Junge Welt
28.12.2010 / Titel / Seite 1
Höchste Risikostufe
Knut Mellenthin
Die militärische Lage in Afghanistan hat sich im ablaufenden Jahr nach
Einschätzung der UNO weiter zuungunsten der NATO-Besatzungstruppen
verschlechtert.
Die Weltorganisation widerspricht damit dem US-Präsidenten Barack Obama,
der kürzlich vor Soldaten geprahlt hatte: »Heute können wir stolz sein,
daß weniger Gebiete unter Kontrolle der Taliban stehen.« Das als
neokonservativ geltende Wall Street Journal veröffentlichte am Montag
zwei vertrauliche UNKarten, auf denen die Lage im März des Jahres mit
der im Oktober verglichen wird. Zwischen diesen beiden Monaten liegt
witterungsbedingt die Hauptkampfzeit in Afghanistan. Die mehr als 300
Bezirke des Landes sind darauf unterschieden in »geringes Risiko«,
»mittleres Risiko«, »hohes Risiko« und »sehr hohes Risiko«. Im Süden und
Osten, wo für nahezu alle Bezirke die höchste Risikostufe gilt, hat sich
trotz vieler Erfolgsmeldungen des US-Militärs die Lage nach dem Urteil
der UNO kaum verändert.
Dagegen ist eine Reihe von Gebieten im Norden des Landes, die im
Frühjahr noch als relativ sicher gegolten hatten, jetzt mit »hohes
Risiko« bewertet. Insgesamt gilt das für 16 Bezirke in neun Provinzen.
Fünf von diesen gehören zur Besatzungszone der deutschen Bundeswehr. Nur
in zwei afghanischen Bezirken hat sich die Situation in den
zurückliegenden Monaten verbessert. Diese liegen in Kundus, das zum
deutschen, und in Herat, das zum italienischen Zuständigkeitsbereich
gehört. Indessen wird der Nordosten, wo die Bundeswehr stationiert ist,
immer noch überwiegend mit »geringes Risiko« eingestuft, während das
Risiko im Westen des Landes um Herat als »hoch« gilt.
Die Verschlechterung der militärischen Lage wird in erster Linie darauf
zurückgeführt, daß immer mehr Einheiten der Aufständischen vor den stark
ausgeweiteten Kommandooperationen und Luftangriffen der USTruppen im
Süden und Osten in andere Landesteile ausweichen. Die New York Times
berichtete am Montag, die Zahl der Kommandooperationen sei im
ablaufenden Jahr versechsfacht worden. Allein im vergangenen Vierteljahr
habe es 1 784 solcher Aktionen gegeben, bei denen es hauptsächlich um
das gezielte Töten von Kommandeuren der Aufständischen geht.
Nach den massiven Verstärkungen, die Obama im ersten Jahr seiner
Amtszeit anordnete, sind derzeit rund 140000 Soldaten in Afghanistan
stationiert, darunter zwei Drittel USAmerikaner. Die Aufstandstätigkeit
wurde aber durch die immer stärkere Präsenz der Besatzungstruppen und
das verschärfte Vorgehen in den von ihnen nicht kontrollierten Gebieten
eher beflügelt als geschwächt. Einem Bericht des Pentagon an den Kongreß
zufolge gab es im ablaufenden Jahr etwa 70 Prozent mehr Angriffe der
Aufständischen als 2009 und dreimal so viele wie 2007.
Auch am Montag gab es mehrere Anschläge. Vor einer Bank in der
südafghanischen Stadt Kandahar explodierte ein mit Sprengstoffe
beladenes Fahrzeug. Drei Menschen wurden getötet, 20 verletzt. Das
Attentat galt einem Geldinstitut, über das viele Soldaten und Polizisten
ihr Gehalt bekommen. Ebenfalls in Südafghanistan kam ein NATO-Soldat bei
der Explosion einer am Straßenrand versteckten Bombe ums Leben. Laut AP
starben in diesem Jahr 697 Angehörige der Besatzungstruppen.