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Junge Welt
09.05.2006 / Ansichten / Seite 8
Bushs Ruf zu den WaffenSinneswandelVon Arnold Schölzel
Im zweiten Teil seines Interviews, das Bild am Montag veröffentlichte,
hat US-Präsident George W. Bush präzise den politischen Ertrag des 11.
September 2001 benannt: »Für mich und viele Amerikaner brachte der 11.
September einen Sinneswandel: Das war ein Ruf zu den Waffen! Es war für
Amerika die erste Schlacht im Krieg des 21. Jahrhunderts.« Das deutsche
Massenblatt machte die Aussage über den Beginn eines permanenten
Krieges zur Schlagzeile: »Der 11. September war ein Ruf zu den Waffen«.
Der ereilte die Bundesrepublik schon früher, benannt wird er selten. SPD- und Grünen-Politiker würden merkwürdig schweigsam, konstatierte eine Zeitung vor einigen Wochen, wenn man sie auf die Beteiligung der deutschen Luftwaffe am NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999 anspreche. Deutsche Bomben wurden zwar wieder auf Belgrad geworfen, ihre Legitimation mit Fischers »Auschwitz verhindern« oder Scharpings Phantasien von serbischen KZ und Vernichtungsplänen zog aber nicht. Die Stimmung war so schlecht, daß das Land laut FAZ nur dank Fischer an »bürgerkriegsähnlichen Zuständen« vorbeischrammte. Die Lehre hieß: Es gibt in der deutschen Bevölkerung weit über die Aktivisten der Friedensbewegung hinaus eine pazifistische Grundstimmung. In Bild am Sonntag analysierte der US-Präsident das jetzt mit den Worten: »Ich habe langsam erkannt, daß es in der Natur der deutschen Bevölkerung ist, daß sie Krieg verabscheut. Die Deutschen heute mögen einfach keinen Krieg – egal, wo sie sich auf dem politischen Spektrum befinden.« Unter solchen Voraussetzungen lassen sich deutsche Waffentaten schlecht feiern. Obwohl Gerhard Schröder nach dem 11. September die »uneingeschränkte Solidarität« mit den USA verkündete, blieben Berichte über das, was die deutschen Kolonialtruppen in Afghanistan trieben, zurückhaltend. Das Kommando Spezialkräfte (KSK) wurde am Bundestag vorbei an den Hindukusch geschleust, um dort die Bundesrepublik zu verteidigen. Daß die Elitetruppe von ihren Waffen dort zu dem Zweck Gebrauch machte, für den Waffen vorgesehen sind, kam nur über Umwege und nur in Bröckchen heraus. Noch mehr genierte sich die Bundesregierung beim Ruf zu den Waffen gegen den Irak. Sie hatte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung auf der Straße. 2006 ist die Zeit reif, jenen Sinneswandel in der Bundesrepublik herbeizuführen, den der US-Präsident am 11. September durchmachte, er, der lediglich den Krieg gegen den Irak seit seinem Amtsantritt geplant hatte. Angela Merkel darf ernten, was in 16 Jahren mit Gewöhnung an deutsche Kriegsbeteiligung und deutsche Kriegsführung hierzulande gesät wurde. Im benötigten Sinneswandel der Bundesbürger, im demnächst fälligen deutschen Ruf nach den Waffen erfüllt sich der Sinn des 11. September. |