Berlin verfügt seit 1994 über Einfluss auf ein
Minenunternehmen (Somikivu) im Ostkongo, das zur Förderung
seltener Rohstoffe für die Herstellung von Düsenmotoren und
Raketenteilen gegründet worden war. Die von Somikivu betriebene
Mine Lueshe gilt als eine der zwei wichtigsten Lagerstätten
ihrer Art weltweit. Das dort erschlossene Material gehört zu
den bedeutenden Rohstoffvorkommen im Ostkongo, die seit Beginn
der europäischen Kolonialherrschaft immer wieder zu
Streitobjekten ausländischer Mächte wurden.
Erwägungen
Nachdem der private Somikivu-Mehrheitseigentümer, eine deutsche
GmbH [1], den Betrieb in Lueshe wegen beginnender Unruhen 1994
eingestellt hatte, zahlte ihm die Bundesregierung mehr als acht
Millionen Euro Entschädigung - und erhielt im Gegenzug Ansprüche
auf zukünftige Gewinne aus dem Minenbetrieb sowie einen
Treuhandvertrag. Seitdem können staatliche Stellen der
Bundesrepublik über die Geschäfte in Lueshe mitbestimmen - und
damit über Förderung und Nutzung der international begehrten
Minenressourcen. Über mehrere Jahre hin duldete Berlin die
Einstellung der Fördertätigkeit. Mehrfach lehnte die deutsche
Regierung auch den Verkauf des Minenunternehmens ab - wegen
"außenpolitische(r) Erwägungen", heißt es in einem
Schreiben des staatlichen Treuhänders, das dieser Redaktion
vorliegt.
Interessen
Die wirtschaftliche und geostrategische Bedeutung von Lueshe
scheint für Berlin groß genug, dass sich die Bundesregierung
auch Beschlüssen des kongolesischen Staatspräsidenten Kabila
widersetzte. Laurent Désiré Kabila hatte die Abbaurechte in
Lueshe bereits 1999 an ein österreichisches Unternehmen übertragen,
um die deutsche Blockade aufzuheben und dem Kongo dringend benötigte
Steuer- und Zolleinnahmen aus dem Minenbetrieb zuzuführen -
vergeblich. "Durch dieses Verhalten sind Interessen der
Bundesrepublik Deutschland nachhaltig berührt", erklärte
die deutsche Seite bereits im April 2000 und kündigte an:
"Den solchermaßen verursachten Schaden wird die
Bundesrepublik Deutschland (...) nicht hinnehmen." Tatsächlich
erklären deutsche Politiker bis heute, die Bergbaurechte an der
Mine Lueshe lägen bei der deutsch kontrollierten Somikivu.
Zumindest sei die Eigentumsfrage "ungeklärt", lässt
Berlin verlauten.
Faustpfand
Anstelle der Zentralregierung erlaubte man ein Jahr später
deren Gegenspielern Einfluss auf Lueshe: Rebellenmilizen des
"Rassemblement Congolais pour la Démocratie" (RCD).
Die Sezessionisten kämpften in der Minengegend und in weiten
Teilen des Ostkongo, um den Rohstoffreichtum für ihre eigenen
Pfründe zu nutzen, und boten Schutz gegen Geldzahlungen an.
"In einer Situation des Krieges und angesichts des Bedarfs
an Mitteln, ihn zu finanzieren", heißt es in einem
RCD-Schreiben, gewähre man ausländischen Unternehmen
"Sicherheit". Prompt begannen in Lueshe jene Fördermaßnahmen,
die sich Berlin gegenüber der Zentralregierung vorbehalten und
auf der Basis ihrer angeblichen Eigentumstitel nicht aufgenommen
hatte. Die Mine wurde als Faustpfand benutzt, um auf die
innerkongolesischen Auseinandersetzungen materiell Einfluss
nehmen zu können - mal bei der Zentralregierung, mal bei deren
Widersachern.
Bundeswirtschaftsministerium
Als Verbindungsmann zu den Rebellenmilizen trat ein ortskundiger
Deutscher auf, der die Rohstoffausbeute ankurbelte, Steuer- und
Zollabgaben an die Zentralregierung unterließ und mit den
immensen Gewinnen ein auch in Deutschland tätiges Firmennetz
aufbaute - ohne erkennbaren Widerstand des Berliner Treuhänders.
Selbst die Proteste internationaler Organisationen ließen die
deutsche Außenpolitik kalt. Obwohl der deutsche V-Mann
Karl-Heinz Albers als einer der Hauptfinanziers des
ostkongolesischen Krieges angeprangert und in Berichten der
Vereinten Nationen namentlich genannt wurde, schienen deutsche
Ermittlungen nicht opportun zu sein. Noch der jüngste Bericht
der Kongo-Expertengruppe vom Januar 2006 kritisiert die schützende
Hand, die eine deutsche Behörde über den V-Mann hielt - das
Bundeswirtschaftsministerium.[2]
Abschluss
Seit nunmehr fast fünf Jahren fordern die Vereinten Nationen
von der Bundesregierung, Maßnahmen gegen die kriegsfördernden
Umtriebe in Lueshe zu ergreifen. Aber statt das geostrategische
Kongo-Abenteuer zu beenden, hat Berlin die Zerrüttung des
Landes begünstigt und nimmt die Ergebnisse jetzt zum Anlass,
Truppen zu entsenden - der militärische Abschluss einer
Ressourcenoperation.
german-foreign-policy.com wird Sie über weitere Einzelheiten
der deutschen Kongo-Operationen auf dem laufenden halten.