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Frankfurter Rundschau -
07.07.2008
Kein Tropfen
im Wasserhahn
Die
Westbank sitzt auf dem Trockenen
Für
Palästinenser ist Wasser ein teures Gut, Siedler füllen ihre Swimmingpools /
Israel kontrolliert die Brunnen
VON INGE GÜNTHER
Yatta. Wieder einmal ist Hamed Abdallah Hamandis Büro voller Beschwerdeführer.
Dabei kann er, der kommunale Wasserbeauftragte von Yatta, gar nichts für die
Leute tun - abgesehen davon, ihnen übersüßten Tee zur Beruhigung zu servieren.
Jeden Sommer ist es das gleiche Elend. Aber nach vier Dürrejahren mit viel zu
geringen Regenfällen im Winter ist die Lage dramatischer denn je.
Yatta, eine 80.000-Einwohner-Stadt im Süden der Westbank, sitzt auf dem
Trockenen. Was Israel ins palästinensische Wassernetz laufen lässt, reicht
nicht, um alle mit einem Minimum zu versorgen.
Wer in Yatta am Hang wohnt, hat besonderes Pech. Der Leitungsdruck ist dort so
niedrig, dass kein Tropfen aus dem Wasserhahn kommt.
Mohammed Hamami kann ein Lied davon singen. "So etwas wie Duschen kennen wir
nicht mehr", sagt er und lacht bitter. Bei ihm zu Hause ist Wassersparen keine
ökologische Tugend, sondern reine Not. Man muss froh sein, wenn es zum Trinken,
Kochen und zur Basishygiene reicht.


Knappes Nass
Israel zapft von dem unterirdischen Wasserspeicher in
der Westbank jährlich an die 450 Millionen Kubikmeter für sich ab, teils auf
besetztem Gebiet, teils im Kernland, wohin ein Teil der Wasseradern fließt.
Die 2,5 Millionen Palästinenser in der Westbank bekommen 160 bis 170 Millionen
Kubikmeter ab. Zum Vergleich: Die Zahl jüdischer Siedler im Westjordanland
beträgt 250 000, dabei ist Ost-Jerusalem nicht mit einberechnet. Wasser bezieht
Israel auch aus dem See Genezareth, aus Brunnen an der Küste sowie aus zwei
Entsalzungsanlagen.
Die Palästinenser haben neben dem Westbank-Reservoir nur eher salzige Brunnen in
Gaza.
In Friedensverhandlungen gehört Wasser zu den Kernfragen. Da die vorhandenen
Wasserreserven den Zukunftsbedarf beider Völker nicht decken, bleiben zwei
Möglichkeiten: Wasserimporte, etwa aus der Türkei, und weitere
Entsalzungsanlagen auch für Gaza. Experten plädieren auch für regionales
Wasserkrisenmanagement.
"Uns liegt an Sauberkeit", sagt Hamami. Sein frisches
Hemd, das er für den Behördengang übergestreift hat, unterstreicht das. Allzu
oft kann er sich diesen Luxus nicht leisten. Seit Monaten schon muss er Wasser
aus dem Tankwagen kaufen. Das ist vier bis fünf Mal so teuer wie Wasser aus der
Leitung. Lieferungen in die palästinensischen Gemeinden sind beschwerlich,
Wartezeiten an israelischen Checkpoints lang, und Sprit ist sowieso teuer. Die
Hamamis sind daheim zu zehnt.
Nach Berechnung der Weltgesundheitsbehörde WHO braucht jeder Mensch täglich
mindestens 100 Liter, was im Fall der Hamamis summa summarum einen Kubikmeter
ausmacht. Doch statt mit dreißig Kubikmetern monatlich begnügen sie sich
notgedrungen mit zehn. Schon für die muss das Familienoberhaupt 200 Schekel,
umgerechnet über 60 US-Dollar, hinblättern. Für mehr Wasser hat Hamami kein
Geld.
Wegen notorischer Wasserknappheit hat die Stadtverwaltung folgende Regel
eingeführt: Alle drei Monate wird in unterschiedliche Viertel zwei Wochen lang
Wasser gepumpt. In dieser Zeit sollen die Haushalte ihre privaten Speicher mit
dem Nass füllen. Nur kommt bei immer mehr Leuten immer weniger an. Warum das so
ist, demonstriert Hamandi, der städtische Wasserbeauftragte, mit zwei
Metallscheiben, die er aus der Schublade kramt. In der Mitte haben sie ein
rundes Loch. Mit den Ringen verengt Israels nationales Wasserwerk Mekorot die
Leitungen. Ursprünglich maß das Rohr 20 Zentimeter im Durchmesser, heute ist die
Öffnung gerade noch anderthalb Zentimeter groß. Auf diese Weise fließen
stündlich 27 Kubikmeter nach Yatta. Benötigt werden dagegen laut Hamandi 150
Kubikmeter.
Die jüdischen Siedlungen in der Nachbarschaft, Maon oder auch Susiya, haben
indes Wasser im Überfluss. Genügend jedenfalls, um Fichtenwäldchen oder anderes
Grün zu bewässern, und in Swimmingpools zu plantschen. Die
Bürgerrechtsorganisation B'Tselem hat ausgerechnet, dass der
Durchschnitts-Israeli 3,5 mal so viel Wasser konsumiert wie ein Palästinenser.
Auch wirft B'Tselem dem Wasserwerk Mekorot vor, die Versorgung der Palästinenser
zu reduzieren, um den steigenden Bedarf der Siedler zu decken.
Mekorot hingegen macht marode palästinensische Leitungen und Wasserdiebstahl für
die Misere verantwortlich. Tatsächlich hätten die städtischen Arbeiter in Yatta
wenig Skrupel, die Verengungsringe kurzerhand auszubauen. Inzwischen werden die
Scheiben allerdings außerhalb der Reichweite der Palästinenser installiert.
Hamandi seufzt. Die Beschwerdeführer nicken verständnisvoll. "Israel
kontrolliert doch alles", klagen sie. Zumindest zapft Israel von dem
unterirdischen Wasserreservoir in der Westbank knapp zwei Drittel für sich ab.
Neue Brunnen dürfen die palästinensischen Autonomiebehörden nur mit israelischem
Einverständnis bohren. Im Süden der Westbank konnte das mit Hilfe von US-Aid
sogar eingeholt werden. Drei Tiefbrunnen sind so gut wie fertig - vorausgesetzt
Israel lässt sie ans palästinensische Netz.