Vor Beginn der Gaza-Invasion hatte der israelische Ministerpräsident
Ehud Olmert »extreme Aktionen« angekündigt. Am Donnerstag demonstrierte
seine Armee, was mit der Drohung unter anderem gemeint war. In einem
beispiellosen Akt politischen Kidnappings verschleppten israelische Soldaten
im Westjordanland ein Drittel aller Minister der palästinensischen
Hamas-Regierung, zahlreiche Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister. Die
insgesamt 64 bisher festgenommenen Politiker würden verhört und
gegebenenfalls angeklagt, erklärte der israelische Regierungssprecher Mark
Regev. Der israelische Militärrundfunk meldete dagegen, die Verhafteten könnten
möglicherweise gegen den am vergangenen Sonntag von palästinensischen Kämpfern
entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit ausgetauscht werden. Zuletzt
hatten serbische Truppen 1995 während des Bürgerkrieges in
Bosnien-Herzegowina UN-Soldaten als Geiseln genommen und an Brücken gekettet,
um damit – vergeblich – ein Ende der NATO-Bombardements zu erreichen.
International war das Kidnapping damals scharf verurteilt worden – im
Gegensatz zu dem der palästinensischer Politiker am Donnerstag.
Der Vizepräsident des palästinensischen Parlaments, Ahmed Bahar, nannte die
Verhaftungen palästinensischer Spitzenpolitiker »einen offenen Krieg gegen
die Regierung und das Volk, der auf die Zerstörung der Regierung zielt«. Er
forderte die internationale Gemeinschaft zum Einschreiten auf. Israels Führung
verteidigte das Vorgehen. Es gebe aus israelischer Sicht keine Trennung
zwischen politischer und militärischer Führung der Hamas. Auch die Minister
seien an einer Finanzierung von Terroranschlägen beteiligt und über jede Tat
informiert. »Ein Terrorist ist ein Terrorist, da interessieren politische
Titel nicht«, sagte eine Sprecherin. Die israelische Armee intensivierte
derweil ihre Angriffe im Gazastreifen. Kampfjets flogen mehrere Luftangriffe
auf die Stadt Chan Junis. Auf die Universität von Gaza wurden Raketen
gefeuert.
Zu Kriegsbeginn am Mittwoch waren wichtige Brücken und Straßen bombardiert
und das einzige Kraftwerk im Gazastreifen zerstört worden. Die Strom- und
Wasserversorgung ist seitdem weitgehend zusammengebrochen. Zudem drangen
Kampfflugzeuge am Mittwoch in syrischen Luftraum ein und überflogen die
Sommerresidenz von Präsident Baschar Assad. Israels Justizminister Haim Ramon
erklärte, der im syrischen Exil lebende Hamas-Führer Chalid Maschaal sei ein
Ziel für eine Tötungsaktion.
Die militanten »Komitees für den Volkswiderstand« bekannten sich
unterdessen zu der Ermordung eines von ihr am Wochenende entführten 18jährigen
israelischen Siedlers. Eliahu Ascheri sei getötet worden, weil Israel »seine
Aggression im Gazastreifen« fortsetze, sagte ein Sprecher der Gruppe am
Donnerstag gegenüber AFP. Die »Volkswiderstandskomitees« drohten mit der Tötung
des ebenfalls entführten Soldaten, sollte Israel seine Offensive fortsetzen.
Das Leben Gilad Schalits liege in der Hand der israelischen Regierung.
Im Bundestag verurteilte einzig die Linkspartei.PDS das israelische Vorgehen.
Wolfgang Gehrcke, außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion, erklärte,
es sei »ein beispielloser Akt von politischem Terrorismus und Abenteurertum,
acht Minister und 20 Abgeordnete einer frei gewählten Regierung durch Militär
verschleppen zu lassen«. Die Bundesregierung müsse »aus dem Niemandsland
der Sprachlosigkeit auftauchen« und die israelische Regierung an ihre
Verantwortung erinnern.