Ressort: Politik
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Datum und Zeit: 29.12.2008 - 10:21
Krieg im Gaza-Streifen
Operation "Gegossenes Blei"
Israel hat Ernst gemacht: Mit dem
Vergeltungsangriff auf den Gaza-Streifen will die Regierung die Hamas von
dem Abschuss weiterer Raketen auf israelisches Staatsgebiet abbringen. Die
Armee hat den Einsatz schon vor vier Wochen vorbereitet - mitten in der
Waffenruhe. Von Thorsten Schmitz, Tel Aviv
Nur wenige Stunden nach dem ersten Bombardement des Gaza-Streifens am
Samstagvormittag gab das stets auf Geheimhaltung bedachte
Verteidigungsministerium seine Verschwiegenheit für einen Moment auf. In
mehreren E-Mails wurden ausländischen Korrespondenten Fotos zugesandt, die
hochbrisantes Material enthalten: Jene Gebäude und Warenlager, die von der
israelischen Luftwaffe in einem Überraschungscoup innerhalb weniger
Minuten dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Auf den überwiegend gestochen scharfen Bildern sind etwa Hochhäuser im
Gaza-Streifen zu erkennen, in denen sich die Führungsspitze der Hamas
aufgehalten haben soll, Trainingslager von Mitgliedern der
radikal-islamischen Gruppe, aber auch angebliche Kerker, in denen
politisch unliebsame Fatah-Anhänger gefoltert wurden. Auf einigen Fotos
sind auch Ansammlungen von Hamas-Mitgliedern in Uniform zu erkennen, die
unter freiem Himmel Übungen abhalten.
Der Zeitpunkt des massivsten israelischen Vergeltungsangriffs im
Gaza-Streifen nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 mag die Hamas zwar überrascht
haben. Schließlich hatte Israels Regierung den Machthabern noch Ende
vergangener Woche ein Ultimatum bis Sonntag gestellt.
Auch waren die Islamisten überzeugt, dass Israel es mitten im Wahlkampf
nicht wagen werde, sich auf riskante und zeitraubende Militäroperationen
einzulassen. Doch die Fotos, die von einem Tag und Nacht über dem
Gaza-Streifen schwebenden Zeppelin aufgenommen wurden beweisen, dass die
Operation "Gegossenes Blei" von langer Hand geplant wurde.
Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete am Wochenende,
dass Verteidigungsminister Ehud Barak bereits vor einem halben Jahr
Generalstabschef Gabi Aschkenasi den Auftrag erteilt habe, die Planungen
für einen umfangreichen Armee-Einsatz im Gaza-Streifen aufzunehmen.
Zu jenem Zeitpunkt hatte Israel unter Vermittlung des ägyptischen
Geheimdienstchefs Omar Suleiman gerade eine zeitlich befristete Waffenruhe
vereinbart. Die Waffenruhe, die nicht schriftlich fixiert worden war,
wurde mehr oder weniger effektiv eingehalten.
Für die israelischen Anrainer des Gaza-Streifens, die seit Samstag
wieder in Bunkern sitzen, brachte die Waffenruhe eine vorübergehende
Erholung vom Raketenbeschuss. Seit Sommer 2005 haben Mitglieder von Hamas
und Islamischem Dschihad etwa 7000 Raketen und Granaten auf Israel
abgefeuert, während der Waffenruhe nur 70. Die Waffenruhe brach letztlich
auch nach einer israelischen Militäroperation im November, als die Armee
einen Tunnel in Richtung Israel gesprengt hatte, durch den israelische
Soldaten in den Gaza-Streifen verschleppt werden sollten.
Falschmeldung am Heiligen Abend
Die Entdeckung des Tunnels, heißt es in israelischen Medien, habe
Verteidigungsminister Barak und die Armee-Führung darin bestätigt, dass
Hamas die Waffenruhe nutze, um sich mit Waffen zu versorgen und neue
Anschläge auf israelische Militärpatrouillen vorzubereiten. Vor
zweieinhalb Jahren hatten Hamas-Terroristen nach einem Anschlag auf eine
israelische Armee-Einheit den Soldaten Gilad Schalit in den Gaza-Streifen
verschleppt. Schalit lebt noch.
In den vergangenen sechs Monaten der brüchigen Waffenruhe hat Barak
nach Informationen von Haaretz sämtliche Geheimdienststellen und
Armee-Einheiten mit der Auswertung von Informationen beauftragt, die aus
dem Gaza-Streifen stammen. Es wird angenommen, dass Israel dabei auch auf
Kollaborateure angewiesen war, das heißt Palästinenser im Gaza-Streifen,
die gegen Bezahlung Informationen über Aufenthaltsorte von
Hamas-Mitgliedern und Waffendepots geliefert haben.
Die israelische Menschenrechtsorganisation "Betselem" kritisiert die
Rekrutierung von palästinensischen Informanten durch die Armee. Eine
Sprecherin sagte, durch die Abriegelung des Gaza-Streifens seien viele
Menschen in großer Not und würden daher "gegen ihr eigentliches Gewissen"
gezwungen, Informationen zu liefern.
Um den Zeitpunkt des Vergeltungsangriffs geheim zu halten, verbreitete
die Presseabteilung von Regierungschef Ehud Olmert am Heiligen Abend eine
Falschmeldung. Das Kabinett, so hieß es in der Mitteilung, sei am 24.
Dezember zusammengekommen, um über die Bedrohungen des globalen
Terrorismus zu reden. Tatsächlich, berichteten israelische Medien jetzt,
seien die Minister am Mittwoch darüber informiert worden, dass
Hamas-Stellungen im Gaza-Streifen in den kommenden Tagen angegriffen
würden.
Im Alleingang befehligt
Die Diskussion am Kabinettstisch über den Einsatz habe fünf Stunden
gedauert. Dies sei auch ein Beweis dafür, heißt es aus dem
Verteidigungsministerium, dass man den Empfehlungen der
Untersuchungskommission zum Libanonkrieg gefolgt sei. Das Komitee hatte
Olmert vorgeworfen, den Libanonkrieg gegen die Hisbollah im Sommer 2006
praktisch im Alleingang befehligt zu haben.
Bei ihrem Besuch in Kairo informierte Außenministerin Tzipi Livni am
Donnerstag Staatschef Hosni Mubarak über den Armee-Einsatz. Um die
Weltöffentlichkeit - und auch die Hamas - im Unklaren zu lassen, öffnete
die israelische Armee am Freitag die Grenzübergänge zum Gaza-Streifen
kurz.
Zum selben Zeitpunkt, als mehrere Dutzend Lastwagen mit Nahrungsmitteln
und Treibstoff in den Elendsflecken gelassen wurden, trafen sich Barak und
die Armeespitze in Tel Aviv und einigten sich auf Samstag als Beginn der
Gaza-Offensive.
(SZ vom 29.12.2008/woja)
Gaza unter Beschuss
Israel stellt sich auf langen Krieg ein
Mehr als 300 Menschen sind bei Militäroperationen
im Gaza-Streifen gestorben. Unterdessen hat Israel Reservisten für den Kampf
gegen die Hamas mobilisiert. Von Thorsten Schmitz, Tel Aviv
Israel hat einen Tag nach den massivsten Luftangriffen auf Ziele im
Gaza-Streifen seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 am Sonntag der
radikalislamischen Hamas mit einem Einmarsch von Bodentruppen gedroht.
Verteidigungsminister Ehud Barak sagte, die Armee sei zu einer solchen
Offensive bereit. Israelische Medien berichteten, Panzer hätten Stellung am
Rande des Gaza-Streifens bezogen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
forderte ein Ende der Gewalt.
"Wenn es notwendig ist, Truppen aufmarschieren zu lassen, um unsere
Bürger zu schützen, werden wir das tun", zitierte der Rundfunk Barak. Die
Regierung beschloss, 6500 Reservisten zu mobilisieren. Barak lehnte
Forderungen nach einem Waffenstillstand mit der Hamas ab. Ebenso wenig
könnten die USA Frieden mit al-Qaida schließen oder hätte Deutschland sich
dem Terror der RAF beugen können.
300 Tote, 1000 Verletzte
Premierminister Ehud Olmert sagte, der zu erwartende Krieg werde "lang,
schmerzhaft und schwierig" sein. Bislang sind nach Angaben der im
Gaza-Streifen herrschenden Hamas durch die israelischen Vergeltungsschläge
300 Palästinenser getötet worden, darunter 180 Hamas-Mitglieder. Etwa 1000
Menschen wurden verletzt.
Israels Armee hatte die Palästinenser am Samstag mit Luftangriffen auf
mehr als 200 Ziele überrascht, bei denen Trainingslager, Polizeiquartiere
und Waffendepots der Hamas zerstört wurden. Die israelische Luftwaffe setzte
am Sonntagabend ihre Angriffe auf Ziele im Gaza-Streifen fort. Die Hamas
drohte mit einer dritten Intifada.
Israels Luftwaffe nahm auch Tunnel unter Beschuss. Sie sind eine der
wichtigsten Versorgungslinien für die Hamas. Es habe Dutzende Explosionen in
dem Gebiet an der Grenze zu Ägypten gegeben, berichteten Augenzeugen.
Anschließend durchbrachen Hunderte Palästinenser die Grenze nach Ägypten.
Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer. Ein ägyptischer Major wurde bei
einem Gefecht mit Palästinensern getötet, wie aus Sicherheitskreisen
verlautete. Der Führer der radikalislamischen Hisbollah, Scheich Hassan
Nasrallah, versetzte die Kämpfer seiner Organisation in Alarmbereitschaft.
Er verglich die Attacken auf Ziele der Hamas mit dem Libanon-Krieg im Sommer
2006, als die israelische Armee gegen die Hisbollah vorgegangen war.
Palästinenserpräsident Machmud Abbas machte die Hamas für die schweren
israelischen Angriffe mitverantwortlich. Seit dem Rückzug Israels aus dem
Gaza-Streifen 2005 sind etwa 7000 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Auch
am Sonntag feuerte die Hamas mehr als 20 Kurzstreckenraketen auf Ziele in
Israel ab. Verletzt wurde dabei niemand. Erstmals wurde eine Ortschaft
getroffen, die mehr als 30 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt liegt. So
weit reichte bisher noch kein Raketenangriff aus dem Palästinensergebiet. Am
Samstag war ein Israeli durch eine Palästinenser-Rakete getötet worden.
Der UN-Sicherheitsrat forderte Israel auf, die Grenzübergänge zu öffnen
und die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die französische
EU-Ratspräsidentschaft verurteilte die israelischen Bombenangriffe und auch
den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen. Frankreichs Präsident Nicolas
Sarkozy warf Israel einen unverhältnismäßigen Gewalteinsatz vor.
Die USA mahnten zur Zurückhaltung. Ägypten und Jordanien verurteilten
Israels Vorgehen. Ägyptens Außenminister Ahmed Abul-Gheit kündigte an, die
Arabische Liga werde auf einer Dringlichkeitssitzung am Mittwoch eine
Feuerpause zwischen Hamas und Israel verlangen.