USA: Think tank stellt Irak-Politik in Frage
von - 14.01.2004 04:10
Die Meldungen über US-Angriffe
im Irak reissen auch ein dreiviertel Jahr nach Verkündung des
offizielen Kriegsendes nicht ab. Erst am Dienstag sollen Soldaten in der südirakischen
Stadt Kut auf 100 protestierende, arbeitslose Zivilisten geschossen
und sieben Menschen verletzt haben. Diese Attaken gegen die irakische
Zivilbevölkerung und internationale Pressevertreter fügen sich ein in die Nationale
Sicherheitsstrategie (pdf) NSS, die Präventivkriege zum legitimen
politischen Mittel macht. Am Donnerstag, den 08. Januar legte ein liberaler
Washingtoner Think
tank namens Carnegie Endowment for
International Peace Institute eine Studie vor, die belegte, was den
meisten Politikern und Journalisten schon vor Kriegsausbruch klar war: Eine
Bedrohung der internationalen Sicherheit, des Nahen Ostens oder gar der USA
durch im Irak stationierte Massenvernichtungswaffen
habe seit 1991 nicht mehr bestanden. Der Report stellt die gesamte
Argumentation der US-Regierung für den Beginn des Krieges gegen den Irak in
Frage
Links und Hintergründe im Text
Logo des Carnegie Endowment for International Peace Institutes in Washington.
Die US-Regierung habe systematisch Einfluss auf die Recherchen
der Geheimdienste genommen, heisst es in dem 111 Seiten umfassenden
Bericht. Die Stellung zum Irak habe sich seit Oktober
2002 drastisch geändert. Dies belegt eine Auswertung des Berichts des
NIE, des National
Intelligence Estimate, einer von vielen US-Geheimdiensten.
Innerhalb des Pentagon
soll eine Behörde geschaffen worden sein, die sich nur mit Formen politischer
Einflussnahme befasst habe, die nicht
den internationalen politischen Spielregeln entsprechen.
Das irakische
Potential an ABC-Waffen vor 2002 sei nach dieser Studie viel zu hoch
eingeschätzt worden. Der Bericht des Carnegie Endowment for International
Peace Institutes enthält auch keinerlei überzeugende Hinweise darauf,
dass der Irak nach der Abrüstung 1991 weitere Rüstungsprogramme
gestartet hätte oder gar noch im Besitz tödlicher Biochemischer
Waffengattungen war. Weiterhin untersuchte der Report der Washingtoner
Denkfabrik die zwischen der irakischen Regierung unter Saddam
Hussein und Al
Qaeda. Auch hier liessen sich keinerlei Belege
für eine Zusammenarbeit
oder einen Austausch
(pdf) von Massenvernichtungswaffen
finden.

Das Autoren-Team der Studie: Alexis Orton, Joseph Cirincion, George
Perkovich und Jessica T. Mathews, Fotos: ceip.org Joseph Cirincione
ist Autor des 2002 erschienenen Buches Deadly Arsenals: Tracking Weapons
of Mass Destruction und Chef Non-Proliferation Projektes innerhalb der
Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace in Washington DC. Er
befasst sich in erster Linie mit der Medien- und Sicherheitsproblematik
und unterrichtet an der Georgetown University Graduate School of Foreign
Service. Neun Jahre lang war er im U.S. House of Representatives tätig,
sechs Jahre im Kommitee für bewaffnete Dienste und dreieinhalb weitere
Jahre im Kommitee für Regierungsoperationen. Er war auch an den Militärreformen
unter den Kongressmitgliedern Tom Ridge und Charles Bennett beteiligt.
Cirincion ist publizistisch sehr aktiv, neben diversen Artikeln und CD
ROMs, die sich hauptsächlich mit militärischen und nuklear
waffentechnischen Fragen befassen, betreibt er auch die ProliferationNews.org.
Den Status eines Junior
Fellows innerhalb der Carnegie hat die jüngste Autorin der Studie Alexis
Orton. Ihre Themenschwerpunkte sind der 11.September 2001 und der
Golf-Krieg. Ausserdem ist sie für das Department of State Task Force tätig.
Jessica Tuchman Mathews beschäftigt sich mit Journalismus,
Management und Politik. Ihr Schwerpunkt liegt auf der der
US-amerikanischen Aussenpolitik. Seit 1993 ist sie stellvertretende Sekretärin
im Nationalen Sicherheitsrat. Anfang der Achtziger war sie für die
Washington Post tätig, später auch als Kolumnistin für die
International Herald Tribune. Noch in den Siebzigern arbeitete sie im Amt
für internationale Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat.
weiterhin ist sie Mitglied der Rockefeller Foundation, der Century
Foundation und der Nuclear Threat Initiative.
Auch George Perkovich befasst sich im publizistischen Bereich mit
aussenpolitischen Themen. Er schreibt u. a. für die Zeitungen und
Zeitschriften wie Foreign Affairs, Atlantic Monthly, Weekly Standard, Wall
Street Journal, die Washington Post, und die New York Times. 2002 veröffentlichte
er das Buch "Indias Nuclear Bomb". Für den US-Senator Joe Biden
war er als Redenschreiber tätig. Perkovich, der neben Englisch und Französisch
auch fliessend Russisch spricht, ist Mitglied des Rates für
internationale Beziehungen.
Die Verfasser des Berichts Joseph
Cirincione, Jessica
T. Mathews, Alexis
Orton und George
Perkovich weisen auf drei wesentliche Grundprobleme
hin, die die Bush-Politik
und die Nationale Sicherheitsstrategie mit sich bringen.
Der Irak-Krieg suggeriere anderen Regierungen, dass nur der Besitz von
Atomwaffen Schutz vor anderen Ländern biete.
Weiterhin vermittle der Irak-Konflikt den Eindruck, dass Wissenschaftler,
die sich mit ABC-Waffen befassten, die Kontrolle verloren hätten und
Waffen abhandengekommen wären. Die Argumentation klingt schlüssig,
schenkt man dazu noch dem Artikel
von Neil Mackay, "Bush
planned Iraq 'regime change' before becoming President" Glauben.
Dieser wurde bereits am 15. September 2002 veröffentlicht. Darin geht es
um einen geheimen Blueprint, aus dem hervorgeht, dass der Regime-Wechsel
im Irak schon lang vor George W. Bush's Machtantritt im Januar 2001
geplant war.
Auch die Ereignisse des späten Februar
2001 sind heute schon längst in Vergessenheit geraten. Kurz nach dem
G.W. Bush das Amt des 43. Präsidenten der USA übernahm, zog er auch
gleich die Daumenschrauben gegen den Irak an. So, als wolle er die zehn
Jahre zuvor gestartete "Mission impossible" seines Vaters
vollenden. Ohne Zustimmung des Weltsicherheitsrates flogen damals 24
englische und amerikanische Kampfjets Einsätze gegen Bagdad und feuerten
Raketen vorgeblich auf eine Radar- und Kommandozentrale am Rande der
Stadt.
Der CEIP-Bericht wurde am vergangenen Donnerstag der Öffentlichkeit
vorgestellt. Zur gleichen Zeit seien laut Telepolis
400 Angehörige der Joint
Captured Materiel Exploitation Group aus dem Irak abgezogen
worden.. Diese Einheit untersteht auch der Iraq
Survey Group. Der Abzug wird als Zeichen dafür gewertet, dass nun
auch die US-Regierung nicht mehr mit dem Fund von biologischen oder
chemischen Waffen rechnet. Der amerikanische Aussenminister Colin Powell
nahm vergangene Woche nach einer Prostataoperation im Dezember seine
Amtsgeschäfte wieder auf. Wie die Neue Züricher Zeitung am 09. Januar 04
berichtete, räumte Powell bei einem ersten Pressetermin ein, dass die
Administration nicht über «Smoking Gun»-Beweise verfüge, aus denen
eine direkte Verbindung des Saddam-Hussein-Regimes zu der
Kaida-Terrororganisation hervorgehe. Aber die Entwicklung sei noch nicht
abgeschlossen, sagte er. Das gelte auch für das Vorhandensein von
Massenvernichtungswaffen im Irak, die bisher trotz intensiver Suche nicht
gefunden werden konnten.Die saloppe Presseerklärung des Weissen Hauses
dazu findet man hier.
Die Meldungen über den Bericht
des Think tanks verblassen jedoch spätestens seit heute, in der eine
Meldung die Berichterstattung der Mainstream-Medien aus dem Irak
dominiert. Ein 14 Menschen umfassendes Team aus Geheimdienstexperten,
Ermittlern und Übersetzern sei im Irak eingetroffen und hätte demanch
mit der Untersuchung
von 36 im Irak entdeckten Mörsergranaten begonnen, die eventuell einen
chemischen Kampfstoff enthalten könnten. Dänische Soldaten sollen die
Geschosse am Freitag in der Wüste nahe Kurnah nördlich der Stadt Basra
gefunden haben. Die 120-Millimeter-Geschosse könnten möglicherweise aus
dem irakisch-iranischen Krieg in den 80er Jahren stammen. Irak soll damals
Chemiewaffen gegen gegnerische Soldaten eingesetzt und kurz nach
Kriegsende 1988 in der nordirakischen Stadt Halabscha rund 5.000 kurdische
Bewohner mit einem Giftgaseinsatz getötet, meldete heute die
Nachrichtenagentur AP. Ein etwas anderes Bild darauf wirft der Artikel von
ACE: YOU
MEAN SADDAM DIDN'T GAS HIS OWN PEOPLE? vom 15. April 2003 auf
Indymedia Belgien.
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"A Fountain of Lies - The Bush regime spins Iraq", so überschreibt
Indymedia.org
ein Feature zum Bericht über die aufgebauschte
Massenvernichtungswaffen-Thematik im Irak. Hier wird gleich eine Linie
gezogen zu Small Box
Waffen, zur Botschafter-Wilson-Affäre,
zur Produktion
tödlicher Viren als biologische Kampfstoffe in US-amerikanischen
Laboratorien, zu Spionage-Fällen
der US-Regierung im UN-Sicherheitsrat
und letztendlich auch zur mit der vorgeblichen Demokratisierung
einhergehenden Stationierung
von Massenvernichtungswaffen im Irak durch die US-Army. Das Ganze wird
in den Kontext des geplanten Regime-Wechsels
in Kuba und der Ermittlungen
um den 11. September 2001 gestellt. Auch schlägt man eine Brücke zur heuchlerischen
Haltung der USA gegenüber Russland während der dortigen Wahlen und
natürlich zum Wahlbetrug
in den USA im Jahr 2001. Foto: Indymedia Portland.
Die Reaktionen der internationalen Presse auf die Studie des Think tanks waren verschieden.
Ungeachtet dessen bleibt die Tatsache bestehen, dass vom Irak eine Bedrohung ausging - unklar war nur, wie groß diese war. Hätten die USA und Großbritannien vor Saddam Hussein klein beigegeben und sich auf die Linie von Frankreich, Deutschland und Russland gestellt, würden wir immer noch vermuten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Und sässe Saddam noch in seinen Palästen, könnte er mit Hilfe seiner Forscher ein solches Arsenal aufbauen. Nun stellt der Irak keine Gefahr für seine Nachbarländer mehr dar, und die Iraker selbst haben die Möglichkeit, Frieden und Demokratie zu erlangen. Und nicht zuletzt bietet sich nun die Chance, dass auch die Bedrohung durch den Iran, Libyen und Nordkorea endlich schwindet. Das ist das Wesentliche, und nicht die Diskussion über das Ausmaß einer vergangenen Bedrohung", hebt die schwedische Zeitung SVENSKA DAGBLADET hervor. Zum gleichen Thema schrieb gestern die österreichische Zeitung DIE PRESSE aus Wien: "Bevor ihm justamente sein früherer Finanzminister O'Neill in die Suppe spuckte, liefen die Dinge für George Bush zu Beginn des US-Wahljahres eigentlich ganz prächtig. Und ehrlich: Dass der Waffengang gegen den Irak von Anfang seiner Präsidentschaft geplant war, pfiffen die Spatzen längst von den Dächern Washingtons. Hatten die Auguren Bush vor wenigen Monaten indes noch einen aussenpolitischen Hasard prophezeit, so scheinen die Entwicklungen der letzten Wochen seiner Politik der harten Hand Recht zu geben. Die vom US-Präsidenten bei seiner Rede zur Nation postulierte 'Achse des Bösen', die ihm Hohn und Spott eingetragen hat, ist zwei Jahre später eingeknickt. Bloße Koinzidenz - oder steckt dahinter womöglich ein genialer Masterplan, dem niemand dem vermeintlichen Einfaltspinsel aus Texas zugetraut hätte?".
Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN aus Oslo kommentiert lediglich die Einstufung von Saddam Hussein als Kriegsgefangener und die Glaubwürdigkeit der USA: "Die USA haben dem gestürzten irakischen Präsidenten den Status eines Kriegsgefangenen zuerkannt. Das ist ein wichtiger Schritt: Saddam hat nun festgeschriebene Rechte, das Internationale Rote Kreuz das Recht zu Besuchen im Gefängnis. Die USA tragen eine politische Verantwortung auch nach der Übernahme der Verantwortlichkeiten durch eine irakische Übergangsregierung. Saddam werde einen Prozess bekommen, an dem internationale Beobachter teilnehmen, hat US-Außenminister Powell erklärt. Was er genau damit meint, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass die Glaubwürdigkeit sowohl der USA als auch der irakischen Behörden in der kommenden Zeit auch an der Behandlung von Saddam Hussein gemessen werden wird."
Washington habe sich dadurch gleich mehrerer Probleme enthoben, bemerkt die russische Zeitung KOMMERSANT in ihrer gestrigen Ausgabe und geht ebenfalls nicht auf den Report, sondern nur auf die Saddam Hussein-Problematik ein: "Gemäß der Genfer Konvention dürfen die USA als Besatzungsmacht jetzt allein entscheiden, wie Saddam der Prozess gemacht werden soll - vor einem internationalen Tribunal oder vor einem irakischen Gericht nach Rückgabe der Souveränität an einheimische Kräfte. Außerdem sind die USA gehalten, den Gefangenen vor der 'Neugier der Öffentlichkeit' zu schützen. Das heißt, sie dürfen Informationen über ihn geheim halten. Sie dürfen ihn zwar nicht verhören, aber das ist auch schon nicht mehr nötig. Das Pentagon hat sich bereits im vergangenen Monat davon überzeugt, dass aus dem Ex-Diktator keine sinnvollen Informationen mehr herauszuholen sind", ist KOMMERSANT aus Moskau überzeugt.
Die britische Zeitung FINANCIAL TIMES richtet indes den Blick
bereits auf den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten: "In den USA
ist eine Präsidentschaftswahl immer auch eine Volksabstimmung über die
Leistung des Amtsinhabers. Das dürfte auch im Jahr 2004 nicht anders
sein. Obwohl der Wahltermin näher rückt, lässt Präsident Bush von
seinem erzkonservativen Kurs nicht ab. Eine aggressive Außenpolitik hat
den USA in der Welt weniger Freunde und weniger Respekt beschert, als dies
noch vor drei Jahren der Fall war. Eine rücksichtlose Steuerpolitik hat
die Grundlagen einer langfristigen wirtschaftlichen Gesundung gestört.
Diese Tatsachen erfordern, dass die Demokratische Partei in den USA dem Wähler
eine glaubhafte Alternative bietet. Dies ist so wichtig wie schon seit
Jahrzehnten nicht mehr", glaubt die Londoner FINANCIAL TIMES.
WMD in
Iraq: Evidence and Implications
Vollständiger Bericht des Carnegie Endowment for International Peace
Institutes im PDF-Format zum Download hier
Inhalt:
Table of
Contents
Chapter 1:
Introduction
Chapter 2: Iraq's
WMD Capabilities
Chapter 3: Findings
and Recomendations
Guide
to Key Findings and Summary of Recomendations
List
of Tables
Appendices
Notes
Quellen, Links und Literatur
- Feature: "A Fountain of Lies - The Bush regime spins Iraq", Indymedia.org 09.01.04.
- BilBo: "Carnegie
Endowment Proves No "WMD" in Iraq", Inymedia
Portland, 08.01.04.
- Brigitte Zarzer: "Der
Krieg war nicht die beste und nicht die einzige Option",
Telepolis.de, 10.01.2004.
- Noam Chomsky: "Selektives
Erinnerungsvermögen und falsche Doktrinen"in ZNet
21.12.2003.
- Paul Street: "Der
lebende Saddam leistet dem Empire gute Dienste" in Znet
25.12.2003.
- Colin L. Powell: Secretary Powell's
Press Conference, Protokoll, Washington, DC January 8, 2004
- Scott McClellan: Press
Gaggle with Scott McClellan Aboard Air Force One En Route
Knoxville, Tennessee.
- Robert Frisk:"Iraker
zahlen den Preis für Saddams Festnahme" und
- Robert Frisk. "Tod
in Gewahrsam". Znet.de, 04.01.2004
- John Pilger: "Bushs
Besetzung des Irak" in ZNet 20.11.2003.
- David Bacoon: "US-Besatzungsarmee verhaftet irakische Gewerkschaftsführer" in ZNet 15.12.2003
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