23.01.2007 / Schwerpunkt / Seite 3
Totes Rennen in Belgrad
Parlamentswahlen in Serbien stärkten das westliche und neoliberale
Lager. Anti-NATO-Parteien können dennoch zufrieden sein
Jürgen Elsässer
Die Reihe der Gratulanten ist lang und vielsagend: Frank-Walter
Steinmeier (SPD) hat das Wahlergebnis in Serbien begrüßt. Dort war am
Sonntag über ein neues Parlament abgestimmt worden. Der Bundesaußenminister
sieht »günstige Voraussetzungen dafür, daß in Serbien eine Regierung
gebildet wird, die Serbien auf den europäischen Weg führt.« Auch der
EU-Außenbeauftragte Javier Solana äußerte die Hoffnung, daß in
Belgrad »eine Regierung aus pro-europäischen und demokratischen Kräften
gebildet werden kann«. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn
sagte, er erwarte eine Regierung, die »vollkommen« mit dem Haager
Tribunal kooperiere – eine Umschreibung für die Auslieferung früherer
Partei- und Militärfunktionäre, die dort als Kriegsverbrecher
angeklagt sind.
Polarisierung
Tatsächlich hat der Urnengang zu einer weiteren Polarisierung der
politischen Landschaft geführt. Sowohl die pro-NATO-Parteien wie auch
die Gegner der westlichen Politik können zufrieden sein, wobei erstere
mehr gepunktet haben. Verloren hat die politische Mitte, die bisher die
Regierung gestellt hat. Ihr Lavieren zwischen den Extremen wurde vom Wähler
nicht honoriert.
Zentrum der NATO-freundlichen Kräfte ist die Demokratische Partei (DS),
die einst von dem 2003 ermordeten Premier Zoran Djindjic gegründet
worden ist. Sie kam auf 22,7 Prozent der Stimmen und verdoppelte damit
ihr Resultat vom letzten Urnengang Ende 2003 nahezu. Noch
bemerkenswerter ist, daß ein neugegründetes neoliberales Bündnis
(LDP) aus dem Stand auf 5,3 Prozent kam. Die wichtigsten Aktivisten des
typisch »orangen« Projektes um den früheren Djindjic-Stellvertreter
Cedomir Jovanovic kommen aus der Studentenbewegung Otpor, die maßgeblich
aus den USA finanziert wurde, etwa vom Multimilliardär George Soros.
2003 war Otpor noch mit der DS im Bündnis gewesen – wäre sie dieses
Mal nicht als LDP separat angetreten, wäre das DS-Ergebnis also noch
besser ausgefallen. Dritter im pro-westlichen Bunde ist die Partei
G17plus, die aus neoliberalen Wirtschaftsreformen besteht und mit 6,8
Prozent ihr Ergebnis vom letzten Mal (11,6 Prozent) nicht halten konnte.
Anker der Anti-NATO-Kräfte ist die Serbische Radikale Partei (SRS). Sie
wurde mit 28,3 Prozent erneut zur stärksten Formation und gewann im
Vergleich zu 2003 sogar 100 000 Stimmen hinzu. Der amtierende
Parteichef Tomislav Nikolic hat den Sieg als »historisch« bezeichnet,
mußte jedoch gleichzeitig einräumen, daß seine Partei dennoch keine
Regierung bilden kann, da ihr die Partner fehlen. Zwar schnitt die
Sozialistische Partei (SPS) mit 5,6 Prozent weitaus besser ab als
erwartet, doch schlechter als 2003 (7,7 Prozent). Und von den
30-Prozent-Ergebnissen der Milosevic Ära, als die SPS mit der SRS in
Koalitionsregierungen verbunden war, sind die Roten weit entfernt. Noch
schlimmer ist, daß die Wählerschaft zwar großteils aus entschiedenen
NATO-Gegnern besteht, man der Parteiführung unter dem neugewählten
Vorsitzenden Ivica Dacic aber jeden schlechten Kompromiß zutrauen muß.
Kostunica verliert
Von 2004 bis jetzt regierte in Belgrad die Demokratische Partei Serbiens
(DSS) von Ministerpräsident Vojislav Kostunica zusammen mit der G17plus
und der Serbischen Erneurungsbewegung (SPO) des Außenministers Vuk
Draskovic. Doch nachdem Draskovic binnen weniger Jahre vom Monarchisten
über den Milosevic-Alliierten zum Liebling des Westens mutierte,
zerfiel seine SPO und erhielt am Sonntag gerade noch 4,5 Prozent. Die
mit der SPO im Jahre 2003 in einem Wahlbündnis liierte Partei Neues
Serbien (NS) hatte sich dieses Mal von der DSS huckepack nehmen lassen,
was sich aber für die DSS nicht auszahlte. Mit 16,4 Prozent ging sie
nur als dritter Sieger hinter SRS und DS durchs Ziel. Die bisherige
Koalition wird sich also nicht wieder auflegen lassen, selbst wenn sich
die SPS erneut zur Tolerierung entschließen würde.
Für eine Regierungsbildung gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder
ein Pakt der sogenannten demokratischen Parteien mit DS und DSS als
Hauptstützen. Dies wäre eine Neuauflage des DOS-Bündnisses, das im
Jahr 2000 Milosevic stürzte und bis 2003 regierte – und der
Herzenswunsch der am Artikelanfang zitierten Politiker. Oder ein
Abschwenken der DSS zur Radikalen Partei und den Sozialisten – eine
Horrorvorstellung für Washington, Berlin und Brüssel. Die DSS, obwohl
am Sonntag eigentlich geschwächt, ist also der Königsmacher in
Belgrad.
Für beide Optionen gibt es in der DSS Fürsprecher. Kostunica gilt im
In- und Ausland als »gemäßigter Nationalist«, was bedeuten soll, daß
er einen Mittelweg zwischen Westanpassung und Patriotismus versucht. Das
hat schon bisher nicht recht geklappt – und könnte vollends unmöglich
werden, wenn NATO und EU auf einer Abtrennung des Kosovo bestehen. Am
kommenden Freitag, wenn Martti Ahtisaari, der Kosovo-Beauftragte der UN,
seinen Statusvorschlag für die Krisenprovinz bekanntgibt, werden die
Koalitionsüberlegungen in der DSS erst richtig entbrennen. Innerhalb
der Partei wird dann entschieden, was die Wähler nicht entscheiden
konnten – ob die Serben zu Sklaven der NATO werden oder nach einem
achtjährigen Interregnum den Kampf wiederaufnehmen, den sie 1999 nicht
verloren haben.