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Über den Irakkrieg hinaus: Nicht nur "Anti"-, sondern auch
"Pro"-Bewegung
Ein Papier aus dem Bundesausschuss Friedensratschlag zu den nächsten
Schritten der Friedensbewegung
Anlässlich der
"Aktionskonferenz der Friedensbewegung", zu der für den 13. April
2003 der Trägerkreis des "Aktionsbündnisses 15. Februar - gegen den
Irakkrieg" eingeladen hatte, legte Peter Strutynski vom Bundesausschuss
Friedensratschlag ein Diskussionspapier vor. Darin ging es vor allem um neue
inhaltliche Schwerpunktsetzungen der Friedensbewegung über den Irakkrieg
hinaus. Der Text wurde am 8. April geschrieben. Wir dokumentieren das Papier.
Zu den nächsten Schritten der Friedensbewegung
Entwurf für die Aktionskonferenz am 13. April 2003
Peter Strutynski (Bundesausschuss Friedensratschlag)
(1) Kaum jemand bezweifelt, dass der Irakkrieg von den USA und Großbritannien
militärisch "gewonnen" wird. Schon heute allerdings kann mit
Sicherheit behauptet werden, dass der Angriffskrieg politisch in eine
Niederlage der Aggressoren mündet und den Irak sowie die ganze Region
nachhaltig destabilisieren wird.
(2) Die Friedensbewegung hat zu Recht all ihre Kräfte darauf konzentriert,
den lange angekündigten und von langer Hand geplanten und vorbereiteten Krieg
zu verhindern. Sie hat gleichzeitig immer angekündigt, dass ihr Widerstand
auch dann weiter gehen wird, wenn sich der Krieg nicht verhindern lässt.
Daraus ergibt sich eine große Verantwortung, der die Friedensbewegung mit der
Fortsetzung vielfältiger Aktionen und der Entwicklung über den Krieg hinaus
reichender strategischer Schwerpunkte gerecht werden muss.
(3) Mit der Großdemonstration in Berlin am 15. Februar 2003 ist die
Friedensbewegung aus dem Schatten der 80er Jahre herausgetreten und hat sich
als runderneuerte außerparlamentarische Kraft im politischen Kräftespiel der
Bundesrepublik Respekt verschafft. Öffentlichkeit, Medien und Politik waren
gleichermaßen beeindruckt von dieser großartigen Manifestation des
Mehrheitswillens der Bevölkerung gegen den drohenden Krieg und für den
Frieden. Diesen positiven Gesamteindruck gilt es zu bewahren - auch dadurch,
dass man sich in der Lage zeigt, (quantitativ) nachlassenden Widerstand
rechtzeitig zu erkennen und die Aktionsformen entsprechend auszuwählen.
(4) Die Friedensbewegung kann zur Zeit an einer relativ stabilen
Antikriegs-Haltung und an partiellen kritischen Einsichten über die Hintergründe
des Kriegskurses der USA anknüpfen. Neben der Aufrechterhaltung der - wohl
dosierten - öffentlichen demonstrativen Präsenz der Friedensbewegung
(Mahnwachen, Demos usw.) sollten verstärkt inhaltliche Informations- und
Diskussionsangebote gemacht werden. Zu vertiefen sind insbesondere Fragen, die
sich mit der spezifischen Interessenlage der USA und Europas befassen, die den
Irak-Konflikt im Kontext imperialer Weltmachtstrategien betrachten, die
deutsche Rolle im europäischen und transatlantischen Kräftespiel
untersuchen, grundsätzlich nach der Rolle und Wirkungsweise der Institutionen
der Vereinten Nationen und der Bindungskraft des Völkerrechts (einschließlich
des Grundgesetzes der BRD) fragen und schließlich zivile Alternativen
nicht-militärischer Prävention herausarbeiten.
(5) Die Bevölkerungsmehrheit gegen den Irakkrieg ist politisch natürlich
nicht homogen. Gewiss haben auch viele Demonstranten in Berlin die
Bundesregierung in ihrer Nein-Position unterstützen wollen. Insofern
entsprach der "regierungsfreundliche" Teil der Schlusskundgebung der
politischen Neigung eines mehr oder weniger großen Teils der Demonstranten.
Nur: Auch sie gehen wesentlich weiter in ihrer Kritik an der Regierungspolitik
und in ihren Forderungen an die Regierung, als die rot-grünen
Parteiformationen es gern hätten. Überwiegend zustimmend reagieren die
Menschen auf die Forderung, dass die Bundesregierung in der Irakfrage dem
verbalen Nein auch die dazugehörigen Taten folgen lassen muss (also: Keine Überflugrechte,
keine Militärtransporte! etc.). Dies muss die Friedensbewegung gerade jetzt
verstärkt tun, weil dieser Punkt während des Krieges an praktischer
Bedeutung gewonnen hat. Der vorliegende Unterschriften-Appell "Dem Krieg
den Boden entziehen" (siehe Anlage) könnte ein gutes Hilfsmittel
darstellen. Blockaden vor US-Einrichtungen und Demonstrationen im
"politischen Machtzentrum" Berlin sind ebenfalls geeignet, die
Forderungen zu popularisieren.
(6) Noch nie wurde außerdem so deutlich, dass die deutsche Friedensbewegung
Teil einer weltweiten Bewegung gegen Krieg und neoliberale Globalisierung ist.
Ohne auf weltweite Organisationsstrukturen zurückgreifen zu können, hat sich
mittels Nutzung der modernen Kommunikationstechnologien eine nicht nur
virtuelle "Internationale des Friedens" etabliert. In ihr wirken
keine hierarchischen Organisationsprinzipien, sondern freiwillige Übereinkunft
aufgrund ähnlich gelagerter Interessen und politischer Ziele.
Friedensorganisationen sowie lokale und regionale Initiativen sollten künftig
ihre internationalen Kontakte (egal wohin) ausbauen (Internet-Kommunikation,
gegenseitige Besuche usw.).
(7) Erfahrungsgemäß lässt der Widerstand einer Bewegung nach, wenn ihr
unmittelbares Ziel nicht erreicht wurde. Dies war der Fall nach der
Stationierung der Atomraketen im November 1993, nach dem Beginn des Golfkriegs
1991 und nach dem Beginn des Afghanistan-Kriegs im Oktober 2001. Es ist
generell schwer, einem solchen "Abschlaffen" der Bewegung
vorzubeugen. Soweit der Grund dafür aber darin zu suchen ist, dass die
Bewegung gegen den drohenden Irak-Krieg in erster Linie eine reine
Anti-Bewegung war bzw. ist, könnte der Gefahr des Zurückfallens dadurch
teilweise vorgebeugt werden, dass die Friedensbewegung ihre Alternativen zum
Krieg deutlicher zum Ausdruck bringt, ihre Anti-Haltung (die muss natürlich
bleiben!) also durch ein Pro ergänzt. Dieses Pro sollte konkrete politische
Inhalte und Ziele formulieren. Dabei kann an den gegenwärtigen Irak-Konflikt
angeknüpft werden.
(8) Beispiele könnten sein:
- Das Ziel einer Beseitigung und Unschädlichmachung von
Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme sollte nicht nur für
den Irak, sondern für alle Staaten geltend gemacht werden.
Waffeninspekteure also auch in die USA, nach Großbritannien, Frankreich,
Russland, China, selbstverstänndlich auch nach Deutschland! Rüstungsproduktion
und Konversion sowie Rüstungsexporte müssen wieder Thema der
Friedensbewegung werden.
- Der Demilitarisierung des Irak muss die Abrüstung anderer Länder der
Region folgen. Regionale Sicherheit im Nahen Osten wird langfristig nur
auf der Basis gleichberechtigter Beziehungen zwischen strukturell
angriffsunfähigen Staaten (einschließlich eines palästinensischen
Staates) herzustellen sein. Die enge Verknüpfung des Irakkriegs mit dem
Palästinenserproblem ist von der Friedensbewegung bisher nicht
hinreichend beachtet worden. Das israelisch-palästinensische Problem
bleibt aber eine Schlüsselfrage für die Zukunft des Nahen Ostens.
- Ähnlich verhält es sich mit der Forderung, dem internationalen Recht
mehr Geltung zu verschaffen. Das strikte Gewaltverbot der Charta der
Vereinten Nationen und die universellen Menschenrechte müssen von allen
Staaten respektiert werden. Es gilt, die völkerrechtlichen Standards und
die Institutionen der VN gegen den Generalangriff von Seiten der USA zu
verteidigen. Dabei bietet das Verhalten der Mehrheit der Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats in der Irakkriegsfrage einen hoffnungsvollen Anknüpfungspunkt.
Mehr Widerständigkeit insbesondere der afrikanischen Regierungen gegen
den massiven Druck der USA konnte in der Situation kaum erwartet werden.
- Geht es nach dem Willen der Regierungen der führenden europäischen
Staaten, so soll als Konsequenz aus dem transatlantischen Konflikt um den
Irakkrieg nun der europäische Pfeiler "gestärkt" werden.
Hierzu soll die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik weiterentwickelt
werden zu einer Europäischen "Verteidigungsunion." Der militärischen
Supermacht USA ist nicht dadurch beizukommen, dass man selbst versucht,
auf demselben Gebiet "gleichzuziehen". Die Friedensbewegung sähe
darin eine grundverkehrte Weichenstellung. Europa braucht keine weiteren
Eingreif- und Interventionstruppen; Europa braucht viel mehr politische
Initiativen zur zivilen Konfliktprävention. Die Friedensbewegung muss
ihre Europa-Abstinenz überwinden und sich stärker in den Prozess der
europäischen Einigung und Erweiterung einmischen (Konvent,
EU-Gipfeltreffen).
- Viel stärker ins Blickfeld der Friedensbewegung muss auch die
Forcierung des Umbaus der Bundeswehr zu einer Angriffsarmee gerückt
werden. Verteidigungsminister Struck will noch im Frühjahr die
Verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem Jahr 1992 überarbeiten. Die
"11 Kriterien", die er hierzu im Februar vorgelegt hat, geben
die - höchst gefährliche - Richtung vor. Die Kriterien 5 und 6 lauten:
(5) "Für die Bundeswehr stehen Einsätze der Konfliktverhütung und
Krisenbewältigung sowie zur Unterstützung von Bündnispartnern auch über
das Bündnisgebiet hinaus im Vordergrund". (6) "Die ausschließlich
für die Landesverteidigung vorgehaltenen Fähigkeiten werden in aktiven
Strukturen nicht länger benötigt." Fazit: Verteidigung ist out -
Angriff in! Die Friedensbewegung sollte aktuell in die Diskussion um die
Novellierung der VPR einsteigen und dabei insbesondere auch die
Verfassungswidrigkeit der Bundeswehrplanung betonen. (23. Mai ist
"Verfassungstag"!)
- Schließlich sollten die vorhandenen Teileinsichten der Bevölkerung in
globale ökonomische und ökologische Zusammenhänge genutzt werden, um
praktikable Alternativen zum verschwenderischen und zerstörerischen
Kapitalismus zu diskutieren. Gemeinsame Diskussionsforen mit Attac-Gruppen
und mit anderen globalisierungskritischen sozialen und politischen
Bewegungen könnten für die Friedensbewegung eine außerordentliche
Bereicherung darstellen. G-8-Gipfel (z.B. Evian im Sommer), das Europäische
Sozialforum sowie das Weltsozialforum sind "Termine", die auch für
die Friedensbewegung relevant werden.
(9) Sollte es demnächst zu einem militärischen Ende des Irakkriegs kommen,
dann darf die Friedensbewegung nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die
Bundesregierung stellt bereits die Fallen auf, in welche die Friedensbewegung
tappen soll: Nach dem Ende des Krieges müsse den Menschen geholfen werden,
heißt es, und man müsse "nach vorne" blicken. Auf diese Weise soll
die gründliche Aufarbeitung des Krieges verhindert und die kritische Öffentlichkeit
von den relevanten weltpolitischen Implikationen der US-Aggression abgelenkt
werden. Die Forderungen der Friedensbewegung richten sich demgegenüber auf
die Wiedereinsetzung der Vereinten Nationen in die ihr nach der UN-Charta
zustehenden Rechte. Eine politische Verurteilung des Krieges durch den
UN-Sicherheitsrat bzw. durch die UN-Generalversammlung ist unbedingt
erforderlich, weil der Krieg sonst nachträglich legitimiert würde. Die
Aggressoren müssen juristisch verfolgt werden und Reparationen an den zerstörten
Irak bezahlen. Eine von den Siegern dominierte Nachkriegsordnung ist
abzulehnen. Da gegenwärtig nicht damit zu rechnen ist, dass die
UN-Institutionen einschließlich der UN-Gerichte ihrer Aufgabe gerecht werden,
sollte die Friedensbewegung ersatzweise über die Aggressoren zu Gericht
sitzen (z.B. nach dem Vorbild des NATO-"Tribunals").

Anlage: Appell
Stoppt den Krieg sofort!
Dem Krieg den Boden entziehen!
Gegen den Willen der Mehrheit der Weltbevölkerung, gegen die Mehrheit im
UN-Sicherheitsrat und trotz massiver internationaler Proteste führen die
Regierungen der USA und Großbritanniens den Krieg gegen den Irak.
Wir verlangen von der Bundesregierung, den Krieg als völkerrechtswidrige
Aggression eindeutig zu verurteilen und sich aktiv für eine Resolution der
UN-Generalversammlung einzusetzen, in der die Angreifer zum Rückzug
aufgefordert werden und anderen Staaten jegliche direkte und indirekte Unterstützung
des Krieges untersagt wird.
Wir fordern die Bundesregierung auf unverzüglich jede Kriegsunterstützung zu
beenden und sofort folgende Maßnahmen zu ergreifen:
- Den britischen und US-Militärflugzeugen werden keine Überflugrechte
gewährt.
- Britische und US-Militärtransporte aus und nach Deutschland werden
untersagt.

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AG Friedensforschung an der Universität Kassel, Peter Strutynski,
Nora-Platiel-Str. 5, 34109 Kassel, eMail: strutype@uni-kassel.de