MONITOR Nr. 496 am
21.11.2002 |
| Irak-Öl -
Deshalb droht Krieg Bericht: Jo Angerer, Sonia Mikich Sonia Mikich: "Michael Jackson sagte es ganz schlicht eben: 'Eigentlich brauchen wir keine Kriege'. Willkommen. Schön, dass Sie zuschauen, auch wenn Monitor heute spät und verkürzt kommt. Die Themen sind spannend, fangen wir flott an: Null Toleranz bei den Waffeninspektionen - so drängt Präsident Bush und droht mit einer 'heißen Abrüstung', wenn Saddam Hussein nicht alle Auflagen buchstabengetreu erfüllt. Bush hat, wie heute in Prag beim Nato-Gipfel bekannt wurde, die Bundesrepublik um Unterstützung in der Irak-Frage, Großbritannien sogar offiziell zur Bereitstellung von Truppen gebeten. Countdown zum Irak-Krieg. Ein Diktator soll weg, Demokratie soll her. So immer wieder die hehre Begründung für einen Waffengang. Es gibt aber auch andere Motive. Und sie sind nicht hehr, sondern knallhart. Und über die ist zu wenig bekannt. Hinter verschlossenen Türen ist das Geschacher um die Neuaufteilung des irakischen Öls in vollem Gange. Wenn es zum Regimewechsel in Bagdad kommt, dann könnten die USA den Ölmarkt kontrollieren - den zweitgrößten im Nahen Osten. Jo Angerer und ich fragen nach der Strategie hinter der Strategie und stellen fest: Nicht zum ersten Mal ist Öl Treibstoff des Krieges." Nächtliche Skyline, New York. Eine Supermacht, ein Energie-Fresser. Die USA allein verbrauchen täglich 20 Millionen Barrel Öl - mehr als ein Viertel der weitweit geförderten Ölmenge. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Und der Ölhunger wird steigen. 2020 werden die Amerikaner über 25 Millionen Barrel pro Tag verbrauchen. Aufmarschgebiet Golf. US-Soldaten stehen bereit, angeblich um ein für alle Mal die gefährlichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein zu zerstören, um einen Diktator zu vertreiben, um Frieden in die Region zu bringen. Stimmt das? Die Debatten im UN-Sicherheitsrat, das Hin und Her um eine Irak-Resolution - sie lenken vom wahren Kriegsziel ab. Und das heißt: Kontrolle des Öls im Nahen Osten. Spurensuche: Wir finden ein hochbrisantes, internes Dokument der US-Armee vom März 2001. Also erstellt 6 Monate vor dem 11. September. Szenario eines Irak-Krieges. Mit genauem Aufmarsch- und Angriffsplan. Unter dem Stichwort "regionale Interessen der USA" heißt es an erster Stelle - ungeschminkt: "gesicherter Zugang zum Öl am Golf".Das propagierte Kriegsziel: "Verbreitung demokratischer Werte",an vorletzter Stelle der Liste versteckt. Krieg, nicht für Demokratie und Sicherheit. Sondern um Öl. Fred Mutalibov ist Börsenanalyst und einer der bekanntesten Ölmarkt-Experten der USA. Er redet Klartext. Fred Mutalibov, SWS Securities:
"Es geht um Ölinteressen. Zurzeit ist der Irak für die amerikanische
Öl- und Gasindustrie verschlossen. Mit einem Regimewechsel kommt
aber die Aufhebung der Sanktionen - und US-Firmen werden wieder in
den Irak zurückkehren können. Ich rede nicht nur von der Öl- und
Gasindustrie, sondern auch von der Ausrüstungsindustrie, also
Technik, Anlagen, Service. Das Interesse am Wiederaufbau der
irakischen Ölfelder ist groß, es geht ja um eine riesige
Industrie."Die Anlagen im Irak sind nach 20 Jahren Krieg und Mangelwirtschaft in der Tat verrottet und technisch überaltert. Ein enormes Potenzial für Firmen aus den USA, die lieber heute als morgen Ölförder-Technologien liefern wollen. Rückblick auf die Geschichte westlicher Ölinteressen. Bagdad, 1972. General Bakr von der Baath-Partei verstaatlicht das Öl. Zur Strafe wird der Irak vom damaligen US-Präsidenten Nixon auf die Liste jener Staaten gesetzt, die den "Terrorismus unterstützen". "Schurkenstaat" heißt das heutzutage. Frankreich dagegen hofiert einen jungen Vizepräsidenten namens Saddam Hussein. Beginn einer guten Beziehung. Bagdad heute. Nach wie vor geostrategischer Zankapfel. Der Diktator, der Massenvernichtungswaffen gehortet hat, stört außerdem die Geschäfte. Es geht um die zweitgrößten Ölvorräte in Nahost. Krieg und Regimewechsel werden entscheiden, wer wie viel am Zukunftsmarkt Irak verdient. Amerikaner konkurrieren gegen Russen und Franzosen. Hinter den Kulissen längst losgegangen
- das Wettrennen der internationalen Ölgiganten auf die irakischen
Ölfelder. Hauptsächlich russische Firmen sowie die französische
Total-Fina-Elf stehen in den Startlöchern für die Zeit nach
Aufhebung der Sanktionen. Russen und Franzosen haben
milliardenschwere Vorverträge mit dem Irak gemacht. Sie haben kein
Interesse an einem Regime-Wechsel.Der viertgrößte Ölkonzern der Welt Total-Fina-Elf in Paris ist reich geworden wegen der Ölvorkommen des Irak. Seit Jahrzehnten ist das Land darum französisches Interessensgebiet. Wenn im Elysee eine weichere Irak-Politik gefordert wird, hat das auch mit zwei Vorverträgen von Elf zu tun. Es geht um 17 Milliarden Barrel Ölreserven in der Zukunft. Pierre Terzian, Berater der französischen Regierung und des Elf-Konzerns, kennt die Interessenskonflikte hinter den Kulissen. Pierre Terzian,
Regierungsberater: "Die Franzosen haben durchaus eigenen Ehrgeiz
und sie werden ihre Interessen verteidigen, falls die Amerikaner
eine zu starke Dominanz ausüben wollen. Was Angst macht: Die
Amerikaner haben meinem Eindruck nach nicht nur Interesse an einem
Anteil des irakischen Öls, sondern wollen die Vorherrschaft über den
Irak, seine Ölvorkommen und die ganze Region." Fred Mutalibov, SWS Securities:
"Die Meinungsverschiedenheiten, die Frankreich und Russland mit den
USA haben, haben mit der Zukunft der Ölvorkommen in einem Irak nach
Saddam zu tun. Die Angst der Russen und der Franzosen ist, ob ihre
Verträge, die sie in der Zeit Saddam Husseins unterschrieben haben,
bestehen bleiben. Ob sie weiterhin mit diesen Verträgen arbeiten
können."London. In einem Hinterhof im Viertel Mayfair hoffen Exil-Iraker auf einen Regime-Wechsel. Der "Iraqi National Congress" ist quasi der Dachverband der irakischen Opposition. Hier sagt man unverblümt, wer nach dem Sturz des Diktators zum Zuge kommen wird, im Ölgeschäft. Nabil Nugawi, Iraqi National
Congress: "Wenn es dazu kommt, dass nur die Vereinigten Staaten
und Großbritannien als einzige uns dabei helfen werden, das Land zu
befreien und Saddam Hussein und sein Regime loszuwerden, dann wird
eine Übergangsregierung gewiss mit großem Wohlwollen auf diese
beiden Länder schauen."Wettrennen der Ölgiganten - die amerikanischen Konzerne wollen vom irakischen Öl profitieren. Und sie wissen: in der ihrer Regierung haben sie mächtige Freunde. Der Präsident selbst hat mit Öl Geld verdient. Sein Vizepräsident Dick Cheney war Aufsichtsratsvorsitzender des Ölausrüsters Halliburton, dessen Tochterfirmen noch bis Sommer 2000 mit dem Irak Geschäfte machten. Und Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin, war früher Mitglied im Aufsichtsrat des mächtigen Ölkonzerns Chevron. Die Regierung Bush, ein Kabinett der Ölinteressen? Edward Morse, Berater der US-Ölindustrie, sieht klare Prioritäten in der Bush-Administration. Edward Morse, Hess Energy
Trading: "Ganz gewiss, es gibt in dieser Regierung mehr führende
Persönlichkeiten aus der Öl- und Gasbranche als je zuvor in einem
amerikanischen Kabinett. Das beginnt beim Präsidenten, geht weiter
zum Vize, der einem der wichtigsten Ausrüstungskonzerne vorstand.
Das alles heißt: sie kennen die Industrie, sie haben Freunde in der
Industrie."Ölverladeanlagen im türkischen Ceyhan, Endpunkt einer gigantischen Pipeline aus dem Irak, der Hauptexportroute der Zukunft. Noch fließt hier wenig Öl. Doch das wird sich ändern. Nach einem Krieg, geführt im Namen von Demokratie und Sicherheit, dessen wahre Antriebskräfte knallharte Interessen von US-Konzernen sind. Links zum Thema:
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