Was ist das: Es hat 55 Seiten, trägt das Datum 1. Juli 2005
und stinkt? Als hätte es die Enthüllungen über die Lügen nie
gegeben, mit denen der Irak-Krieg vorbereitet wurde, berichtete die
linksliberale britische Tageszeitung Guardian am gestrigen Mittwoch über
ein »Geheimpapier« gegen Iran. Hauptinhalt: Teheran kaufe in Europa
und anderswo Material zur Herstellung einer Atombombe.
Kein Wort über die Verfasser des Papiers, noch nicht einmal eine
Andeutung. Erkenntnisse britischer, französischer, deutscher und
belgischer Nachrichtendienste seien verarbeitet, versichert der
Guardian. Das Memorandum sei benutzt worden, um europäische Minister zu
informieren und um führende Industrielle zur »Wachsamkeit« und Zurückhaltung
beim Technologie-Export in den Iran zu ermahnen. Letzteres mag sogar der
tatsächliche Hauptzweck des Papiers gewesen sein.
Die Meldung muß erschrecken. Nicht wegen ihres Inhalts, den man
getrost als kalten Kaffee vergessen kann, sondern wegen ihres
Erscheinens. Die Zeitung hatte in den vergangenen Jahren eine sehr
verdienstvolle Rolle gespielt, indem sie immer wieder den Finger auf die
Lügen der britischen Regierung über angebliche
Massenvernichtungswaffen des Irak legte. Jedoch, die Erkenntnis scheint
nicht weit getragen zu haben. Der Artikel, den Ian Cobain und Ian
Traynor jetzt im Guardian abgeliefert haben, ist sehr viel schwächer
als die seinerzeitigen Lügengeschichten z.B. von Judith Miller zum
Irak, die vor einigen Monaten zu ihrer Entlassung bei der New York Times
führten.
Die Journalisten haben das Papier »gesehen«, schreiben sie in ihrem
Artikel. Heißt offenbar, daß man es ihnen gezeigt hat und daß sie
darin blättern durften. Mehr aber wohl nicht. Sie zitieren genau einen
einzigen Satz daraus, der aber den Schönheitsfehler hat, daß er zur
Sache absolut nichts aussagt: Iran versuche intensiv, Technologie und
Know-how für militärische Zwecke jeder Art zu erwerben. Nicht gerade
sensationell für ein Land, das akut bedroht und durch die Sanktionen
der US-Regierung vom legalen Weltmarkt für Hochtechnologie weitgehend
ausgeschlossen ist. Zu der Behauptung, Teheran versuche, sich Material
zum Bau einer Atombombe zu verschaffen, steht im Artikel des Guardian
kein einziges konkretes Wort. Und doch beteten sie der Internetdienst
spiegel online und mehrere Nachrichtenagenturen gestern brav nach.
Der Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA),
Mohammed ElBaradei hat in seinem jüngsten Bericht vor wenigen Wochen
erneut bekräftigt, daß die Inspektoren der IAEA in Iran keine Hinweise
auf die Existenz eines Atomwaffenprogramms gefunden haben. Wenn es bei
irgendeinem Geheimdienst in Europa, den USA oder Israel gegenteilige
Erkenntnisse gäbe, darf man völlig sicher sein, daß ElBaradeis
Bericht ganz anders ausgesehen hätte. Die Vorstellung, Washington würde
Fakten verschweigen, die Iran belasten könnten, ist absurd.
Zu welchen Ergebnissen die brisante Mischung aus journalistischer
Inkompetenz und politischer Böswilligkeit führt, demonstrierte am
Dienstag auch die Tageszeitung Hamburger Morgenpost, die traditionell
als SPD-nah gilt. Das Blatt titelte reißerisch: »Iran droht jetzt mit
einem vernichtenden Atomschlag«. Im Artikel hieß es dann: »Nach
Experten-Einschätzung dürfte das Mullah-Regime über nukleare Waffen
verfügen.«
Tatsächlich gibt es keinen einzigen Experten, der so etwas
behauptet. Selbst israelische Hardliner erklären allenfalls, daß Iran
vielleicht in zwei Jahren eine Atomwaffe besitzen könnte. Macht aber
nichts. Wenn die Leute die Lüge glauben, hat sie ihren Zweck erfüllt.