Demokratisierung kann scheitern
Es bestehe die Gefahr, dass sich die Lage in dem Land in den kommenden Monaten
noch weiter verschlechtere, heißt es nach Angaben von US-Regierungsbeamten in
dem vertraulichen CIA-Bericht. Sollte nicht bald ein Wendepunkt erreicht werden,
könnten die USA daran scheitern, im Irak eine Demokratie aufzubauen. Die
US-Regierung weigerte sich, auch nur die Existenz des Papiers zu bestätigen.
Regierungsrat ist ungeeignet
Der von den USA eingesetzte Regierungsrat sei ungeeignet, da er auf nur wenig öffentliche
Unterstützung zählen könne, heißt es in dem CIA-Bericht weiter. Die
Mitglieder seien nicht nur inkompetent, sondern auch untätig und korrupt.
Unterstützung durch El Kaida
Ein wachsendes Problem sei auch die immer stärkere Oräsenz von Terroristen der
El Kaida im Irak. Vermutlich werde es den US-Streitkräften auch nie gelingen,
die Grenzen so zu überwachen, dass die Einreise ausländischer Kämpfer
verhindert werden kann.
Bericht widerspricht offiziellen Umfragen
Der Bericht wurde in Washington ausgegeben, während US-Zivilverwalter Paul
Bremer mit Präsident George W. Bush, Außenminister Colin Powell,
Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice
über die fortdauernden Angriffe auf die Besatzungstruppen in Irak beriet. Er
widerspricht den Meinungsumfragen, die zuletzt von der US-Zivilverwaltung in
Irak veröffentlicht wurden: Angeblich wollen 72 Prozent der Iraker, dass die
US-Truppen länger als nur ein paar Monate im Land bleiben.
Von Marc Pitzke, New York
Selbst die schießfreudigen US-Medien werden immer kriegskritischer. Tote
Soldaten beherrschen die Schlagzeilen, Exposés enthüllen Versäumnisse der
Regierung, der Milliardär George Soros finanziert gar eine
Anti-Kriegs-Kampagne. Ein Menetekel für Präsident Bush: So begann auch das
Ende des Vietnamkriegs.
"Das Ding war riesig"
Die erste Nacht in Bagdad verbrachte Robert Frantz in einem alten Palast Saddam
Husseins. "Das Ding war riesig", schrieb der 19-jährige US-Soldat
begeistert in einem Frontbrief an seine Mutter. "Ich habe ein paar Bilder
gemacht, ich hoffe, die werden was." Dann schloss er mit den Worten:
"Sag' allen, dass ich sie gern habe und sie sehr vermisse. Ich liebe dich,
auf immer und ewig. Robby." Es waren seine letzten Worte nach Hause. Zwei
Tage, nachdem er den Brief abschickte, wurde Robby Frantz von einer Granate
zerrissen.
470 Soldaten gefallen
Der Rekrut - der in seinem Heimatstaat Texas nicht mal alt genug war, um Alkohol
trinken zu dürfen - ist einer von bisher 470 gefallenen Soldaten im Irak, 396
von ihnen waren Amerikaner. Im Propagandakrieg an der US-Heimatfront hat Frantz
jetzt eine neue Rolle gefunden: Die "New York Times" räumte diese
Woche fast ihre gesamte Kommentarseite frei, um seinen letzten Brief
abzudrucken, zusammen mit den Briefen und E-Mails anderer inzwischen toter
Kameraden.
Tägliche Totenzählung
Newsweek treibt Cheney durchs Dorf
Trauernde GI-Familien
Menetekel Vietnam
Drehbuch für die Medien
Selbst Konservative wurden pazifistisch
Enorm viele Nachkriegsopfer
Diesmal begann die mediale Fahnenflucht am 25. August. Denn das war der Tag, an dem die Zahl der getöteten US-Soldaten seit dem Fall von Bagdad mit der Gefallenenzahl während des eigentlichen Feldzugs zuvor gleichzog. Vorher hatten die TV-Networks ausschließlich Tote durch "Feindfeuer" gezählt, was die Zahl der Opfer um rund die Hälfte untertrieb. Am 25. August jedoch eröffnete CBS-Anchor John Roberts die Nachrichten mit der revidierten Statistik: "Seit Präsident Bush das Ende der Kampfhandlungen erklärte, sind jetzt genau so viele US-Soldaten gestorben wie während der Kämpfe. Diese Zahl ist übrigens 138." Tags darauf schlossen sich alle Sender dieser Lesart an, der Ton unterschwelliger Kritik war gesetzt.
Fragen werden immer frecher
Selbst wenn es nun einmal etwas Gutes zu berichten gibt, erstickt das schnell wieder im Grauen. "Es ist hart, an einer Feature-Story darüber zu arbeiten, wie sich das Leben in Bagdad langsam normalisiert", sagt ABC-Korrespondent Neal
Karlinsky, "wenn plötzlich nebenan eine Autobombe hochgeht und ein halbes Dutzend Leute umbringt." Auch der Ton auf Bushs Pressekonferenzen hat sich geändert. Die Fragen seines sonst so handzahmen Pressekorps werden immer frecher. Vor zwei Wochen, im Rose Garden des Weißen Hauses, hörte sich das etwa so an:
Norah O'Donnell, "NBC News": "Sie haben erklärt, dass die Kampfhandlungen vorbei seien. Räumen Sie jetzt ein, dass sie voreilig waren, als sie diese Äußerung machten?
Bill Plane, "CBS News": "Es gibt Leute da draußen, die glauben nicht, dass die Regierung mit ihnen ehrlich ist, was die Schwierigkeit und das Ausmaß des Problems im Irak angeht."
Elisabeth Bumiller, "New York Times": "Können Sie versprechen, dass Sie die Zahl der Truppen im Irak in einem Jahr reduziert haben?"
George W. Bush: "Das ist eine Trick-Frage. Deshalb beantworte ich sie nicht."
Bush beklagt sich
Er werde unfair behandelt, klagt Bush: Natürlich sei es schwer, den "guten Fortschritt" im Irak zu erkennen, "wenn man auf den Filter hört". Der (demokratische!) Kongressabgeordnete Jim Marshall geht sogar noch weiter: "Das fälschlich trübe Bild schwächt unsere nationale Entschlusskraft und stärkt unseren Feind." Und: "Ich fürchte, das killt unsere Truppen." Wehr- und Staatszersetzung auf "ABC World News Tonight"?
Konservative ahnen Verschwörung
Der konservative Kommentator Joe Scarborough wittert eine Verschwörung: "Einige der mächtigsten Medienmacher wollen nicht, dass Amerika im Irak siegt", glaubt er. "Amerikas Soldaten müssen wissen, dass ihre größte moralische Herausforderung nicht die Mörderbanden von Saddam und Osama sind, sondern die einseitigen, tendenziösen Berichte der Nachrichtenorganisationen." (Eine vielleicht ausgenommen: Fox News, der Bush-nahe Kabelsender Rupert Murdochs, auf dem Scarborough seine eigene Talkshow hat.)
Liberale Message für die Talkshows
In einem hat er Recht: Die Opposition versucht, von der Kriegskritik zu profitieren und sie mit Argumenten zu füttern. John
Podesta, vormals Bill Clintons Stabschef, hat jetzt den ersten, offen liberalen Think-Tank Washingtons gegründet, das Center for American Progress
(CFAP). Ziel: "eine neue Generation liberaler Sprecher zu entdecken, zu trainieren und nach oben zu befördern".
Soros sammelt Argumente
Mitfinanziert vom Milliardär George
Soros, versorgt das CFAP die Hauptstadt-Redaktionen mit frühmorgendlichen E-Mails, die die Argumente des Tages gegen den Krieg und Bush hilfreich zusammenfassen. CNN-Producerin Debbie Berger kümmert sich um telegene "Experten", die diese "message" dann in die politischen Talkshows tragen sollen.
Särge verboten
Vergeblich bemüht sich Bush, die nationale Nachrichtenlage zu steuern - durch Zensur und Ignoranz. Fernsehbilder von Soldatensärgen sind verboten; auch hat sich Bush bisher noch auf keiner Beerdigung eines Gefallenen zeigen lassen. Aus reiner Fairness, behauptet sein Kommunikationsdirektor Dan Bartlett: "Er will nie ein Opfer über ein anderes erheben."
Strengere Kontrolle der Medien
Auch in Bagdad klagen die US-Reporter über Arbeitseinschränkungen. "Offizielle Kontrolle über die Nachrichten wird strenger", kritisiert "Newsweek". Krankenhäuser seien für die Journalisten inzwischen "off-limits", und auch die Leichenhäuser dürfe man nur noch in Begleitung eines Koalitionsvertreters betreten.
Zustimmung bei 50 Prozent
Noch hält sich das Volk ruhig. Bushs Popularität dümpelt um die 50 Prozent - tief wie selten, aber nicht tief genug, um im Weißen Haus die Alarmglocken schrillen zu lassen. Zu sehr sind die Wähler noch an anderen Sorgen interessiert: Arbeitslosigkeit, die Folgen der Rezession, die Football-Saison.
Irak gefährdet die Wiederwahl
Doch das könnte sich bald ändern. Die brummende US-Konjunktur zieht langsam auch den Arbeitsmarkt mit. Damit entfällt die Wirtschaft als Wahlkampfthema. "Irak", ahnt "Newsweek", "könnte das zentrale Thema der Wiederwahl Bushs werden." Selbst das Hausblatt der Konservativen, das "Wall Street Journal", erkennt jetzt: "Lyndon Johnsons Schatten hängt über dem Wahlkampf 2004."
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