Ohne Vorwarnung sei auf sie geschossen worden, berichtete ein
schwedischer Parlamentsabgeordneter, der in der Nähe von Ramallah an
einer Demonstration gegen den Mauerbau beteiligt war und von der
israelischen Polizei verhaftet wurde. Es waren ungefähr hundert
unbewaffnete Zivilisten, die demonstrierten. Die Besatzertruppen gingen
mit Gummigeschossen gegen sie vor. Elf Menschen wurden verletzt. So hält
es die »einzige Demokratie in der Region« mit elementaren demokratischen
Rechten.
Die Scharon-Regierung will keine Entspannung in Nahost. Sie eskaliert
die Spannungen auf der ganzen Linie. Die aggressive Besiedlungspolitik in
den besetzten Gebieten hat alle Voraussetzungen für einen friedlichen
Ausgleich zerstört. Das Völkerrecht, das einen Transfer der eigenen Bevölkerung
auf okkupiertes Territorium untersagt, existiert für Israel nicht.
Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan liegt das Tal der Gesetzlosen.
Scharon und die Seinen suchen die für sie günstige politische
Konjunktur zu nutzen und gehen aufs Ganze. Ihre neueste Verschwörung
gegen den Frieden betrifft Syrien. Die Regierung in Jerusalem hat angekündigt,
die Zahl der jüdischen Siedlungen auf den 1967 besetzten und 1981
annektierten Golan-Höhen in den nächsten drei Jahren zu verdoppeln. Der
für den Siedlungsbau zuständige Minister für Landwirtschaft, Jisrael
Katz, stellte klar: »Es ist gut für jeden zu wissen, daß Israel keine
Absicht hat, seinen Zugriff auf den Golan zu lockern, sondern genau das
Gegenteil.« Als hätte irgend jemand das Gegenteil des Gegenteils
erwartet. Es ist dennoch immer wieder frappierend, mit welcher Kaltschnäuzigkeit
israelische Politiker ihre räuberischen Absichten kundtun.
Die Golan-Höhen grenzen an den See Genezareth, das wichtigste
Wasserreservoir Israels. Sich selbst das kostbare Gut zu sichern und es
der durstenden arabischen Bevölkerung vorzuenthalten: Darin liegt ein
wesentliches Element der von Israel betriebenen sozialdarwinistischen
Selektion.
Die internationalen Voraussetzungen für eine solche Politik sind so günstig
wie schon lange nicht mehr. In einer EU-Studie wurde das »Anwachsen des
Antisemitismus in Europa« mit der zunehmenden Kritik an der Politik
Israels in Zusammenhang gebracht. Das aber ist eine »Erkenntnis«, die
die eigene Annahme zur Voraussetzung hat: daß Israel-Kritik und
Antisemitismus identisch seien. Scharon hätte sich keine bessere
Legitimationsideologie für seine Gewaltpolitik ausdenken können. Man könnte
auch sagen: Der europäische Mainstream hat sich Scharons Deutung des
Charakters des Nahost-Konflikts zu eigen gemacht.