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| 10. März 2006
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,405160,00.html |
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BUSH VS. IRAN
Die Legende vom Petro-Euro-Krieg
Von Matthias Streitz
Westliche Blogs und Zeitungen islamischer Staaten behaupten, die USA
wollten Iran angreifen, weil die Mullahs ihr Öl künftig in Euro statt
Dollar handeln möchten. Die These hat sich erstaunlich weit verbreitet
- erweist sich aber bei genauerem Hinsehen als Unfug.
Hamburg - Für eine Institution, die noch nicht mal eröffnet wurde, hat
die "Iranian Oil Bourse" schon eine Menge Fans. Gibt man den
sperrigen Begriff bei der Blog-Suchmaschine Technorati ein, spuckt sie gut
1040 Fundstellen mit Beiträgen aus. Viele tragen Überschriften wie
"Ein Krieg im März für den Dollar?" oder "Ölmann Bush
+ Petroeuro = Iran-Krieg".
Worum geht es? Schon im Jahr 2003 ließ das Regime in Teheran wissen, es
plane eine eigene Börse für den Handel mit Erdöl. Das Vorhaben gilt
seither als "nationales Projekt". Nach einer offiziellen
Verlautbarung aus dem Januar soll der Handelsplatz, bekannt unter dem
Namen "Iranian Oil Bourse" oder auch "International Oil
Bourse" (IOB), ab dem 20. März den Betrieb aufnehmen. Als Standort
wurde die Freihandelsinsel Kish im Persischen Golf auserkoren.
Das Besondere an den Plänen: Das Ölgeschäft der IOB soll laut früheren
iranischen Ankündigungen in Euro abgewickelt werden. Bisher wird Erdöl
in maßgeblichen Sorten wie Brent Crude oder West Texas
Intermediate weltweit nur in US-Dollar gehandelt - und zwar vor
allem über die Rohstoffbörsen Nymex in New York und IPE in London.
Gefährlicher als die Atombombe?
Aus diesen Tatsachen haben einige Autoren, Journalisten aus dem
islamischen Raum und eben auch Scharen von Bloggern allerlei
Konspirationstheorien abgeleitet. Kurz zusammengefasst laufen sie darauf
hinaus, dass der iranische Euro-Ölbörsenplan den Anfang vom Ende der
Hegemonie des Dollars markieren würde.
Der Euro, so die These, würde dank seiner neuen Rolle im Ölhandel bald
zur neuen Weltreservewährung aufsteigen. Damit könnten die USA die
enorme Verschuldung ihres Staates und ihrer Konsumenten nicht mehr
finanzieren. Teherans Ölbörsenpläne könnten für die Vereinigten
Staaten "gefährlicher werden als eine iranische Atombombe",
heißt es unheilsschwanger in einem deutschen Blog. Sie seien "der
wahre Grund, warum Iran das nächste Ziel" der US-Kriegsmaschinerie
sei, postuliert
der US-Autor William Clark. Der Streit über Teherans Atomprogramm
sei bloß vorgeschoben.
Das alles klingt natürlich bedrohlich. Dennoch wurde über die
Petroeuro-Iran-Börsen-Kriegs-These von Mainstream-Medien in Europa und
den USA bisher kaum berichtet. Das hat seine Gründe - denn die Theorie
ist, höflich gesagt, nicht plausibel. Ihre Glaubenssätze lassen sich
leicht auseinandernehmen - der Reihe nach.
Verschwörungsthese eins: Wenn Iran sein Öl in Euro handelt, schwächt
das den Dollar und Amerika.
Schon diese Grundprämisse überschätzt die ökonomische Bedeutung
Irans. Das Land ist zwar nach Saudi-Arabien der zweitwichtigste Ölexporteur
im Opec-Kartell. Die gesamten iranischen Ausfuhren summierten
sich aber 2005 auf einen Wert von rund 55 Milliarden Dollar. Ein
unwissenschaftlicher Vergleich, um die Größenordnung zu zeigen: Allein
der texanische Erdöl-Koloss ExxonMobil
kam zuletzt auf einen Jahresumsatz von 330 Milliarden Dollar.
"Die Menge der iranischen Ölexporte ist weltwirtschaftlich
marginal - wenn sie künftig in Euro faktoriert werden, wird das keine
nennenswerte Auswirkung auf die Finanzkraft des Dollars haben",
sagt der Volkswirt Enno Harks von der Stiftung Wissenschaft und Politik
(SWP) in Berlin.
Der Thron der US-Währung steht auf porösem Fundament. Die
Bush-Regierung hat aber keinen Anlass, ausgerechnet in den Eurohandelsplänen
Teherans eine Bedrohung zu sehen. Es gibt auch keine Beweise dafür,
dass sie dies tut.
Andere Faktoren - die künftige Haushaltspolitik Bushs, die Entwicklung
der US-Handelsbilanz oder die Frage, in welcher Währung China seine
immensen Geldreserven anlegt - spielen eine sehr viel bedeutendere
Rolle für die Frage, in welchem Tempo die Dollar-Dämmerung vorankommt.
Ein Krieg gegen Iran würde den Greenback wegen der immensen Kosten eher
schwächen als stärken.
Verschwörungsthese zwei: Iran wird keine Probleme haben, andere
US-kritische Länder für seine "Börse" zu begeistern - und
damit steigt deren globale Bedeutung.
Hier sind die Petro-Euro-Theoretiker mehr als voreilig. Tatsächlich ist
bisher noch völlig offen, ob der Öl-Handelsplatz überhaupt startet -
und ob er den Ehrennamen "Börse" je verdienen wird. Selbst
das Blatt "Iran Daily" geht inzwischen davon aus, dass
der gerade erst angekündigte Termin Ende März wohl doch verfehlt wird
und eher mit einem Start im April zu rechnen sei, wenn nicht später.
Unklar ist auch, wer außer Iran sein Öl an der
"internationalen" Börse handeln wollen sollte. Russland wird
sich auf das Wagnis kaum einlassen. Saudi-Arabien verkauft sein Öl gar
nicht über Börsen. Iran selbst hofft nach
Angaben des Börsen-Organisators Mohammad Javad Assemipour auf
Kunden aus der kaspischen Region. Nur welche? Aserbaidschan zum Beispiel
ist zwar wie Iran schiitisch geprägt - wirtschaftlich hängt es aber
von den USA ab. Ohne weitere Anbieter wird die IOB keine globale
Bedeutung entfalten.
Für einen modernen Handelsplatz bräuchte Teheran außerdem
Informationstechnologie und Fachleute, die den Umgang mit
Finanzmarktinstrumenten wie Swaps und Forward Sales beherrschen.
Wer glaubt, dass die Insel Kish (Einwohnerzahl: rund 20.000) in dieser
Hinsicht London und New York den Rang ablaufen könnte, muss über eine
ausgeprägte Phantasie verfügen. Nicht einmal Singapur ist es gelungen,
eine bedeutsame Erdölbörse aufzubauen - trotz besserer
Standortbedingungen.
"Das eine Börse zu nennen wäre übertrieben", sagt der
SWP-Experte Harks über die iranischen Pläne.
Verschwörungsthese drei: Auch der Irak wurde überfallen, weil er
sein Öl in Euro handelte.
Die Petro-Euro-Theoretiker verweisen gern auf einen "Präzedenzfall".
Auch Saddam Hussein habe den Handel mit Öl auf Euro umgestellt - und
wurde von den USA entmachtet.
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Das stimmt. Doch zwischen Währungswechsel und Kriegsbeginn lagen drei
Jahre. Gewagt, da einen direkten Zusammenhang konstruieren zu wollen.
(Wobei es durchaus Gründe für die Annahme gibt, der Irak sei aus anderen
ökonomischen Gründen angegriffen worden.)
Die irakische Entscheidung, vom Dollar auf den Euro umzusatteln, war im
übrigen eine Folge des schlechten Verhältnisses zu den USA und nicht
dessen Ursache. Ähnliches gilt im Falle Irans.
"Das Thema wird überschätzt", folgert Johannes Reissner,
Politologe, Iran-Spezialist und wie Harks an der SWP beschäftigt. Er
hat bemerkt, dass iranische Politiker wenig über die Börsenpläne zu
sagen haben - Teheran glaube wohl selbst nicht an die Bedeutung der IOB.
Auch in der iranischen Presse sei fast nichts über die angeblich
weltbewegende Neuerung zu lesen, bemerkt er. Bei der amtlichen
Nachrichtenagentur Irna findet sich online kein Wort dazu. Einer der
wenigen ausführlichen Beiträge zum Thema, der jüngst auf Persisch in
der Zeitschrift "Shoma" unter der Überschrift "Die Waffe
Öl, Irans neue Innovation" erschien, übernimmt seine Argumente
ausgerechnet von US-amerikanischen Bush-Kritikern im Internet.
Ein schönes Beispiel dafür, wie Legenden durchs Web wandern können -
auch über Feindesgrenzen hinweg. |
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