Zielgruppe Eltern
Wie dem Bundeswehr-Onlineportal "Reader Sicherheitspolitik" zu
entnehmen ist, planen die deutschen Streitkräfte, ihre
Personalwerbung auf die "Zielgruppe Angehörige und Eltern"
auszuweiten. "Gerade Eltern und das familiäre Umfeld" nähmen
"erheblichen Einfluss auf die Berufsentscheidung junger Menschen",
heißt es: "Wenn sie überzeugt sind vom Soldatenberuf, unterstützen
sie ihre Tochter oder ihren Sohn bei der Entscheidung, zur
Bundeswehr zu gehen."[1]
Zielgruppe Freundeskreis
Auch die Bekannten- und Freundeskreise bereits aktiver Soldaten
geraten zunehmend in den Fokus der Rekrutierungsstrategen. Es gehe
darum, dass Bundeswehrangehörige ihr "privates Umfeld quasi in den
Beruf mit einbringen", erklären die Autoren des "Readers
Sicherheitspolitik". Gedacht ist in diesem Zusammenhang nicht nur
daran, in den jeweiligen Freundeskreisen für den Eintritt in die
Streitkräfte zu werben, sondern diese gezielt zu nutzen, um "das
Unternehmensimage des Unternehmens Bundeswehr weiterzutragen".[2]
Armutsfolgen
Hintergrund der verstärkten Rekrutierungsbemühungen ist die von
Seiten des deutschen Militärs als "dramatisch" eingestufte
"Nachwuchslage". So sehen sich die deutschen Streitkräfte laut ihrem
"Reader Sicherheitspolitik" insbesondere im Bereich der
Bundeswehrärzte und beim "fliegenden Personal" mit einem eklatanten
"Fachkräftemangel" konfrontiert. Bei den Crews der Transport- und
Kampfgeschwader etwa herrsche eine personelle "Unterdeckung von 20
bis 30 Prozent", heißt es: "Egal ob Jet-Pilot, Transall-Flieger oder
Angehöriger der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums -
Lücken gibt es in allen Bereichen." Gleichzeitig konstatieren die
Autoren des "Readers Sicherheitspolitik" eine "nachlassende Qualität
des potentiellen Bewerberpools". Zurückgeführt wird diese auf die
zunehmende soziale Verelendung breiter Schichten der deutschen
Bevölkerung ("Kinderarmut", "Hartz IV"), die sich negativ auf
"Lernvermögen" und "Bildungsstand" auswirke.[3]
Werbebotschaften
Um der diagnostizierten Personalknappheit Herr zu werden, empfehlen
die Autoren des "Readers Sicherheitspolitik", auch "ausländische
Fachkräfte" für den Dienst in der deutschen Armee anzuwerben.[4]
Ähnliche Vorschläge hatte in der Vergangenheit das
Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (SoWi) unterbreitet
- seinerzeit wurde angeregt, "junge Deutsche mit
Migrationshintergrund" zu rekrutieren (german-foreign-policy.com
berichtete [5]). Bereits 2008 entwickelte General Wolfgang Born,
heute Leiter der Personal-, Sozial- und Zentralabteilung im
Bundesverteidigungsministerium, nach eigenen Angaben einen
"Vier-Punkte-Plan für Nachwuchs". Dieser sah in einem ersten Schritt
vor, "alle Maßnahmen, Verfahren und Instrumente zu optimieren, die
zur Personalgewinnung angewandt werden", damit "kein Talent (...)
verloren geht". Des Weiteren forderte Born, die Attraktivität des
Militärdienstes insbesondere durch "finanzielle Anreize" zu erhöhen
und gleichzeitig die "Verpflichtungszeiten" für Berufssoldaten zu
verlängern. Mittels zielgruppengerechter "Werbebotschaften" wollte
der General außerdem das Potenzial der Schulabgänger "besser
ausschöpfen".[6]
Personalkreisläufe
Bereits seit etlichen Jahren unterhält die Bundeswehr gemeinsam mit
den Organisationen der gewerblichen Wirtschaft in mehreren
"Wehrkreisen" sogenannte Beratungszentren. Aufgabe der
"zivil-militärischen Kooperationsprojekte" ist es nach eigenen
Angaben, einen möglichst reibungslosen "Personalkreislauf" zwischen
den deutschen Streitkräften auf der einen sowie Industrie und
Handwerk auf der anderen Seite zu gewährleisten (german-foreign-policy.com
berichtete [7]). Schon 1997 wurde zudem das "Schaumburger Modell"
implementiert. Dieses sieht vor, Jugendliche vor ihrer Übernahme
durch die Armee von Privatunternehmen in militärisch relevanten
technischen Berufen ausbilden zu lassen. Jährlich werden auf diese
Weise bis zu 200 junge Menschen geschult. Anfang 2010 schlossen dann
Bundeswehr und Arbeitsagentur ein förmliches Kooperationsabkommen
mit dem erklärten Ziel, den Personalbedarf der deutschen
Streitkräfte zu decken. Die Armee sei auf "leistungsbereite Frauen
und Männer angewiesen, die bereit sind, sich (...) den fachlichen
wie persönlichen Anforderungen eines Einsatzes (...) zu stellen",
hieß es zur Begründung.[8]
Personalwirtschaft
Parallel zu den genannten Maßnahmen versichert sich die Bundeswehr
jetzt auch der Expertise und Unterstützung professioneller
Personalmanager. So wird der im Verteidigungsministerium für die
Anwerbung von Rekruten zuständige General Wolfgang Born Ende dieses
Monats an einer "Personalkonferenz" des Lehrstuhls für Allgemeine
Betriebswirtschaftslehre, Organisation und Personalwirtschaft der
Universität Halle-Wittenberg teilnehmen. Unter dem Motto "Armut an
Nachwuchs - Reichtum an Ideen" soll Born über die Transformation der
deutschen Streitkräfte zur jederzeit weltweit einsatzfähigen
Interventions- und Besatzungsarmee referieren - und über die hierfür
notwendige Gewinnung von "Kompetenzen und Talente(n)".[9]