Die aggressive Kampagne gegen Syrien ist Teil jener Pläne,
die von US-amerikanischen Neokonservativen und israelischen Likudniks
ausgeheckt wurden, um den »Größeren Mittleren Osten« im Interesse
der Rüstungs- und Ölkonzerne der USA und Israels radikal
umzugestalten. »Regimewechsel« im Irak war schon unter Präsident
William Clinton zum außenpolitischen Ziel der USA erklärt worden. Mit
der Bush-Regierung begann nach der Eroberung von Afghanistan die
Invasion und Besetzung des Irak im März 2003. Und schon damals, als
noch Hochstimmung in Washington herrschte, beschuldigte
US-Kriegsminister Donald Rumsfeld die Regierung in Damaskus, sie
verstecke hochrangige Politiker der irakischen Baath-Partei und
irakische Massenvernichtungswaffen. Tatsächlich aber tat die syrische
Regierung alles, um Washington nicht zu verärgern. Schon aus
Eigeninteresse des laizistischen, staatssozialistischen Gemeinwesens an
der Bändigung der reaktionären Moslembrüder im eigenen Lande hatte
Damaskus den »Kampf gegen den Terrorismus« unterstützt.
Doch mit welchem Maß an »Good governance«, zu deutsch: kapitalhöriger
Staatsführung, sich das Imperium zufriedengibt, entscheidet Washington
vorzugsweise selbst. Syrien mußte wie zahllose Staaten zuvor die
Erfahrung machen, daß Flexibilität und Entgegenkommen gegenüber
US-amerikanischen Wünschen keine Garantie sind, nicht in die Schußlinie
zu geraten: Mitte Dezember 2004 gaben neokonservative Publizisten wie
William Kristol das endgültige Signal für das Kesseltreiben gegen
Syrien: Unter der Überschrift »Mit Syrien Ernst machen« erklärte der
einflußreiche Vorsitzende des »Projekts für ein Neues Amerikanisches
Jahrhundert« im erzreaktionären Weekly Standard, nun gäbe es die
Option, »sich mit Syrien zu befassen«, denn: »Wir könnten syrische
Militäreinrichtungen bombardieren; wir könnten mit Streitkräften über
die Grenze gehen, um die Infiltration zu stoppen; wir könnten die Stadt
Abu Kamal in Ostsyrien wenige Meilen von der Grenze, die das Planungs-
und Organisationszentrum für syrische Aktivitäten im Irak ist,
besetzen; wir könnten verdeckt und offen die syrische Opposition
unterstützen.«
USA: Krisenlösung durch Eskalation
Die aggressive Wendung gegen Syrien erfolgte, obgleich die
neokonservativen Kriegstreiber im Irak die Erfahrung hatten machen müssen,
daß das Land angreifen, verwüsten und besetzen, nicht bedeutete, das
irakische Volk zu besiegen. Eine Mehrheit der Iraker sympathisiert mit
dem Widerstand, wie selbst eine Umfrage des britischen
Verteidigungsministeriums ergab (vgl. jW v. 24.10.2005). Die militärischen
Widerstandsgruppen operieren nach Aussagen US-amerikanischer Militärs
zunehmend raffinierter und erfolgreicher. Täglich werden GIs im Irak
getötet, verwundet oder halten nicht mehr durch. Die Militärmaschine
des Pentagon ist überbeansprucht. Sie leidet unter
Rekrutierungsproblemen. Zwei von drei US-Bürgern lehnen George W. Bushs
Kriegspolitik ab. Seine Popularitätsrate sank auf 38 Prozent, Tendenz
fallend.
Selbst die Machtelite, unzufrieden mit den stümperhaften Resultaten
der Bush-Gang, versucht, Dampf abzulassen: Gegen Karl Rove und Lewis
Libby, die beiden engsten Mitarbeiter von Präsident Bush und Vizepräsident
Richard Cheney laufen Ermittlungsverfahren, nicht wegen ihrer Rolle beim
Megaverbrechen Angriffskrieg, sondern wegen Enttarnung einer CIA-Agentin
und Behinderung der Ermittlungen. Und es scheint, daß das
US-Establishment trotz Regierungskrise weit davon entfernt ist, über Rückzugsstrategien
ernsthaft nachzudenken. Weiterhin überwiegen jene, die als Ausweg aus
der Krise des US-Imperialismus wegen seines Irak-Kriegs deren Ausweitung
auf andere Länder empfehlen.
Auch Ägypten imVisier
Der Imperialismus stößt im Mittleren Osten auf das Bewußtsein der
Araber, eine einzige große Völkerfamilie zu bilden. Panarabische
Tendenzen können jedoch nur auf Grundlage fortschrittlicher
gesellschaftlicher Entwicklungen innerhalb der bestehenden arabischen
Nationalstaaten realen politischen Ausdruck erhalten. Daher richtete
sich die Feindschaft der imperialistischen Mächte seit jeher besonders
gegen jene größeren arabischen Staaten wie Ägypten, Irak und Syrien,
vor allem, wenn deren Führungen die Einheit der Araber aktiv förderten.
In diesem Zusammenhang haben westliche Überlegungen zu einer Auflösung
(»Balkanisierung«) von Staaten wie Irak und Syrien immer eine Rolle
gespielt. Sie sind allerdings aus nahe liegenden Gründen nur selten so
unverhohlen formuliert worden wie z. B. 1982 in der Studie eines
ehemaligen Mitarbeiters des israelischen Außenministeriums, Oded Yinon,
die dieser für eine zionistische Organisation anfertigte. Die Arbeit
mit dem Titel »Eine Strategie für Israel in den 80er Jahren« wurde
von Israel Shahak aus dem Hebräischen übersetzt und von der
Association of Arab-American University Graduates als Broschüre (ISBN
0-937694-56-8) veröffentlicht (http:// www.geocities.com/alabasters_archive/
zionist_plan.html#top). Darin heißt es: »Libanons totale Auflösung in
fünf Provinzen dient als Präzedenzfall für die ganze arabische Welt,
einschließlich Ägypten, Syrien, Irak und der arabischen Halbinsel, und
wirkt sich bereits entsprechend aus. Die spätere Auflösung von Syrien
und Irak in ethnisch oder religiös einheitliche Gebiete wie im Libanon
ist auf längere Sicht das vorrangige Ziel an der östlichen Front, während
die Auflösung der militärischen Macht dieser Staaten das vorrangige
kurzfristige Ziel darstellt. Syrien wird wie der heutige Libanon
entsprechend seiner ethnischen und religiösen Struktur in verschiedene
Staaten zerfallen; damit entsteht dort an der Küste ein
schiitisch-alevitischer Staat, ein sunnitischer Staat im Gebiet von
Aleppo, ein seinem nördlichen Nachbarn gegenüber feindlich
eingestellter weiterer sunnitischer Staat in Damaskus. Ferner sind die
Drusen zu beachten, die vielleicht sogar in unserem Golan und sicher im
Hauran und im nördlichen Jordanien einen Staat errichten werden. Dieser
Zustand wird langfristig die Garantie für Frieden und Sicherheit in der
Region sein, und dieses Ziel ist bereits in unserer Reichweite.«
Doch im Irak zeichnet sich ein Scheitern dieser Politik der
Balkanisierung bereits ab. Während offiziell die irakischen Verhältnisse
immer wieder in die demagogische Schiiten-Sunniten-Kurden-Schablone
gepreßt werden, vollzieht sich in Wirklichkeit im Irak eine
Polarisierung aufgrund der bestialischen Besatzungsrealität. Die Pole
sind Widerstand und Kollaboration mit allen möglichen Zwischenformen,
Verbindungslinien verlaufen quer zu religiösen und ethnischen
Gegebenheiten. Der tief verwurzelte irakisch-panarabische Patriotismus
hat im Kampf gegen die Besatzung einen aktuellen, konkreten
antiimperialistischen Ausdruck erhalten.
Wem nützt die Politik des Terrors?
Die imperialistische Einmischung im Libanon und in Syrien trat in
ihre akute Phase, als am 14. Februar der ehemalige libanesische
Premierminister Rafik Hariri durch einen terroristischen Anschlag auf
seine Fahrzeugkolonne ermordet wurde. Washington machte unverzüglich
Damaskus für die Tat verantwortlich. Die sogleich auf breiter Front
einsetzende Medienkampagne ignorierte ein früheres sehr ähnliches
Ereignis, das geeignet ist, den Verdacht nicht auf Syrien, sondern auf
die politischen Profiteure des Mordes an Hariri zu lenken: die USA und
Israel.
Es lohnt sich daran zu erinnern: Am 5. April 1986 um 1.39 Uhr
explodierten in der vorwiegend von farbigen US-Soldaten besuchten
Westberliner Diskothek »La Belle« eineinhalb Kilogramm
Plastiksprengstoff. Eine junge Türkin und zwei GIs wurden von der Bombe
zerrissen, rund zweihundert Gäste zum Teil lebensgefährlich verletzt.
Für den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan,
stand sofort fest, daß der libysche Staatspräsident Muammar Al
Ghaddafi hinter dem Anschlag steckte. Als Beweis galt ein angeblich vom
US-Geheimdienst NSA abgefangener Funkspruch des Libyschen Volksbüros
(Botschaft) in der DDR-Hauptstadt mit dem Wortlaut: »Um 1.30 Uhr heute
früh hat die Durchführung einer Aktion mit Erfolg stattgefunden, ohne
eine Spur zu hinterlassen.«
Ein abfangbarer Funkspruch dieser Art, hätten ihn die Libyer denn
wirklich in die Welt gesetzt, wäre einem öffentlichen
Bekennerschreiben gleichgekommen. In der Nacht vom 15. April 1986
bombardierte die US-Airforce die Städte Tripolis und Bengasi. Erklärtes
Ziel der Aktion war die Beseitigung des libyschen Revolutionsführers
Ghaddafi. Die Bomber zerstörten seinen Wohnsitz und zivile Ziele. Mehr
als dreißig Menschen starben, darunter zahlreiche Kinder. Obwohl Reagan
im März völkerrechtswidrig zwei Schiffe der Libyer versenken ließ,
bot Ghaddafi angesichts der kriegslüsternen US-Armada in den libyschen
Hoheitsgewässern klugerweise keinen Anlaß, der einen Angriff auf
Libyen gerechtfertigt hätte. Dann explodierte die La-Belle-Bombe. Einen
Tag zuvor waren »zwei Großraumsanitätsflugzeuge der US-Streitkräfte
auf dem Flughafen Tempelhof gelandet und in einem abgelegenen Bereich
des Flughafengeländes bereitgestellt worden. Und nachdem die
Sprengladung hochgegangen war, fluchte einem Abhörprotokoll des
DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zufolge der damalige Berliner
Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus in sein Autotelefon: ›Da haben
die Amis uns aber ein dickes Ei ins Nest gelegt!‹« (Peter Murakami in
jW, 29.8.1998)
Tendenziöse Ermittlungen
Nach der unter Eid in dem Lockerbie-Prozeß gemachten Aussage des
ehemaligen Obersten im israelischen Geheimdienst, Victor Ostrovsky,
hatten Mossad-Kommandogruppen einen Sender in Tripolis installiert, der
dann die falschen Signale über den »Erfolg« der Berliner Bombe in den
Äther schickte. Die abgefangenen Funksprüche waren vom Mossad erfunden
worden, sagte er. In einer Sendung des ZDF, die am 25. August 1998
ausgestrahlt wurde, wurde berichtet, daß verschiedene führende Verdächtige
im Fall des Berliner Bombenanschlags von westlichen Geheimdiensten vor
Verfolgung geschützt worden waren. Darunter war eine Gruppe von
Terroristen unter Leitung von »Mahmoud« Abu Jaber, einem Mann, der »an
der Vorbereitung des La-Belle-Anschlags besonders beteiligt war«. Die
Gruppe lebte in Ostberlin und traf sich fast täglich mit den
offiziellen Verdächtigen, die die Angeklagten im Gerichtsverfahren
waren. Nach Erkenntnissen der russischen und ostdeutschen Geheimdienste
arbeitete diese Gruppe für westliche Nachrichtendienste. Die
ZDF-Journalisten fanden auch heraus, daß der Hauptverdächtige in dem
Berliner Diskoanschlag von 1986 – der im Juni 2004 von einem deutschen
Gericht für schuldig befunden wurde – von den US-amerikanischen und
deutschen Behörden zum Sündenbock gemacht wurde.
Damit nicht genug der Parallelität der Fälle: Der in Berlin für
die La-Belle-Ermittlungen verantwortliche Staatsanwalt war niemand
anders als der nämliche Detlev Mehlis, der als Leiter der
UN-Untersuchungskommission nun den Hariri-Mord aufklären soll. Dazu
meint der Londoner Politikwissenschaftler Nafeez Mosaddeq Ahmed: »Als
Berliner Staatsanwalt vertuschte Mehlis versehentlich, aber konsequent
das dubiose Interesse der US-amerikanischen, israelischen und deutschen
Geheimdienste an dem Terroranschlag von 1986, konstruierte aktiv gegen
Verdächtige einen selektiven, politisch motivierten Sachverhalt ohne
objektives materielles Beweismaterial, wobei er eine Gruppe von Verdächtigen
mit dokumentierten Verbindungen zu westlichen Geheimdiensten ignorierte
und schützte.« So besteht denn der wesentliche Beitrag der deutschen
Außenpolitik zur aggressiven imperialistischen Einmischung in Libanon
und Syrien in der Abordnung eines Staatsanwalts, der, wie Nafeez
Mosaddeq Ahmed betont, seit 1981 an Ermittlungen bei Verbrechen
beteiligt ist, bei denen die Schuld Ländern wie Palästina, Libyen,
Iran und Syrien zugeschoben wurde, die Israel feindlich gegenüberstehen.
Frankreichs Präsident Jacques Chirac hat sich nicht einfach dem
US-amerikanischen Vorgehen angeschlossen, sondern hat aktiv versucht,
den US-Präsidenten davon zu überzeugen, Frankreich in der Levante, dem
früheren Einflußgebiet des französischen Kolonialismus, freie Hand zu
lassen. Der Text, der am 2. September 2004 vom UN-Sicherheitsrat
beschlossenen Resolution, die zum Abzug aller fremden, d. h. der
syrischen Truppen aus dem Libanon aufforderte, wurde von einem Berater
des Elysee zusammen mit US-Außenministerin Condoleezza Rice entworfen;
weder UN-Generalsekretär Kofi Annan noch das französische Außenministerium
sollen von dem Projekt informiert gewesen sein. Die Ereignisse seither
deuten darauf hin, daß Jacques Chirac, George W. Bush und Ariel Scharon
sich auf eine Verteilung der Rollen bei dem Komplott verständigt haben,
Präsident Baschar Al Assad zu stürzen und die Baath-Partei in Syrien
zu zerschlagen. Das Imperium verlangt von Syrien vor seiner totalen
Kapitulation zunächst, daß es bei der Unterdrückung des irakischen
Widerstands mithilft, die Solidarität mit den Organisationen des palästinensischen
Widerstands und der libanesischen Hisbollah beendet und seine
Beziehungen zu Teheran abbricht.
Baschar Al Assad gestärkt
»Das syrische Volk«, so die Einschätzung der Syrischen
Kommunistischen Partei, »kann all diesen Verschwörungen und Pressionen
standhalten und sich ihnen widersetzen, wenn es sich auf die Einheit
aller nationalen Kräfte stützt. So müssen der Arbeiterklasse mehr
Freiheiten eingeräumt, ihre Bedürfnisse erfüllt, ihre
Lebensbedingungen verbessert und ihre Würde und Leistungsfähigkeit
geschützt werden.« Vieles spricht dafür, daß der syrische Präsident
Baschar Al Assad durchaus keinen Anlaß hat, der westlichen Aufforderung
zum politischen Selbstmord nachzukommen. Vielmehr bietet sich ihm nach
Meinung von Patrick Seale durch den internationalen Druck paradoxerweise
»die einzigartige Chance, seine Autorität gegenüber rivalisierenden
Machtzentren durchzusetzen und als der wirkliche Herrscher von Syrien in
Erscheinung zu treten«. Dabei geht Seale, ein altgedienter
Mittelost-Berichterstatter und Assad-Biograph, allerdings von der
offiziellen Hypothese aus, Syrien müsse »anerkennen, daß Fehler
gemacht worden sind und eine Säuberung der Geheimdienste von den
hochrangigen Funktionären durchführen, die in dem (Mehlis-) Bericht
genannt werden«.
Doch was bisher an Beschuldigungen gegen hochgestellte syrische Persönlichkeiten
bekannt geworden ist, bewegt sich auf dem qualitativen Niveau des
Berliner La-Belle-Verfahrens mit demselben Hauptdarsteller. »Zentraler
Zeuge in Mehlis-Report ist verurteilter Betrüger«, titelte Der Spiegel
vom 22. Oktober. Dieser Zuhir Mohamed Said Saddik sei »unter anderem
wegen Veruntreuung von Geldern und Betrugs verurteilt worden«. »Saddik
habe nachweisbar gelogen, heißt es in UN-Kreisen.« Wieder einmal hat
der informierte Zeitgenosse angesichts eines abscheulichen
terroristischen Verbrechens die Wahl zwischen mehreren Verschwörungstheorien.
Daß syrische und libanesische Geheimdienstkreise, so die offiziöse
Verschwörungstheorie, involviert sind, kann natürlich nicht
ausgeschlossen werden. Plausibler erscheint jedoch die Theorie, daß der
Hariri-Mord Teil eines komplizierten Komplotts ist, durch das die USA
die Kontrolle im Libanon und in Syrien zu übernehmen hoffen. Dafür könnten
auch einige materielle Umstände der Durchführung der Tat sprechen, die
viele noch unbeantwortete Fragen aufwerfen: Konnte der Riesenkrater an
der Attentatsstelle von der offiziell mit einer Tonne angegebenen Menge
TNT aufgerissen werden? Wie ist zu erklären, daß eine Limousine zwar
beschädigt, aber unbewegt am Rande des Kraters stehen geblieben ist, wo
sie doch hätte weggeschleudert werden müssen, wenn der Explosivstoff
ebenerdig gegen den Konvoi von Hariri eingesetzt worden wäre? Wäre es
nicht möglich, daß eine Art Bunker-Buster-Bombe aus der Luft
eingesetzt wurde, die erst im Erdreich explodierte und die im Boden
verlegten Leitungen nach oben schleuderte? Ist nicht Scheich Yassir in
seinem Rollstuhl punktgenau aus der Luft mit einer Rakete ermordet
worden? Wer sonst in der Region außer Israel verfügt über solche Präzisionswaffen
und praktiziert die Politik der »gezielten Tötungen«?
Die syrische Öffentlichkeit erwartet, daß Assad Stärke zeigt, um
das Land gegen feindliche Einmischung von außen zu schützen. Um den
Gefahren zu begegnen, müssen aber, wie die Syrische Kommunistische
Partei fordert, »größere Anstrengungen darauf gerichtet sein, den
Lebensstandard der Massen zu verbessern, den Preisanstieg aufzuhalten,
die Gehälter und Löhne den Preisen entsprechend zu erhöhen und die Löhne
ständig an das Preisniveau anzugleichen«. Eckstein der nationalen
Standhaftigkeit ist nach Auffassung der syrischen Kommunisten der öffentliche
Sektor, der Schwerpunkt der syrischen Wirtschaft, der geschützt und von
allen Schwierigkeiten und Hindernissen befreit werden müsse.
Als bestes Mittel gegen die Korruption fordert die SKP den Kampf
gegen die Hauptursache, »die in der Plünderung durch eine zudringliche
bürgerliche Bürokratie besteht, was erforderlich macht, dem Volk mehr
demokratische Freiheiten zu geben, um die Plünderer zu bestrafen«. Wie
die SKP so sind auch die anderen Kräfte der sogenannten »patriotischen
Opposition« bereit, Präsident Al Assad gegen westlichen Druck zu
unterstützen, wenn er die Korruption bekämpft, die Sicherheitsdienste
unter Kontrolle bringt und die bürgerlichen Freiheiten erweitert, wie
beispielsweise durch das geplante neue Parteiengesetz und die Entlassung
politischer Gefangener. »Der bei weitem wichtigste Faktor zu Assads
Gunsten«, so wiederum Patrick Seale, »ist die Unterstützung, die er
seitens der Kommandeure von Syriens Panzer- und motorisierten Divisionen
und von den Elitetruppen der Republikanischen Garde genießt.«
Eine neue Front
Syrien ist eine weitere Front des krisengeschüttelten
Weltimperialismus. Doch das »kreative Chaos« im »Größeren Mittleren
Osten« könnte zu anderen Resultaten führen, als sich die
neokonservativen und zionistischen Zauberlehrlinge vorstellen. Im Irak
haben sie sich bereits verkalkuliert. »Die Standhaftigkeit Kubas,
Venezuelas, Nordkoreas, Belarus’, Syriens und aller Kräfte der
Freiheit und Demokratie in der Welt trägt entscheidend dazu bei, das
Vertrauen der Völker der Welt zu stärken und ihren Kampf gegen die
US-amerikanische Vorherrschaft zu intensivieren«, stellen die syrischen
Kommunisten fest. Es scheint, daß sich gegenwärtig im Zeitalter des
Monopolkapitalismus ein gesellschaftlicher Prozeß auf der gesamten Erde
wiederholt, wie ihn Karl Marx in seiner Schrift über die »Klassenkämpfe
in Frankreich 1848 bis 1850« dargestellt hat (MEW 7, 11): »Nicht in
seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften«, erläuterte
Marx, »brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern
umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen, mächtigen
Konterrevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung
erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei
heranreifte.«