Am 15. September 2009 veröffentlichte die »Untersuchungskommission
der Vereinten Nationen für den Gaza-Konflikt« einen umfangreichen
Bericht über den Gaza-Krieg 2008/2009. Der unter Federführung des
südafrikanischen Richters Richard Goldstone verfaßte Report dokumentiert
zahlreiche Kriegsverbrechen gegen Zivilisten, die die israelische Armee
während der »Operation Gegossenes Blei« begangen hatte. Auch der
palästinensischen Organisation Hamas werden in dem Bericht Angriffe
gegen zivile Ziele angelastet. Angesichts der Kriegsrealität richtet
sich die Kritik jedoch vor allem an die israelische Seite, die ihre
Ablehnung dann auch in diversen regierungsoffiziellen Erklärungen
kundtat. So diffamierte Israels Präsident Schimon Peres Goldstone als
»unbedeutenden und unwissenden Juristen«, Kommentatoren sprachen von
»Antisemitismus«, und die große israelische Abendzeitung Maariv schrieb:
»Goldstone– ein Verbrecher«.
Der Goldstone-Bericht, über den in der UN so heftig gestritten wird,
erscheint in diesen Tagen im Melzer Verlag in deutscher Übersetzung. Der
Bericht wurde von 20 freiwilligen Volontären aus den verschiedensten
Berufen übersetzt und von zwei professionellen Lektoren bearbeitet. Er
erscheint weltweit zum ersten Mal als Buch – bisher konnte man die
englische Originalfassung nur im Internet lesen.
Exklusiv für diese Ausgabe verfaßte der israelische Historiker Ilan
Pappe ein Vorwort, das wir, gekürzt um die Fußnoten, in zwei Teilen
veröffentlichen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung
zum Vorabdruck.
Der Gazastreifen nimmt kaum mehr als zwei Prozent des historischen
Palästina ein. Dieses kleine Detail findet weder sonst in den
Nachrichten Erwähnung, noch war dies der Fall während des israelischen
Überfalls auf Gaza im Januar 2009. Er ist in der Tat ein so kleiner Teil
des Landes, daß er nie als separate Region existierte. Gazas Geschichte
vor der Zionisierung Palästinas war keine besondere, und sie war
administrativ und politisch immer verbunden mit dem großen Rest
Palästinas. Bis 1948 war der Streifen in jeder Hinsicht ein integraler
und natürlicher Teil des Landes. Als eines der wichtigsten Tore
Palästinas zur Welt – zum Land und zum Meer hin – entwickelte er eine
eher flexible und weltoffene Lebensart, nicht unähnlich anderen
kosmopolitischen Gesellschaften des östlichen Mittelmeerraums in der
Neuzeit. Die Lage am Meer und an der antiken Via Maris nach Ägypten und
Libanon brachte Wohlstand und Stabilität, bis dieses Leben 1948 durch
die ethnische Säuberung Palästinas durch Israel jäh unterbrochen und
fast zerstört wurde.
Zwischen 1948 und 1967 wurde Gaza ein riesiges Flüchtlingslager, dessen
Bewohner durch die Politik Israels und Ägyptens starken Beschränkungen
unterworfen waren: Beide Staaten unterbanden jede Ausreise aus dem
Streifen. Die Lebensbedingungen waren schon damals sehr hart, als die
Opfer der israelischen Politik der Vertreibung die Zahl der Einwohner,
die seit Jahrhunderten dort gelebt hatten, verdoppelten. Am Vorabend der
israelischen Besetzung von 1967 war die erzwungene demographische
Transformation überall in Gaza unübersehbar. Der einst idyllische
Küstenstreifen wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten eine der dichtest
besiedelten Gegenden der Welt, ohne eine entsprechende, sie tragende
Wirtschaftsstruktur.
Zwischen 1948 und 1967 war der Streifen eine abgeriegelte Kriegszone. In
den ersten zwanzig Jahren israelischer Besatzung nach 1967 war zumindest
eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit aus dem Streifen hinaus möglich.
Zehntausende Palästinenser bekamen als ungelernte und billige
Arbeitskräfte Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt. Der Preis, den
Israel für diesen Sklavenmarkt verlangte, war der vollständige Verzicht
auf nationale Bestrebungen oder Ambitionen. Als man sich nicht fügte,
wurde das »Geschenk« der Arbeitskraftwanderung widerrufen und
abgeschafft. All die Jahre bis zum Oslo-Abkommen von 1993 waren
gekennzeichnet durch das israelische Bemühen, den Gazastreifen zu einer
Enklave zu machen, von der das Friedenslager hoffte, daß sie autonom
oder Teil Ägyptens sein würde, während das nationalistische Lager sie
zum Teil des größeren Eretz Israel machen wollte, das es anstelle
Palästinas zu errichten träumte.
Das Oslo-Abkommen ermöglichte es Israel, den Status des Gazastreifens
als einer separaten geopolitischen Entität festzuschreiben – die sich
nicht nur außerhalb Palästinas als Ganzem sondern auch abgeschnitten vom
Westjordanland wiederfand. Gazastreifen wie Westjordanland befanden sich
scheinbar unter der Hoheit der Palästinensischen Autonomiebehörde, aber
jede Bewegungsmöglichkeit zwischen ihnen hing von Israels gutem Willen
ab – den Israel selten an den Tag legte, der beinahe völlig verschwand,
nachdem Benjamin Netanyahu 1996 an die Macht gekommen war. Darüber
hinaus kontrollierte Israel, und tut dies bis zum heutigen Tage, die
Wasser- und Elektrizitätsinfrastruktur. Seit 1993 nutzte Israel seine
Machtposition – oder vielmehr mißbrauchte sie –, um auf der einen Seite
das Wohlergehen der jüdischen Siedlergemeinschaft in Gaza
sicherzustellen, und auf der anderen Seite, die palästinensische
Bevölkerung zur Unterwerfung und zur Aufgabe zu erpressen. Die Menschen
in Gaza waren so in den letzten 60 Jahren mal Internierte, mal Geiseln,
mal Gefangene in einem unerträglichen Lebensraum.
Eskalation israelischer Politik
Es ist genau dieser historische Kontext, in den wir das Massaker vom
Januar 2009 und die Gewalt, die in Gaza in den letzten fünf Jahren
gewütet hat, stellen müssen. Die Gewalt ging nicht nur von den Israelis
aus. Ein gehöriger Teil der Kämpfe fand kurzzeitig zwischen den
Palästinensern selbst statt, obwohl man sagen muß, daß es – angesichts
der israelischen Besatzung und Politik – weit weniger interne Gewalt
gibt, als unter solchen Umständen zu erwarten wäre. Diese interne
Entwicklung ist ein Nebenaspekt des sehr viel wichtigeren Problems der
israelischen Gewaltanwendung gegenüber dem Gazastreifen.
Wenn wir vom Jahr 2009 aus zurückschauen, sehen wir klarer als je zuvor
das Irreführende der Definition der israelischen Aktionen als »Krieg
gegen den Terror«, der sich gegen einen lokalen Zweig von Al-Qaida
richte und der das gefährliche Vorrücken des Iran in diesem Teil der
Welt oder in der Arena des gefürchteten Kampfs der Kulturen abwehren
solle.
Die Ursprünge der vor allem durch Gewalt bestimmten Geschichte Gazas
liegen woanders. Die jüngste Geschichte des Streifens – 60 Jahre
Vertreibung, Besatzung und Einkerkerung – produzierte unvermeidlich
interne Gewalt, wie wir sie in den vergangenen vier Jahren erlebt haben,
so wie sie unter solch entsetzlichen Bedingungen andere unerträgliche
Lebensumstände produziert.
In der Tat, wenn wir einen näheren Blick auf die der »Operation
Gegossenes Blei« vorangegangenen fünf Jahre werfen, läßt sich eine
zuverlässige Analyse der Motivation erstellen, die 2009 zur
Gewaltanwendung gegenüber den Palästinensern führte. Es gibt zwei
historische Zusammenhänge für das, was im Januar dieses Jahres in Gaza
geschah. Einer würde uns zurück zur Gründung des Staates Israel führen,
dann über die Besetzung des Streifens durch Israel 1967 bis hin zum
Oslo-Abkommen von 1993. Diese Langzeitperspektive wird hier nicht
präsentiert. Ich möchte die Leser, was diesen Aspekt betrifft, auf mein
Buch »Die ethnische Säuberung Palästinas« verweisen. Die zweite
Perspektive ist diejenige, die hier vorgestellt wird: die Eskalation der
israelischen Politik, die mit den Ereignissen von 2009 zu ihrem
Höhepunkt kam.
Die Ideologie der ethnischen Säuberung, die 1948 als das entscheidende
Mittel zur Realisierung des Traums von einem sicheren und
demokratischen, jüdischen Staat umgesetzt wurde, führte 1967 zur
Besetzung des Gazastreifens, die bis 2005 andauerte, als Israel sich
angeblich zurückzog. Gaza wurde schon 1994 mit einem elektrischen Zaun
umgeben, als Teil der Vorbereitung auf einen Friedensschluß mit den
Palästinensern und wurde im Jahr 2000 zum Ghetto, als der Friedensprozeß
für tot erklärt wurde. Die Entscheidung der Bevölkerung Gazas, dieser
Einsperrung mit gewaltsamen und gewaltlosen Mitteln zu widerstehen,
konfrontierte die militärische und politische Elite Israels mit einem
neuen Dilemma. Sie ging davon aus, daß die Einkerkerung der
Gaza-Bewohner in einem riesigen Gefängnis das Problem langfristig lösen
würde. Diese Annahme erwies sich jedoch als falsch. Also hielt man
Ausschau nach einer neuen Strategie.
Der Goldstone-Bericht macht deutlich, was die Israelis in Gaza
anrichteten. Allerdings enthüllt selbst er nicht das ganze Ausmaß des
schrecklichen Gemetzels, das dort geschah. In der folgenden Erörterung
versuche ich zu erklären, warum die Israelis so handelten, wie sie es
taten.
2004: Die Attrappenstadt
Im Jahr 2004 begann die israelische Armee, in der Negev-Wüste die
Attrappe einer arabischen Stadt zu errichten. Sie hatte die Größe einer
realen Stadt, mit Straßen (alle mit Namen versehen), Moscheen,
öffentlichen Gebäuden und Autos. Errichtet für 45 Millionen Dollar,
wurde diese Phantomstadt, nachdem die Hisbollah Israel zum Rückzug im
Norden gezwungen hatte, im Winter 2006 zu einem Ersatz-Gaza, damit sich
die IDF (Israeli Defense Forces), die israelischen
»Verteidigungskräfte«, auf einen »erfolgreicheren Krieg« gegen die Hamas
im Süden vorbereiten konnte.
Als der israelische Generalstabchef, Dan Halutz, den Ort nach dem
Libanon-Krieg aufsuchte, sagte er der Presse, daß sich die Soldaten »auf
das Szenario vorbereiten, das sie in der dichtbesiedelten
Bevölkerungsstruktur von Gaza-Stadt vorfinden werden«. Eine Woche nach
Beginn des Bombardements wohnte Verteidigungsminister Ehud Barak einer
Übung für die Bodenoffensive bei. Ausländische Fernsehteams filmten ihn,
während er die Bodentruppen beobachtete, wie sie die Kulissenstadt
eroberten, die leeren Häuser stürmten und zweifelsohne die »Terroristen
liquidierten«, die sich dort versteckten.
Die israelische Menschenrechtsorganisation »Breaking the Silence« (»Das
Schweigen brechen«) veröffentlichte 2009 einen Bericht über die
Erlebnisse ihrer Mitglieder, Reservisten und anderer Soldaten, während
der »Operation Gegossenes Blei« – so wurde der Angriff von der Armee
genannt. Der Kern der Zeugenaussagen war, daß die Soldaten den Befehl
bekommen hatten, Gaza anzugreifen, als ob sie massive feindliche Linien
angreifen würden: dies ergab sich aus der eingesetzten Feuerkraft, dem
Fehlen jeglicher Befehle oder Vorkehrungen für das Verhalten innerhalb
einer zivilen Umgebung und dem synchronisierten Vorgehen zu Lande, von
der See und aus der Luft. Zum Schlimmsten gehörten die sinnlose
Zerstörung von Häusern, das Beschießen von Zivilisten mit
Phosphorgranaten, die Tötung von unschuldigen Zivilisten mit leichten
Waffen und vor allem die Befehle von Kommandeuren, ohne moralische
Skrupel vorzugehen. »Man kommt sich vor wie ein kleines Kind mit einem
Brennglas, das Ameisen quält und sie verbrennt«, bezeugte ein Soldat.
Kurzum: Sie vollzogen die totale Zerstörung der wirklichen Stadt, so wie
sie es bei der Kulissenstadt geübt hatten.
2005: »Operation Erster Regen«
Die Militarisierung der israelischen Politik gegenüber dem
Gazastreifen begann 2005. In jenem Jahr wurde Gaza in der offiziellen
israelischen Sichtweise zum militärischen Zielobjekt, als wenn es eine
riesige feindliche Basis wäre und nicht etwa ein ziviles
Bevölkerungszentrum. Gaza ist eine Stadt wie andere Städte in der Welt
auch, und dennoch wurde sie für die Israelis eine Attrappenstadt, an der
Soldaten mit den neuesten und höchstentwickelten Waffen
herumexperimentierten. Diese Politik wurde ermöglicht durch die
Entscheidung der israelischen Regierung, die jüdischen Siedler, die den
Gazastreifen seit 1967 kolonisierten, abzuziehen. Die Siedler wurden
angeblich entfernt als Teil, so verlautbarte die Regierung, einer
Politik des einseitigen Rückzugs. Das Argument lautete: Da es keinen
Fortschritt bei den Friedensgesprächen mit den Palästinensern gab, war
es jetzt an Israel zu entscheiden, wie seine endgültigen Grenzen zu den
palästinensischen Gebieten aussehen sollten.
Aber die Dinge entwickelten sich nicht so wie erwartet. Dem Abzug der
Siedler folgte die Machtübernahme durch die Hamas, zunächst in
demokratischen Wahlen (2006), dann durch einen Präventivschlag, um die
von Amerikanern und Israelis unterstützte Machtübernahme durch die Fatah
zu verhindern (2007). Die unmittelbare israelische Antwort war die
ökonomische Blockade des Streifens, die von der Hamas durch den
Raketenbeschuß der nächstgelegenen israelischen Stadt, Sderot, vergolten
wurde. Dies gab Israel den Vorwand, seine Luftwaffe, Artillerie und
Kanonenboote einzusetzen. Israel behauptete, die Raketenabschußorte zu
beschießen, aber in der Praxis schloß dies keinen Ort im Gazastreifen
aus.
Die Menschen in ein Gefängnis sperren und die Schlüssel ins Meer werfen
– so bezeichnete der UN-Sonderberichterstatter John Dugard dies–, war
eine Option, auf die die Palästinenser in Gaza schon im September 2005
mit Gewalt reagierten. Sie waren entschlossen, zumindest darauf
hinzuweisen, daß sie immer noch Teil des Westjordanlandes und Palästinas
sind. In diesem Monat schossen sie zum ersten Mal eine – von der
Quantität, nicht der Qualität her – signifikante Zahl von Raketen in die
Negev-Wüste, was zumeist Gebäudeschäden, aber sehr selten Todesfälle
verursacht. Die Ereignisse in diesem Monat verdienen eine genauere
Darstellung, denn die Reaktion der Hamas hatte zuvor in einem sehr
sporadischen Raketenbeschuß bestanden. Der Beschuß im September 2005 war
die Antwort auf eine israelische Verhaftungswelle, die Aktivisten der
Hamas und des Islamischen Dschihads betraf. Man konnte sich des
Eindrucks nicht erwehren, daß die Armee eine Hamas-Reaktion provozieren
wollte, die es Israel wiederum erlauben würde, seine Angriffe zu
eskalieren. Und in der Tat, das, was folgte, war eine Politik der
massiven Tötungen, die erste dieser Art, genannt »Erster Regen«. Es
lohnt sich, einen Moment bei der Art dieser Operation zu verbleiben. Der
Diskurs, der mit ihr einherging, war der einer Bestrafung, und diese
ähnelte Strafmaßnahmen, die in einer entfernteren Vergangenheit von den
Kolonialmächten und in einer jüngeren von Diktaturen gegen
eingeschlossene, rebellische oder unter Bann gelegte Bevölkerungsgruppen
durchgeführt wurden. Eine erschreckende Demonstration repressiver Gewalt
endete mit einer hohen Zahl von Toten und Verwundeten unter den Opfern.
Während der »Operation Erster Regen« wurde die gesamte Bevölkerung durch
Überschallflüge terrorisiert, gefolgt von schwerem Bombardement weiter
Gebiete von Land, See und aus der Luft. Die dahinterstehende Logik, so
erklärte die Armee, war es, Druck zu erzeugen, um die Unterstützung der
Bevölkerung für diejenigen zu schwächen, die Raketen abfeuerten. Wie zu
erwarten war, auch von den Israelis, erhöhte die Operation nur die
Unterstützung für den Raketenbeschuß und befeuerte diejenigen, die sie
abschossen.
Rückblickend und angesichts der Erklärung der Kommandeure, daß die Armee
sich lange auf die »Operation Gegossenes Blei« vorbereitet habe, scheint
es durchaus möglich, daß es die eigentliche Absicht dieser besonderen
Aktion (»Erster Regen«) war, ein Experiment durchzuführen. Falls die
israelischen Generäle dabei herausfinden wollten, wie solche Operationen
im eigenen Land, in der Region und in der Welt ankommen, scheint die
unmittelbare Antwort »sehr gut« zu sein. Niemand nämlich interessierte
sich für die Dutzenden von Toten und Hunderten von Verwundeten, die
zurückblieben, nachdem der »Erste Regen« vorbeigezogen war.
Und vom »Ersten Regen« bis zum Juli 2006 liefen alle folgenden
Operationen nach demselben Strickmuster ab. Der Unterschied war allein
einer der Intensität: mehr Feuerkraft, mehr Opfer, größere »Kollateralschäden«
und – erwartungsgemäß – mehr Qassam-Raketen als Antwort. All dies
Begleitmaßnahmen zur Absicherung der totalen Einkerkerung der
Bevölkerung im Jahr 2006 durch Boykott und Blockade, während die Welt
schwieg.
2006: Gaza-Kompensation
Panzergranaten, Bombardierung aus der Luft und von der See und
brutale Einfälle waren 2006 an der Tagesordnung. Aber als Israel an
einer anderen Front eine Niederlage erlitt, im Süden Libanons im Sommer
2006, intensivierte die Armee ihre Strafmaßnahmen gegen anderthalb
Millionen Menschen, die auf den dichtest bevölkerten 40
Quadratkilometern der Welt leben, noch einmal. Die Politik Israels
unmittelbar nach der Niederlage in Süd-Libanon wurde noch gewalttätiger
und erbarmungsloser. Die Art der Waffen, die Israel einsetzte –
1000-Kilo-Bomben, Panzerfahrzeuge, Raketen aus der Luft, Granaten vom
Meer her gegen zivile Gebiete –, war nicht gedacht um abzuschrecken, zu
verwunden oder zu warnen. Sie sollte töten.
Es konnte nicht überraschen, daß die Reaktion der Hamas immer
verzweifelter wurde. Einige Beobachter, innerhalb wie außerhalb Israels,
schrieben die Eskalation dem Wunsch zu, deutlich zu machen, daß die
israelische Armee sich nach der Demütigung, die ihr durch die Hisbollah
im Libanon zugefügt wurde, sofort wieder erholt hatte. Die Armee mußte
ihre Überlegenheit und ihre Abschreckungskraft beweisen, die allein – so
glaubt sie – die Garantie für das Überleben des jüdischen Staats in
einer feindlichen Welt bietet. Die islamische Natur von Hamas wie
Hisbollah und eine angebliche, frei erfundene Verbindung beider mit
Al-Qaida, ermöglichte es der Armee, Israel als Speerspitze eines
globalen Kriegs gegen den islamischen Dschihad in Gaza zu porträtieren.
Während der Amtszeit von George W. Bush akzeptierte sogar die
amerikanische Regierung das Töten von Frauen und Kindern als Teil dieses
heiligen Krieges gegen den Islam.
Der schlimmste Monat jenes Jahres war der September, als dieses neue
Muster in der israelischen Politik offensichtlich wurde. Fast täglich
wurden Zivilisten von der Armee getötet. Der 2. September war dafür
typisch. Drei Zivilisten wurden getötet und eine ganze Familie
verwundet. Das war die morgendliche Ausbeute. Am Ende des Tages waren
sehr viele mehr getötet. Im Schnitt starben in jenem Monat acht
Palästinenser pro Tag durch israelische Angriffe auf den Gazastreifen.
Viele von ihnen waren Kinder. Hunderte wurden verstümmelt, verwundet,
gelähmt.
Das systematische Töten hatte mehr als alles andere den Anschein des
Gewohnheitsmäßigen und zwar aufgrund des Fehlens einer klaren Politik.
Die israelische Führung schien im September 2006 nicht zu wissen, was
sie mit Gaza anfangen sollte. Wenn man ihre Verlautbarungen zu der Zeit
liest, drängt sich einem die Vermutung auf, daß die Regierung jenes
Jahres sich ihrer Politik gegenüber dem Westjordanland ziemlich sicher
war; aber dies galt nicht für den Gazastreifen. Die Regierung nahm das
Westjordanland, anders als Gaza, als einen offenen Raum wahr, zumindest
auf seiner östlichen Seite. Von daher glaubte sich Israel berechtigt –
im Namen einer Strategie, die der damalige Premierminister Ehud Olmert
als »Ernteeinbringung« bezeichnete –, einseitige Aktionen zu
unternehmen, da es im Friedensprozeß keinen Fortschritt gab. In der
Praxis bedeutete dies, daß die israelische Regierung sich offensichtlich
vorstellte, die Teile des Westjordanlandes, die sie begehrte – mehr oder
weniger die Hälfte –, zu annektieren und den Versuch zu unternehmen, die
indigene Bevölkerung zu vertreiben oder sie zumindest in Enklaven
einzusperren, während sie der anderen Hälfte des Westjordanlandes zu
erlauben gedachte, sich in einer Weise zu entwickeln, die israelische
Interessen nicht gefährden würde (entweder durch die Herrschaft einer
gefügigen palästinensischen Regierung oder durch eine direkte
Vereinigung mit Jordanien). Dies erwies sich als Trugschluß, der aber
dennoch die begeisterte Zustimmung der meisten Juden im Lande gewann,
als Olmert ihn zum entscheidenden Teil seines Wahlkampfs machte.
Diese Strategie war jedoch nicht auf den Gazastreifen übertragbar.
Ägypten gelang es – im Gegensatz zu Jordanien –, die Israelis schon 1967
davon zu überzeugen, daß der Gazastreifen für das Land eine Belastung
wäre und niemals Teil Ägyptens sein würde. Also blieben die anderthalb
Millionen Palästinenser ein Problem unter israelischer Verantwortung.
Obwohl der Streifen geographisch am Rande Israels liegt, befand er sich
noch 2006 – psychologisch gesehen – genau in dessen Zentrum.
Die unmenschlichen Lebensbedingungen in Gaza machten es der Bevölkerung
unmöglich, sich mit der Einsperrung, die Israel ihr seit 1967 zugemutet
hatte, abzufinden. Es gab durchaus bessere Perioden, als der Zugang zum
Westjordanland und nach Israel zwecks Arbeit erlaubt war, aber diese
besseren Zeiten waren 2006 vorbei. Der Zugang zur Außenwelt war erlaubt,
solange jüdische Siedler im Gazastreifen lebten, aber kaum waren sie
abgezogen, wurde Gaza hermetisch abgeriegelt. Ironischerweise hielten
die meisten Israelis, so Meinungsumfragen, Gaza für einen unabhängigen
palästinensischen Staat, dessen Entstehung Israel großzügigerweise
gestattet hatte. Die Führung und insbesondere die Armee sahen Gaza als
ein Gefängnis mit höchst gefährlichen Insassen an, mit denen man auf die
ein oder andere Weise fertig werden mußte.
Die herkömmliche israelische Politik der ethnischen Säuberung, der 1948
die Hälfte der Bevölkerung Palästinas und 1967 Hunderttausende
Palästinenser des Westjordanlandes erfolgreich unterworfen wurden, war
in bezug auf Gaza nicht durchsetzbar.
Aus dem Englischen von Jürgen Jung
Abraham Melzer (Hg.): »Goldstone-Bericht« - Bericht der
Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza-Konflik.
Melzer Verlag, Neu-Isenburg 2010, 816 Seiten, 25 Euro* Semit edition,
ISBN 978-3-9813189-4-4, auch im jW-Shop erhältlich