27.4.2003
IMI-Standpunkt 2003/043, ISSN: 1611-2725, in: junge Welt vom
26.04.2003
Global Player Bundeswehr
Entwurf der Verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem
Hause Struck: Weltweite Terroristenjagd
Eigentlich wollte Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) sie erst im Mai
offiziell vorstellen: seine neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien (VPR).
Der Welt wurde derweil schon jetzt ein 21seitiger Entwurf zugespielt. Auszüge
daraus veröffentlichte die Zeitung am Freitag. Kernaussage: Struck will die
Bundeswehr in Zukunft nicht nur weltweit auf Jagd nach Terroristen schicken,
sondern entsprechende Kräfte auch zur Terrorbekämpfung im Inland
bereitstellen.
Wie erwartet, taucht in dem Text auch das Konzept des Präventivkriegs auf. In
den VPR wird die frühzeitige Anwendung militärischer Maßnahmen zur
politischen Krisenvorsorge gegenüber nichtstaatlichen Akteuren und Terroristen
angedroht. Das ist übersetzt: Vorbeugender Angriff auf Verdacht ohne
unmittelbaren Anlaß. Die Ablehnung des Irak-Krieges durch die deutsche
Regierung hat also erwartungsgemäß nichts mit der besonderen deutschen
Friedensliebe zu tun. Die Ablehnung dieses Krieges ist wesentlich erklärbar
durch andere Interessen Deutschlands in der Region. Das Grundprinzip des
Irak-Krieges, das des Präventivschlags, hält die Bundesregierung offenkundig für
legitim, wie der VPR-Entwurf belegt.
Zum Einsatz der Bundeswehr im Innern heißt es unter anderem, zum Schutz der Bevölkerung
vor »terroristischen und asymmetrischen Bedrohungen« werde die Bundeswehr »Kräfte
und Mittel entsprechend dem Risiko« bereithalten. »Auch wenn dies vorrangig
eine Aufgabe für Kräfte der inneren Sicherheit ist, werden die Streitkräfte
immer dann zur Verfügung stehen, wenn nur sie über die erforderlichen Fähigkeiten
verfügen«. Dieser geplante umfangreiche Einsatz im Innern ist wie die präventive
Gefahrenabwehr ein Bruch des Grundgesetzes. Der Wachdienst der Bundeswehr bei
den US-Militärstandorten in Deutschland steht hier Pate.
Die Notwendigkeit der Wehrpflicht wird in dem Text unter anderem folgendermaßen
herausgestellt: »Der Schutz Deutschlands einschließlich der Befähigung zur
Rekonstitution sowie die eventuelle Unterstützung bei Naturkatastrophen oder
besonders schweren Unglücksfällen begründen auch künftig die allgemeine
Wehrpflicht.«
»Die Landesverteidigung im Bündnisrahmen gegen konventionelle Angriffe als die
bisher maßgeblich strukturbestimmende Aufgabe der Bundeswehr entspricht nicht
mehr den sicherheitspolitischen Erfordernissen«, heißt es im VPR-Entwurf.
Damit wird offiziell Abschied genommen vom Grundgesetz, in dem es heißt: »Der
Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.« Das Verteidigungsministerium
erklärt weiter: »Die bisher ausschließlich für die Landesverteidigung gegen
einen konventionellen Angreifer vorgehaltenen Fähigkeiten werden angesichts des
neuen internationalen Umfeldes nicht länger benötigt. Sie können zudem
angesichts der knappen, zur Schwerpunktbildung zwingenden Ressourcenlage nicht
mehr erbracht werden, ohne daß sich dies nachteilig auf die künftig
erforderlichen Fähigkeiten auswirkt.« Weitere Standortschliessungen zugunsten
einer fast ausschließlichen Konzentration auf Auslandseinsätze sind damit
angekündigt.
Künftige Einsätze, heißt es weiter, lassen sich »weder hinsichtlich ihrer
Intensität noch geographisch eingrenzen«. Der politische Zweck bestimme »Ziel,
Ort, Dauer und Art eines Einsatzes«. Schnell einsatzfähige Truppen sind das
Ziel, mit den im Entwurf so genannten »Operationen mit hoher Intensität« können
nur Aktionen des Kommandos Spezialkräfte oder der Division Spezialoperationen (DSO)
gemeint sein.
Die Welt lobt Struck dafür, daß in dem Papier gleich mehrfach die Bedeutung
der NATO unterstrichen und die USA als zentraler Bündnispartner genannt werden.
»Ohne die Vereinigten Staaten von Amerika kann es auch künftig keine
Sicherheit in und für Europa geben«, heißt es da, und: »Die transatlantische
Partnerschaft verlangt einen angemessenen deutschen Beitrag, um gemeinsam die
neuen Herausforderungen in und um Europa bewältigen zu können.« Die letzte
Formulierung deutet die Schwerpunktverschiebung in Richtung einer Militärmacht
EU an, wie sie unter anderem mit dem deutsch-französisch-belgischen
Sondergipfel am kommenden Dienstag auf den Weg gebracht werden soll.
Zur Terrorbekämpfung wird im Entwurf erklärt: »Die Bundeswehr bekämpft
weltweit operierende Terrororganisationen und trägt dazu bei, ihnen sichere Rückzugsgebiete
zu entziehen und Seeverbindungswege zu sichern.« Als besondere Gefahr für die
westliche Zivilisation werden »religiöser Extremismus und Fanatismus«
genannt. Dieser Satz nach dem Irak-Krieg gelesen, zeigt die Doppelbödigkeit
westlicher Politik. Der Balkan wird als europäischer Einflußbereich definiert:
»Die fortdauernd labile Sicherheitslage auf dem Balkan erfordert weiterhin das
besondere Engagement gerade der europäischen Nationen.«
Im nächsten Monat soll Strucks Richtlinienentwurf im Bundeskabinett beraten
werden.