| Leben 43/2001
Krieg der Kanäle Im Kampf gegen den Terror setzen die USA auf eine gezielte Desinformationskampagne. Der Erfolg scheint fraglich. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: Haben die Gegner die Kommunikation besser im Griff? von Ralf Bendrath Wenn der Krieg tatsächlich eine Bedeutung hat für
unsere Zivilisation, dann sicher diese: Was Qualität und Quantität der
öffentlich verfügbaren Informationen angeht, ist dieser Konflikt ein
historischer Tiefpunkt. Die vom Pentagon vorproduzierten Videos
startender US-Kampfjets kannten wir bereits aus dem Golfkrieg. Doch dass
die US-Regierung nun sogar versucht, dem Kongress keine Hintergründe
mehr zu liefern und Fernsehsender an der Ausstrahlung unerwünschter
Videos zu hindern, ist neu. Hinter dieser Nichtinformation wird vielfach
eine kohärente Strategie der US-Regierung vermutet. So betonte George
W. Bush in einer seiner Ansprachen, Wissen sei »Macht im Krieg gegen
den Terrorismus«. Immer wieder deutet der Präsident an, dass seine
Regierung alle relevanten Informationen besitzt und beschaffen kann -
und das nach Plan.
Ideengeber aus dem achten Jahrhundert Es deutet tatsächlich einiges darauf hin, dass der infowar
nach zehn Jahren intensiver Debatte eine zentrale Rolle im strategischen
Denken der amerikanischen Militärs eingenommen hat. Genau eine Woche
vor Beginn der Angriffe, am 1. Oktober, wurde vom Pentagon die Quadrennial
Defense Review veröffentlicht, eine Art Weißbuch der US-Militärstrategie.
Klar heißt es dort: »Die Fähigkeit, Informationsoperationen durchzuführen,
ist eine Kernkompetenz für das Verteidigungsministerium geworden.«
Ebenfalls Anfang Oktober wurde mit Richard B. Myers ein Mann neuer
Generalstabsvorsitzender, der für den Kampf an der Informationsfront
geeignet scheint wie kaum ein anderer. Er war bis Februar letzten Jahres
als Chef des Weltraumkommandos auch für die Entwicklung des
Informationskrieges in den US-Streitkräften zuständig. Unter ihm
erhielten die USA eine eigene Doktrin für »Informationsoperationen«,
die im Jahr 1998 als Dokument JP 3-13 veröffentlicht wurde.
Darin heißt es: »Informationsoperationen beinhalten die Beeinflussung
gegnerischer Informationen und Informationssysteme, während die eigenen
Informationen und Informationssysteme verteidigt werden.« Die Informationskrieger von heute beziehen sich gerne auf die Ideen
des chinesischen Militärtheoretikers Sun Tsu. Von ihm ist aus dem 8.
Jahrhundert der Satz überliefert ist, es sei »die höchste Kunst, den
Gegner ohne Kampf zu bezwingen«. Doch wer ist überhaupt der Gegner? Bisher ist der globale Krieg gegen den Terrorismus ein regional
begrenzter gegen Afghanistan. Trotz der Beteuerungen, nach dem 11.
September sei (auch militärstrategisch) nichts wie zuvor, setzt das
Pentagon wenig mehr als seine klassischen Instrumente der
Informationskriegführung ein: Die Luftwaffe bombardiert
Kommunikationszentralen. Transportmaschinen werfen Flugblätter und
Lebensmittelrationen ab, die in alle Richtungen guten Willen
kommunizieren sollen. Gleichzeitig senden »Commando Solo«-Flugzeuge
der US-Einheiten für psychologische Kriegführung Radionachrichten,
damit die Empfänger der »kulturell neutralen« Nahrungsmittelpakete
auch wissen, wem sie zu danken haben. Die eiligen Forderungen aus dem
Washingtoner Kapitol, das ehemalige Radio Free Europe/Radio Libertyfür
ein Radio Free Afghanistan zu nutzen, sind ein weiteres Zeichen dafür,
dass die USA noch in Kategorien des Kalten Krieges und
zwischenstaatlicher Konflikte denken. Haben die USA in diesem Krieg den eigentlichen Gegner aus dem Blick
verloren? Dieser sollte doch gerade der globale Terrorismus mit seinen
Netzwerken sein, nicht ein zerschundenes Land. Noch einmal Sun Tsu: »Wenn
du den Gegner kennst und dich selbst, dann brauchst du hundert
Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, aber nicht
den Gegner, wirst du für jeden errungenen Sieg eine Niederlage
erleiden.« Die USA betreiben viel Aufklärung, um langsam ein Bild von
den Netzwerken des transnationalen Terrorismus zu erlangen. Hoch
technisierte Spionagesysteme helfen dabei nicht viel. Entscheidend wäre
es, zu verstehen, wie die Denkstrukturen des Gegners beschaffen sind.
Kulturelle Kompetenz ist hier gefragt, nicht nur der militärisch-technische
Blick. Doch dafür seien die US-Geheimdienste kulturell nicht
qualifiziert, so Jörg Becker, Professor für Politik und
Medienforschung der Universität Marburg. Die Kommunikationsstrukturen der Terroristen basieren auf einfachen
Mitteln wie E-Mail-Adressen bei Hotmail und Yahoo. Wer sie angreift,
kann nicht verhindern, dass sofort neue entstehen. Auch Osama bin Ladens
Rolle war bisher die eines Diplomaten und Vermittlers zwischen den
verschiedenen autonomen Terroristengruppen in aller Welt, nicht die
eines zentralen Kommandeurs. Dieser Gegner ist Teil eines Netzwerks, das
keine Zentrale hat, die vernichtet werden könnte. An der Konzentration auf bin Laden zeigt sich das Dilemma der
Informationsfronten, an denen die amerikanische Regierung kämpft. Die
afghanische Front hat sie nicht verstanden, die Heimatfront glaubte sie
dagegen zu kennen. Die US-Medien hatten sich nach dem 11. September
freiwillig in den Dienst der Nation gestellt, so dass
Verteidigungsminister Rumsfeld den Vorschlag seiner PR-Chefin Victoria
Clarke für unnötig hielt, eine Medienkampagne zu lancieren. Man war
sich am heimatlichen Ende der Informationsstrategie sicher - und
rechnete nicht mit dem Gegner. Doch dann platzte in die ersten
Live-Berichte zum Thema »America strikes back« das Video von
bin Laden, das der arabische TV-Sender Al-Jazeeraan CNN verkauft hatte.
Alle Versuche, die Medienattacke zu vereiteln, schlugen fehl. In einer
Zeit, in der Nachrichtenmoderatoren mit dem Sternenbanner wedeln, ist es
nicht schwierig, die eigenen Medien zur Zurückhaltung anzuhalten. Im
globalen Maßstab funktioniert dies jedoch nicht. Nun müssen die
US-Strategen des Informationskriegs nicht nur fürchten, dass die
Tricks, die sie zur Überlistung des Gegners entwickelten (wie die
Instrumentalisierung von TV-Programmen) gegen sie selbst gerichtet
werden. Die USA, die stets stolz waren auf die Meinungsfreiheit, werden nun
mit den Mitteln der freien Berichterstattung in die Enge gedrängt.
Henry Hyde, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus,
ist verzweifelt: »Wie ist es möglich, dass die Regierung des Landes,
das Hollywood und die Madison Avenue erfunden hat, seine Geschichte
nicht in Übersee erzählen kann?« Ganz einfach: Man hatte sich zu sehr
darauf verlassen, dass die USA weltweit der Content-Provider Nummer eins
sind und die Vertriebskanäle beherrschen - eine Logik, die
nun nicht mehr uneingeschränkt gilt. Der arabische Sender Al-Jazeera
wird weltweit täglich von 20 Millionen Menschen eingeschaltet. Informationskanäle nutzen - nicht zerstören Diese dritte Informationsfront ist die eigentlich entscheidende. Hier
bieten sich Ansätze, um dem Terrorismus seine Anhängerschaft zu
nehmen. Dazu müsste man Bilder und Deutungsmuster erzeugen, die
anschlussfähig sind an die Denkstrukturen fanatischer oder
amerika-kritischer Muslime. Direkt nach dem 11. September bestand dazu
eine einzigartige Chance: Sie lag in der eindringlichen Macht der
Fernsehbilder, die eine globale Betroffenheit erzeugten. Wie in
Washington und Berlin, so waren sich auch die TV-Zuschauer in Amman,
Kairo, Damaskus - und sogar in Teheran - einig, dass der Massenmord
Tausender Zivilisten ein Verbrechen ist. Diese Synchronizität öffentlicher
Meinung hat die große Antiterrorkoalition erst möglich gemacht. Aber
offenbar wurde von den Protagonisten des infowars vergessen, dass
ein Krieg das Potenzial hat, diese Koalition zu zerstören. Man hatte
sich darauf verlassen, dass CNN nicht in Kabul vor Ort sei und moderne
Distanzwaffen eine Kriegsberichterstattung durch amerikanische
Medienvertreter ohnehin unmöglich machen würden. In diesem Kalkül wäre
es möglich gewesen, die unangenehmen Bilder getöteter Zivilisten zu
kontrollieren oder gar zu vermeiden. Doch Al-Jazeera schickt täglich
Bilder aus Afghanistan um den Globus, zuerst von den Angriffen und später
von Leichen und weinenden Frauen. Sie lassen in der arabischen Welt die
alten Deutungsmuster wieder hochkommen, die Amerika als selbstsüchtigen
Cowboy interpretieren, der in fremden Ländern Krieg führt. Informationen strategisch zu nutzen heißt gerade nicht, die Kanäle
zu zerstören - weder mit Bomben noch mit Störsendern, Hackern oder
Zensur. Der infowar-Vordenker John Arquilla, der seit Jahren das
Pentagon in diesen Fragen berät, warnt vor solchen Fehlern.
Informationskrieg bedeutet für ihn, die andere Seite zu verstehen und,
daran anknüpfend, die eigene Sicht der Dinge zu kommunizieren. Das
Fernsehen kann hier eine wichtige Funktion übernehmen - ähnlich wie früher
diplomatische Vertretungen. Nachdem das US-Außenministerium noch kurz
vor Beginn der Angriffe auf Afghanistan versuchte, Al-Jazeera schließen
zu lassen, hat man in der Zwischenzeit offenbar dazugelernt. Das Weiße
Haus signalisierte, dass der Präsident interessiert sei, dem Sender ein
Interview zu geben. Vielleicht liegt hierin eine Chance, die
Informationssphäre nicht als Raum des Kriegs, sondern der Verständigung
anzusehen. In einem solchen Interview wäre George W. Bush nämlich
gezwungen, die arabische Version der Wahrheit wenigstens zur Kenntnis zu
nehmen. Tony Blair hat ihm da eine Erfahrung voraus. Als er Al-Jazeera
vor wenigen Tagen ein Interview gab, behauptete Blair, er lese den
Koran. Der Autor ist Geschäftsführer der Forschungsgruppe
Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (www.fogis.de) in
Berlin.
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