17. Januar 2005, 22:31, NZZ Online (Neue
Züricher Zeitung)
Vorbereitung für US-Luftschläge gegen Iran?
Angebliche Spähtrupps für Atomanlagen
Laut einem amerikanischen Pressebericht haben Agenten der USA
damit begonnen, das iranische Territorium nach geheimen Atomanlagen
abzusuchen, um Zielkoordinaten für spätere Militärschläge zu
sammeln. Offiziell bekennt sich Washington im Atomstreit mit Iran jedoch
weiterhin zur Suche nach einer diplomatischen Lösung.
A. R. Die USA haben nach einem Bericht des Magazins «The New Yorker»
spätestens seit dem letzten Sommer mit geheimen Erkundungsmissionen in
Iran begonnen, um Informationen über die dortigen Anlagen der
Atomforschung und Raketenrüstung zu sammeln. Das Ziel sei, drei Dutzend
oder mehr militärische Ziele zu identifizieren, die mit Schlägen aus
der Luft oder Kommandoaktionen am Boden zerstört werden könnten.
Geschrieben wurde der Artikel vom mehrfach preisgekrönten, aber
dennoch umstrittenen Journalisten Seymour Hersh, der beispielsweise im
April den Abu-Ghraib-Skandal ins Rollen gebracht hatte. Treffen seine
Angaben zu, bei denen sich Hersh fast ausschliesslich auf anonyme
Quellen stützt, so sind die Überlegungen zu einem Militärschlag der
USA gegen Iran weiter fortgeschritten, als bisher bekannt gewesen war.
Enge Kooperation mit Israel
Präsident Bush hat Iran vor drei Jahren in einer Reihe mit dem Irak
und Nordkorea als Mitglied einer «Achse des Bösen» aufgezählt und später
erklärt, die USA würden die Entwicklung einer iranischen Atombombe
nicht dulden. Die Versuche mit der Anreicherung von Uran und der
geplante Bau eines Schwerwasserreaktors - laut Teheran legitime Projekte
zur zivilen Nutzung der Atomenergie - dienen nach amerikanischer Überzeugung
eindeutig militärischen Zwecken.
Die offizielle Haltung Washingtons besteht aber darin, der Diplomatie
den Lauf zu lassen und Iran auf diese Weise zum Verzicht auf sein
Atomprogramm zu bewegen. Die Enttäuschung der Administration Bush über
die ausbleibenden Früchte dieser Politik ist jedoch kein Geheimnis.
Vergeblich versuchte sie, den Fall Iran vor den Uno-Sicherheitsrat zu
bringen. Vor dem Scheitern steht auch der Versuch, Mohammed al-Baradei
von der Spitze der Internationalen Atomenergieagentur zu verdrängen, um
eine härtere Gangart der Atombehörde gegenüber Iran zu erwirken.
Ob die Administration wegen dieser Misserfolge bereits Kurs auf eine
militärische «Lösung» des Problems genommen hat, wie Hersh
unterstellt, ist unklar. Ein Sprecher des Weissen Hauses bezeichnete den
Bericht am Sonntag als «gespickt mit Ungenauigkeiten», ohne ihn vollständig
zu dementieren. Darin heisst es unter anderem, eine amerikanische
Taskforce operiere - in enger Kooperation mit Pakistan - von Afghanistan
aus und suche im Osten Irans, zum Teil mit lokal rekrutierten Agenten,
nach unterirdischen Atomanlagen. Es gebe auch eine enge Zusammenarbeit
mit Israel, das wahrscheinlich ebenfalls Notfallpläne für die Zerstörung
iranischer Nuklearinstallationen schmiedet.
Todesschwadronen gegen Terroristen?
Die Spionageaktionen finden laut Hersh vor dem Hintergrund eines
Kompetenzgerangels zwischen dem Auslandgeheimdienst CIA und dem Pentagon
statt, das Verteidigungsminister Rumsfeld zusehends für sich
entscheide. So habe Rumsfeld die Unterzeichnung mehrerer präsidialer
Anordnungen erreicht, die das Pentagon ermächtigten, mit
Spezialeinheiten geheime Anti-Terror-Aktionen in bis zu zehn Ländern
der islamischen Welt durchzuführen.
Anders als die CIA, die solche verdeckten Aktionen als ihre ureigene
Aufgabe reklamiert, könne das Verteidigungsministerium ohne jede
Kontrolle operieren. Das Pentagon habe die neuen Kompetenzen bereits
genutzt, um eine Terroristenzelle in Algerien auszuschalten. Zu den
anderen Ländern, wo militärische Sondereinheiten angeblich grünes
Licht zum Operieren erhalten haben, zählen laut dem Artikel Jemen,
Malaysia, der Sudan, Syrien und Tunesien. Gerüchte über geplante
Todesschwadronen zur Ausschaltung von irakischen Guerillakämpfern in
Syrien hatte kürzlich bereits das Nachrichtenmagazin «Newsweek»
kolportiert.