Eurasiens in sein – russisches –
Zentrum vorzustoßen, stets gescheitert sind. Wie werden sich die USA
verhalten, wenn auch sie von diesem Schicksal eingeholt werden?
Das hängt davon ab, ob es sich bei den von Brzezinski 1997 formulierten
Zielsetzungen um solche handelt, die pragmatisch fallengelassen werden können,
wenn sie sich als unrealistisch erweisen – oder ob es sich um Ziele handelt,
die so sehr mit der Identität des Landes, seinen Institutionen und seiner
politischen Führungselite verwachsen sind, daß sie letztlich weder relativiert
noch aufgegeben werden können.
Geht man vom günstigsten Fall aus, so würde dies bedeuten, daß die
US-Geopolitiker erkennen, daß die 1997 von Brzezinski formulierten Ziele sich
als nicht erreichbar erwiesen haben. Und daß die europäischen Politiker
einsehen, daß eine Neuauflage dieser Pläne in Gestalt einer transatlantischen
Zusammenarbeit letztlich nicht im europäischen Interesse liegt.
In den nächsten fünf Jahren könnte der US-Dollar seine Position als
vorherrschende Weltwährung einbüßen. Damit aber verlören die USA auch einen
erheblichen Teil ihrer Seignioragevorteile (Münzprägegewinne, d.h. vom Staat
bzw. von der Notenbank erzielte Erträge, die durch Geldschöpfung entstehen –
d. Red.), die wiederum die finanzielle Basis ihrer enormen Rüstungsausgaben
bilden. Viele der militärischen Basen außerhalb der USA könnten dann nicht
länger finanziert werden. Fortan müßten sich die USA ihre Weltmachtposition
mit eurasischen Konkurrenten wie China, Rußland und Europa teilen. Es wäre gut
möglich, daß sie ihren Einfluß in Zentralasien – infolge ihrer vergangenen
Politik in dieser Region – gänzlich verlieren. Umso absurder mutet es an, daß
ausgerechnet jetzt, da die sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Rußland,
Indien und China) ein enormes Wirtschaftswachstum generieren, die NATO
erstmals ein weltweites Gewaltmonopol für sich beansprucht. [...]
Die Welt des 21. Jahrhunderts wird voraussichtlich nicht mehr in demselben
Maße von den Vereinigten Staaten geprägt werden, wie dies im letzten halben
Jahrhundert der Fall war. In dem Maße, in dem unterschiedliche Kontinente und
Kulturkreise sich über ein übernationales Rahmenwerk der geopolitischen
Ordnung der Zukunft einig werden müssen, entsteht auch Raum für alternative
Entwürfe.
An die Stelle einer von den USA dirigierten Globalisierung könnte ein Prozeß
der offenen Aushandlung zwischen ungefähr gleich starken Mächten treten.
Dadurch wäre der Westen weit mehr als bisher mit seiner eigenen
Außenwahrnehmung konfrontiert. Die heute noch allgemein akzeptierte
Vorstellung vom »guten Abendland« dürfte erheblich ins Wanken geraten, wenn
die Ausbeutung der »Dritten Welt«, die Praxis des Schuldenimperialismus und
die Unterstützung von Diktaturen einmal Gegenstand einer geschichtlichen
Erinnerung, ja möglicherweise sogar gerichtlichen Aufarbeitung werden würde.
Doch vielleicht ist genau dies die Zukunftsprognose, gegen die letztlich
Brzezinskis Plan, einer US-Vorherrschaft in Eurasien gerichtet ist. Und
möglicherweise gilt dies nicht nur für Brzezinski, sondern für weite Teile der
amerikanischen Elite. Einiges spricht dafür, daß der Glaube an die legitime
Vorherrschaft der USA so eng mit dem Identitätsgefühl ihrer Elite verflochten
ist, daß auch das offensichtliche Scheitern dieser Politik in der Ära Bush
nicht zu einer neuen Orientierung führen wird. Der in Brzezinskis jüngstem
Buch »Second Chance« entworfenen Plan durch eine vertiefte
amerikanisch-europäische Zusammenarbeit die Vorherrschaft über Eurasien zu
erlangen, deutet darauf hin.4 Dies scheint der letzte Strohhalm zu sein, nach
dem die USA – ob unter Barack Obama oder John McCain – greifen könnten, um die
Einsicht abzuwehren, daß die Vorherrschaft des Westens über ganz Eurasien
weder politisch noch wirtschaftlich und erst recht nicht militärisch
durchsetzbar ist.
Welchen Verlauf würde die Geschichte nehmen, wenn die amerikanischen und
europäischen Geopolitiker – ungeachtet der neuen Machtverteilung – tatsächlich
am Plan der Vorherrschaft über Eurasien festhalten würden? In diesem Fall
müßte es zu einem Zusammenstoß verschiedener Großmächte kommen – ob in Form
eines kalten oder heißen Krieges.
Da ein neuer Kalter Krieg sich nicht im Gleichgewicht des Schreckens, sondern
in einer militärischen und technologischen Asymmetrie vollziehen würde, wäre
damit auch die Gefahr der Auslösung eines heißen Krieges ungleich höher. So
könnten sich etwa die Inhaber eines Raketenschildes in falscher Sicherheit
wiegen und den Krieg im Zuge einer diplomatischen Krise auslösen. Umgekehrt
könnte die unterlegene Seite – die über keinen Raketenschild verfügt – den
Krieg präventiv beginnen, sofern sie davon überzeugt ist, daß die andere Seite
dies ohnehin langfristig plant. Der präventive Kriegsbeginn würde als
asymmetrischer Ausgleich für das nicht vorhandene Raketenschild fungieren.
Doch ein Zusammenstoß verschiedener eurasischer Akteure könnte sich auch in
Gestalt eines Stellvertreterkrieges ereignen. Der Ort eines solchen
Zusammenstoßes wären mit hoher Wahrscheinlichkeit die ölreichen Regionen des
Nahen Ostens und Zentralasiens. Wenn die durch Peak Oil hervorgerufene
Energiekrise erst einmal begonnen hat, dürften diese Regionen endgültig ins
Fadenkreuz aller Mächte geraten. [...]
Würde die geopolitische Konkurrenz in der Region zwischen Irak, Iran,
Afghanistan, Pakistan und einigen ehemaligen Sowjetrepubliken ähnlich
ausgetragen werden wie im vergangenen Jahrhundert auf dem europäischen Balkan,
wären die menschlichen Verluste kaum abzuschätzen. Auf dem eurasischen Balkan
konkurrieren weit mehr Mächte miteinander als einst auf dem europäischen
Balkan. Die wichtigsten Akteure sind Rußland, die USA, die Türkei und der
Iran. In den letzten Jahren ist zudem der Einfluß Chinas, Indiens, Pakistan
und der EU immer spürbarer geworden. Insgesamt erstreckt sich der eurasische
Balkan über ein Gebiet, das mehrere hundert Millionen Menschen umfaßt. Der
amerikanische Historiker Niall Ferguson hat sogar die These vertreten, daß ein
solch grenzübergreifender Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan
wahrscheinlich ist und letztlich einen neuen Weltkrieg darstellen würde.
Ferguson kommt zu dem Schluß, daß die dann zu erwartenden Opferzahlen jene des
Zweiten Weltkriegs übersteigen könnten.5 Die Veröffentlichung von Fergusons
Artikel in der vom Council on Foreign Relations herausgegebenen Zeitschrift
Foreign Affairs zeigt, daß der berühmteste außenpolitische Think-Tank der USA
einen ausufernden Bürgerkrieg auf dem eurasischen Balkan als eine Möglichkeit
ansieht, mit der zu rechnen ist.
Würde eine mächtige Koalition aus verschiedenen Staaten, ähnlich wie die NATO
1999 in Jugoslawien, schließlich als friedensstiftende Macht in einen solchen
Konflikt eingreifen, so wäre sie nicht nur in der Position, die Grenzziehungen
des Nahen Ostens und Zentralasiens neu zu bestimmen. Eine solche Koalition
wäre dann auch in der Lage, die direkte militärische Kontrolle über einen
beträchtlichen Teil der weltweiten Öl- und Gasvorräte auszuüben. Eine solche
»friedensstiftende Koalition« wäre der eigentliche Gewinner in einem solchen
Krieg. Denn die Kontrolle dieser Energiereserven stellt einen so bedeutenden
geopolitischen Machthebel dar, daß, wer immer ihn besitzt, wohl auch der
maßgebliche Hegemon des 21. Jahrhunderts sein würde.
Die Grundsatzentscheidung darüber, welchen Verlauf die Geschichte im 21.
Jahrhundert nehmen wird, dürfte jedoch weder bei den USA noch bei Rußland
liegen. Die Interessen beider Staaten sind zu eindeutig und programmatisch zu
festgelegt, als daß sie sich ernsthaft zwischen grundsätzlich verschiedenen
Alternativen entscheiden können.
Rußland wird sein Interesse, die ehemaligen Sowjetrepubliken als seine
natürliche Einflußzone anzusehen, vermutlich nie fallenlassen. Umgekehrt
scheinen die USA wenig gewillt zu sein, ihre Vorherrschaft auf dem eurasischen
Kontinent kampflos aufzugeben. Die Entscheidung in diesem »great game« muß
deshalb bei einem geopolitischen Akteur liegen, der von verschiedenen
Entwicklungsmöglichkeiten profitieren könnte und somit wirklich vor einer Wahl
steht. Die einzige geopolitische Macht, auf die diese Beschreibung zutrifft,
ist Europa.
Das von Brzezinski vorgelegte geopolitische Konzept amerikanischer
Vorherrschaft im 21. Jahrhundert erweist sich in jeglicher Hinsicht abhängig
von europäischer Kooperation. Ohne eine von der EU unterstützte Osterweiterung
der NATO erwiese sich der Plan, ein von den USA dominiertes transeurasisches
Sicherheitssystem zu schaffen, als unrealistisch. [...]
Europa ist somit für die Vereinigten Staaten ein unverzichtbarer Partner.
Europas eigene Interessenlage unterscheidet sich dagegen in wichtigen Punkten
von der amerikanischen. Seiner eigenen geopolitischen Lage nach kann Europa
sowohl atlantische als auch eurasische Kooperationen eingehen. Seinen eigenen
Interessen am nächsten käme eine Politik, die sich sowohl nach Westen als auch
nach Osten orientiert. Eine derartige Ostorientierung der EU versuchen die
USA, nicht zuletzt auch durch einen neuen Kalten Krieg zu verhindern – unter
Instrumentalisierung der osteuropäischen Staaten. Sollte es Brüssel nicht
gelingen, den Regierungen Polens und Tschechiens die Stationierung
amerikanischen Radar- und Abschußanlagen auszureden, so stellt sich die Frage,
welchen politischen Sinn und Zweck die Europäische Union eigentlich noch hat.
Brzezinskis geopolitische Analysen besitzen zwar eine Eigenlogik mit hoher
Überzeugungskraft. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihre
Prämissen falsch sind. Eurasien als Schachbrett zu betrachten ist auf den
ersten Blick eine originelle Idee. Doch wie so viele Ideen, die
Geschichtsmächtigkeit beansprucht haben, erweist sie sich bei genauerer
Betrachtung als geistig leer und politisch verheerend. Die Welt ist im 21.
Jahrhundert multilateral eng miteinander verflochten und damit klein und
zerbrechlich geworden. Geopolitische Machtspiele, die die Logik eines
Schachspiels auf Kontinente übertragen, werden dieser neuen Situation nicht
gerecht. Es ist daher erforderlich, die geopolitische Logik an sich zu
relativieren und in Zweifel zu ziehen.
Statt den geopolitischen Machtkampf bis zum Äußersten zu treiben, kommt es
heute darauf an, der geopolitischen Logik eine Denkweise entgegenzusetzen, die
sich auf die Zivilisation als ganzes bezieht. Viel wichtiger als die Frage, ob
das 21. Jahrhundert ein amerikanisches, europäisches oder chinesisches sein
wird, ist die Frage, auf welchen Prämissen wir das Leben der menschlichen
Gattung begründen wollen. Die USA der Ära Bush haben mit Guantánamo und der
Grünen Zone in Bagdad ihre Vorschläge bereits eingereicht. Es bleibt zwar
abzuwarten, ob sie unter seinem Nachfolger, wer auch immer dies sein wird, zu
einer zivilisierenden Korrektur in der Lage sein werden. Sollte jedoch das
Streben nach globaler Vorherrschaft von den USA weiter verfolgt werden, muß
Europa reagieren. Als unabdingbarer Partner der USA verfügt nur die »alte
Welt« über die Möglichkeit, den amerikanischen Plänen die Unterstützung zu
entziehen. Und Europa sollte dies im Interesse der Zivilisation auch tun.
Fußnoten: