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Frankfurter Rundschau - 08.07.2008
"Die ersten Israelis"
So werden Staaten gemacht
VON ARNO WIDMANN
Als am 14. Mai der 60.
Jahrestag der Gründung des Staates Israel gefeiert wurde, da war viel von Erfolg
die Rede. Das versteht sich fast von selbst. Geburtstagsfeiern sind schließlich
nicht dazu da, dem Geburtstagskind kritische Fragen, geschweige denn es selbst
in Frage zu stellen. Das sagt aber nichts über die Dringlichkeit dieser Fragen
aus. Wer weniger am Feiern als vielmehr an Klarheit interessiert ist, der wird
aufgeregt und aufgewühlt Tom Segevs 1986 erschienenen, aber jetzt erst ins
Deutsche übersetzten Klassiker "Die ersten Israelis - Die Anfänge des jüdischen
Staates" lesen. Dem israelischen Journalisten und Historiker gelingt es,
Detailfreude mit klarem Überblick zusammenzubringen. Das ermöglicht 370
spannende Seiten.
Da ist zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen Menachem Begin und David Ben
Gurion im Jahre 1949. Begin warf Ben Gurion nach dem Waffenstillstandsabkommen
mit Ägypten und Syrien vor: "Sie haben nicht das Land geteilt, sondern unsere
Seele!" Ben Gurion erwiderte, es sei besser, einen jüdischen Staat ohne das
gesamte Land Israel zu haben, als das gesamte Land ohne jüdischen Staat. Ein
demokratisches Erez Israel sei unmöglich, denn die Mehrheit seiner Bewohner
wären Araber. Also habe ein jüdischer Staat nur dann eine Chance, wenn er auf
einen Teil von Erez Israel verzichte.
Man liest diese Auseinandersetzung heute nicht ohne den
Gedanken, dass sich im Wesentlichen in diesen sechzig Jahren nichts geändert
hat. Die Lage hat sich allenfalls verschärft. Inzwischen ist absehbar, wann auch
der jüdische Staat eine arabische - wir sagen heute palästinensische -
Bevölkerungsmehrheit hat. Man darf Ben Gurions Äußerung allerdings nicht
prinzipiell nehmen. Sie war pragmatisch gedacht. Ben Gurion sah in der
militärischen Überlegenheit des entstehenden Israel durchaus auch eine Chance,
die Bevölkerungsverteilung zu ändern. Er schlug vor, so berichtet Segev, das
Westjordanland zu erobern, weil er glaubte, davon ausgehen zu können, dass die
arabische Bevölkerung fliehen oder erfolgreich vertrieben werden würde, und dann
Juden sich in den verlassenen Dörfern niederlassen könnten, wodurch auch im
Westjordanland eine jüdische Mehrheit garantiert werden könnte. Segev zitiert
auch eine Äußerung Ben Gurions aus einer Besprechung: "Jetzt geht es um
Eroberung, nicht mehr um Selbstverteidigung." Es gab Überlegungen, die Araber,
die nicht in die Flucht geschlagen werden konnten, "in einem Ghetto zu
konzentrieren". Keine Staatsgründung ohne Flucht und Vertreibung.
Das dritte Kapitel trägt die Überschrift "Die Verteilung der Beute". Es
beschreibt mit vielen Details, wer von den Enteignungen, von der Landnahme
profitierte und wie die verschiedenen Gruppen der jungen israelischen
Gesellschaft sich um die zurückgelassenen arabischen Besitztümer stritten. "Über
50 000 arabische Häuser waren verlassen worden, aber nur 509 Teppiche wurden in
die Lagerhäuser der Treuhänder gebracht." Dank solcher Sätze beginnt der Leser
sich eine Vorstellung von der Anarchie der Cliquenkämpfe zu machen. Der
israelische Staat - seine Machtorgane - konstituierte sich wesentlich auch in
dieser Auseinandersetzung. Der Nahe Osten glich sehr dem Wilden Westen. 140 000
bis 150 000 Einwanderer wurden damals in verlassenen - das ist ein Euphemismus -
arabischen Haushalten angesiedelt. Das ungeschriebene Gesetz lautete: Wer ein
Bett in ein Zimmer schaffte und darin eine Nacht schlief, dem gehörte das
Zimmer. "Und so rissen sich Zehntausende von Israelis - Soldaten wie Zivilisten
- Kriegsbeute unter den Nagel. Der eine nahm sich einen Lehnstuhl, der andere
einen Teppich, der dritte eine Nähmaschine und der vierte einen ganzen Konzern.
Einer nahm sich eine Wohnung und ein anderer einen Weinberg. Ganz schnell und
leicht bildete sich eine ganze, wenn auch kleine Klasse von Neureichen:
Kaufleute, Spekulanten, Lieferanten, Beauftragte aller Sorten, Industrielle und
Bauern. Einige stahlen, was sie konnten, andere bekamen die Kriegsbeute legal
zugeteilt. Ein Gutteil der Transaktionen fiel in den Graubereich zwischen legal
und illegal, zwischen eindeutigem Raum und offizieller Enteignung." Das ist der
Gründungsakt einer loyalen Staatsbevölkerung, die - auch davon handelt Segev -
ihre Errungenschaften, ihre Rechte, ihre Beute natürlich auch gegen die neuen
jüdischen Einwanderer zu verteidigen sucht. Da spielte auch eine gehörige
Portion Rassismus eine Rolle. Die Kinder jemenitischer Juden wurden zum Beispiel
zu Hunderten ihren Eltern weggenommen, um sie zu richtigen Israelis machen zu
können. Man hat die Entstehung des Staates Israel gerade am vergangenen 60.
Jahrestag seiner Gründung gerne ein Epos genannt. Tom Segevs "Die ersten
Israelis" erinnert an Mord und Totschlag, Wunden und Blut, ohne die kein Staat
und ohne die kein Epos zu haben ist.
Tom Segev: Die ersten Israelis - Die Anfänge des jüdischen Staates. A. d.
Engl. von H. Dierlamm u. H. Freundl, Siedler, 414 S., 24,95 Euro.
