Freitag, 5. Dezember 2003
Kommentar
Pragmatisch oder prinzipienlos?
Von Volker Jacobs
Die Nachrichten von der China-Reise des Bundeskanzlers geben Anlass, über
die Grenzen zwischen Pragmatismus und Prinzipienlosigkeit nachzudenken.
Auch darüber könnte debattiert werden, wenn in der kommenden Woche die
Gremien von SPD und Grünen wieder zusammentreten. Der Unmut ist
jedenfalls gewaltig.
Es ist ja auch erklärungsbedürftig, dass eine Regierung den Export der
Hanauer Atomfabrik gutheisst, welche den Ausstieg aus der Atomtechnik
ihrer grenzenlosen Gefährlichkeit wegen auf ihre Fahnen geschrieben
hat. Aber offenbar hat die Regierung nicht nur keinen Willen, sondern
aus ihrer Sicht vor allem auch keine rechtliche Möglichkeit, dem Eigentümer
Siemens den Verkauf zu untersagen.
Dem Argument, dass die Anlage in Verbindung mit einem Schnellen Brüter,
den China allerdings nicht besitzen, zur Gewinnung waffenfähigen
Plutoniums verwendet werden könnte, wird sie schon gar nicht folgen dürfen.
Schliesslich hat China versichert, nur eine zivile Nutzung anzustreben.
Diese Absicht anzuzweifeln, hiesse, einer Regierung öffentlich das
Misstrauen auszusprechen, mit der man sich gerade um gute ökonomische
Beziehungen beküht.
Pragmatisch scheint sich die Bundesregierung der Erkenntnis zu fügen,
dass die Nutzung der Atomenegie andernorts anders bewertet wird als
hierzulande.
Merkwürdigerweise spielt eine andere Äusserung des Bundeskanzlers aus
dem fernen China in der koalitionsinternen Debatte kaum eine Rolle. Dass
Gerhard Schröder das Waffenembargo der EU gegen China in Frage stellte,
hat in Brüssel mehr Kopfschütteln verursacht als in Berlin. Dabei
hatte diese Koalition doch verkündet, die Achtung der Menschenrechte zu
einem Masstab ihrer Aussenpolitik zu machen.
In Oppositionszeiten konnte Joschka Fischer nur Hohn und Spott über den
"kritischen Dialog" ausgießen, den der damalige
Aussenminister mit Regimes von menschenrechtlich zweifelhaftem Ruf führen
wollte. An den NATO-Partner Türkei durften keine Panzer geliefert
werden. Der Weg in andere Weltengegenden wird leisetreterisch
beschritten, der nach Russland, wo über Tschetschenien zu reden wäre,
der nach China, wo die Zerstörung der tibetischen Kultur und die
Unterdrückung religiöser Gruppen auch nicht Achtung der Menschenrechte
ausdrücken. Dass sich die Nachbarn Chinas fragen, welche
Sicherheitsinteressen Peking mit seiner exorbitanten Aufrüstung schützen
will, ist kein menschenrechtliches Problem.
Die Grenze zwischen Pragmatismus und Prinzipienlosigkeit ist immer
schwer zu bestimmen. Gemessen an den Masstäben, die rot/grün selbst für
verbindlich erklärt hat, ist sie hier überschritten.
Adresse:
http://www.n-tv.de/5197888.html
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