05.09.2008 / Titel / Seite 1

Poster wird Politikum

Künstliche Aufregung? Fünf Jahre lang nahm niemand an diesem Pla

Ralf Wurzbacher
Der Kriegseinsatz deutscher Soldaten in aller Welt sorgt endlich mal für Aufregung. Die Gemüter erhitzt aber nicht das Blutvergießen für Deutschlands ökonomische und geostrategische Interessen, sondern die Dreistigkeit einiger Pazifisten, die Perversion des Krieges satirisch ins Bewußtsein zu rücken. Wie junge Welt bereits gestern berichtete, sehen sich Aktivisten des Berliner Landesverbands der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) Anfeindungen wegen eines von ihnen entworfenen Plakats ausgesetzt. Mit einem Beitrag von Bild (Donnerstagausgabe) ist der Fall nun sogar zum bundesweiten Politikum geraten. Neben Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) distanzierten sich auch die Bundestagsfraktion Die Linke sowie die DFG-VK-Bundesspitze von der Darstellung.

Das Poster zeigt drei Soldaten, die einen Sarg tragen, darunter: »Schritt zur Abrüstung. Die Bundeswehr auf dem richtigen Weg. Wieder einer weniger.« Für ihn sei das »ein Schlag ins Gesicht unserer Soldaten, die ihr Leben für die Freiheit Deutschlands einsetzen«, ließ Jung aus Afghanistan via Bild verlauten. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) ereiferte sich über eine »menschenverachtende Geschmacklosigkeit«. Der Sturm der Entrüstung tobte exakt an dem Tag, an dem sich Jung bei Afghanistans Präsident Hamid Karsai dafür entschuldigte, daß Bundeswehrsoldaten zwei afghanische Kinder und eine Frau von hinten erschossen hatten – »versehentlich«, wie es hieß.

Verantwortlich für das Plakat sind die DFG-VK Berlin-Brandenburg und das Büro für antimilitaristische Maßnahmen (BamM). Das Bild ist seit fünf Jahren auf ihrer gemeinsamen Webseite (bamm.de) zugänglich. Seine plötzliche Prominenz verdankt es den Spürnasen von Neonazis, deren Sprachrohr, die Junge Freiheit, zu Wochenanfang darüber berichtete. Die Bild-Zeitung nahm den Ball auf und knüpfte Verbindungen zum hessischen Linksfraktionschef Willi van Ooyen, früher einmal DFG-VK-Geschäftsführer in seinem Bundesland. Der bedauerte jetzt den »respektlosen Umgang mit dem Leid von Menschen«.

Da Hessens Linke wegen des Posters aber nicht die Zusammenarbeit mit der DFG-VK aufkündigen will, durfte Roland Koch (CDU) geschäftsführender Regierungschef des Landes in Bild das Schreckgespenst einer von der Linken tolerierten SPD-Grünen-Minderheitsregierung auffrischen. Damit nicht genug: CDU-Generalsekretär Roland Pofalla präsentierte gestern Ulla Jelpke von der Bundestagsfraktion Die Linke als Mitschuldige, weil einer ihrer Mitarbeiter die »Haß-Seite im Internet« betreibe.

Der verteidigungspolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Paul Schäfer, empörte sich gestern, mit dem Plakat werde »in zynischer und menschenverachtender Weise Genugtuung über den Tod von Bundeswehrsoldaten« geäußert. Ähnlich erbost meldeten sich DFG-VK-Bundessprecher Monty Schädel und Peter Strutynski vom Kasseler Friedenratschlag zu Wort.

Eine anonym bleiben wollende Sprecherin der Berliner DFG-VK zeigte sich im jW-Gespräch enttäuscht über das defensive Verhalten der Bundesspitze. »Damit hat man die Chance vertan, gegen die Brutalität und Würdelosigkeit des deutschen Militarismus zu punkten«.