Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich die industrielle Welt in
wichtigsten Bereichen grundlegend. Technische Umwälzungen und
revolutionäre Innovationen, moderne Verfahren und Werkstoffe setzten
sich durch: im Maschinen- und Fahrzeugbau, in der Chemischen Industrie,
in Energiewirtschaft und Verkehrswesen. Eine Neuerung war darunter,
zuerst weniger beachtet, sogar unterschätzt, deren Wirkungen heute
weltweit so gut wie jeden Menschen existentiell betreffen und viel Stoff
zum Nachdenken – und zu wachsender Besorgnis bieten. In den letzten
Jahrzehnten des Jahrhunderts entstand als völlig neuer Zweig der
kapitalistischen Großindustrie die Erdölindustrie. Diese Industrie –
Förderung, Verarbeitung, Transport und Verteilung von Öl und allen
seinen Derivaten – hat sich über die ganze Erde ausgebreitet, ist zum
Musterbeispiel eines Global Player geworden und hat zur völligen
Neugestaltung großer Teile der Industrie und der weltwirtschaftlichen
Beziehungen geführt. Das Erdöl ist zum Weltrohstoff Nummer eins
geworden, und es sind die gewaltigsten Industriegebilde, die die
Herrscher über diesen Stoff sind. Fünf der zehn umsatzgrößten
Unternehmen der Welt sind heute Ölkonzerne.
Gleichzeitig mit dem Beginn des Erdölzeitalters begann das Zeitalter
des Imperialismus, das heißt der monopolisierten und globalisierten Spätform
des Kapitalismus; gekennzeichnet durch die Suche des großen Kapitals
nach ausbeutbaren Reichtümern auf dem ganzen Erdball. Charakteristisch
waren von nun an die weltweite Konkurrenzjagd und der erbitterte Kampf
um solche Reichtümer. Damit einher ging die Rücksichtslosigkeit gegen
die erschöpfbaren Ressourcen. So auch beim Öl.
Ein Zeichen von übler Vorbedeutung: Es waren zwei Weltkriege, vom
Imperialismus gezeugt, in denen zuerst die Unentbehrlichkeit des Öls
als Kriegsmittel (Marine, Luftstreitkräfte, Heer) und dann seine
Eigenschaft als wichtiges Kriegsziel entdeckt wurde. Lord George Curzon
(1859–1925), der stockkonservative Brite, Mitglied des britischen
Kriegskabinetts und späterer Außenminister, prägte im November 1918
das bekannte Wort, daß die Alliierten »auf einer Woge von Öl zum Sieg
geschwemmt« worden seien. Und im Zweiten Weltkrieg scheiterte der
deutsche Imperialismus damit, die Niederlage von 1918 rückgängig und
Deutschland zur ersten Weltmacht, vor allem auch zu einer Erdölgroßmacht
zu machen.
Vom Segen zum Fluch
Heute ist das Öl, dieses »Blut der Weltwirtschaft«, endgültig im
Begriff, vom Segen zum Fluch für die Menschen zu werden. Sein Fluch
sind vor allem die imperialistische Aneignung und Anwendung der Ölreichtümer
mit all ihren Implikationen: die Ausbeutung der übrigen Welt durch die
Ölgroßmächte, die blutigen, immer zahlreicheren Kriege und Massaker,
deren wirtschaftlicher Hintergrund immer unverhüllter der Kampf um die
Beherrschung der Ölquellen ist (drei Golfkriege; vier
israelisch-arabische Kriege in wenigen Jahrzehnten), Bürgerkriege
(Nigeria; heute Sudan), Gewaltandrohung (Libyen), Staatsstreiche (Iran,
Venezuela), gezielte Morde (Nigeria); die Stützung übler Diktaturen,
die sich durch Korruption, schamlose Bereicherung weniger, Verhöhnung
des Völkerrechts und der Menschenrechte hervortun. Ferner ist es die rücksichtslose
Verschwendung der Naturressource Erdöl durch die Großmächte, voran
die USA, die das Versiegen dieser Ressource noch in der Generation
unserer Kinder und Enkel ganz naherückt und einen Kollaps der
Weltwirtschaft heraufbeschwört. Und schließlich wird unser natürlicher
Lebensraum gefährdet, zerstört und von Umweltkatastrophen bedroht:
durch die Ölförderung selbst (Alaska; Nigeria; Schelfe der Meere),
durch den rücksichtslosen Verbrauch (CO2-Emission durch Verbrennung;
Schwefel- und Chemierückstände), durch Tankerunfälle, Pipelinelecks,
Meeresverschmutzung.
Das Ende des Erdölzeitalters steht unwiderruflich bevor. Darüber muß
Klarheit herrschen. Die Rechnung wird aufgemacht mit den Zahlen der
Weltförderung, des Weltverbrauchs und der Weltreserven an Öl. Die jährliche
Weltförderung betrug am Anfang des 20. Jahrhunderts (1910) 20 Millionen
Tonnen, heute dagegen (2003) 4200 Millionen Tonnen (1940 = 300 Mill. t;
1980= 3000 Mill. t). Hauptproduzenten sind Saudi-Arabien, Rußland mit
GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Zusammenschluß der
verschiedenen Nachfolgestaaten der UdSSR), USA (hauptsächlich außerhalb
ihres eigentlichen Territoriums: Alaska; Golf von Mexiko), Iran, Mexiko,
Venezuela. Die führenden Länder verbrauchen am meisten Öl, allen
voran die USA (25 Prozent), Rußland (mit GUS), Deutschland, Japan,
China/Hongkong …
Die Berechnungen der Weltreserven an Erdöl sind nicht unbedingt sicher
und ändern sich mitunter, werden aber auch gern optimistisch überhöht.
Es werden »sichere« und »wahrscheinlich gewinnbare Reserven«
unterschieden. Fest steht, daß über 60 Prozent der sicheren Reserven
im Nahen Osten liegen, 25 Prozent allein in Saudi-Arabien, ferner je
etwa zehn Prozent in Venezuela und in der GUS. Insgesamt sind es geschätzte
142 Milliarden Tonnen an sicheren Reserven, die bei Annahme des heutigen
Verbrauchs 35 bis maximal 40 Jahre reichen würden. Die »wahrscheinlich
gewinnbaren« Reserven, deren Gewinnung ganz sicher ungleich höhere
Kosten verursachen würde (z. B. in großer Tiefe, auch unter dem
Tiefseeboden liegend), sollen nach Schätzungen weitere 60 Jahre
reichen. Ganz unsicher ist es, wieviel Öl man danach noch mit enormen
Kosten aus ölhaltigem Gestein (Ölschiefer) und bituminösem Sand
gewinnen kann; diese »Chance« soll angeblich noch weitere 120 bis 130
Jahre bestehen.
Das heißt: Am Ende einer mehrtausendjährigen Geschichte – schon in
babylonischen Zeiten kannte und nutzte man aus der Erde austretendes Öl
– werden es nicht einmal 200 Jahre besinnungsloser Stoffverschwendung
und wilden Profitstrebens gewesen sein, die dem Erdöl als nutzbarer
Ressource den Garaus machten.
Nicht viel anders ist die Lage bei Erdgas. Erst nach dem Zweiten
Weltkrieg als weltweit gesuchter Rohstoff in Gebrauch gekommen, deckt
es, in Pipelines transportiert oder bei minus 162 Grad verflüssigt in
Tankschiffen, etwa 25 Prozent des Weltprimärenergiebedarfs. Erdgas wird
heute in der Größenordnung von 2,5 bis drei Billionen Kubikmeter gefördert
(1950 = ca. 180 Milliarden Kubikmeter). Hauptproduzenten sind die UdSSR/Rußland
und die USA, Hauptimporteure Japan und die BRD. Der Versorgung Europas
dienen zwei große Verbundnetze: eines von Westsibirien bis zum
Atlantik, das andere von der Nordsee bis Nordafrika. Vor allem wegen des
teuren Transports werden bisher nur etwa zwölf Prozent der geförderten
Menge international gehandelt. Je über 40 Prozent dienen der Heizung in
Haushalten/Gebäuden und der industriellen Verarbeitung, zehn Prozent
der Energiegewinnung in Kraftwerken. Die Erdgasreserven, von denen 32
Prozent in Rußland und 15 Prozent im Iran liegen, sollen nach Schätzungen
(2000) noch 62 Jahre reichen.
Die Jahre 1945 bis 1970
Die Jahre nach dem Krieg bis etwa 1970 waren eine bewegte Zeit, die in
der Welt des Erdöls, besonders im Nahen Osten, von höchst widersprüchlichen
Entwicklungstendenzen geprägt war. Bei dramatisch steigendem Weltölbedarf
verschob sich das Kräfteverhältnis sehr eindeutig zugunsten des
US-Imperialismus, der dort seine informelle Herrschaft unter Verdrängung
der britischen errichtete. Ins Zentrum des amerikanischen Erdölimperiums
rückte Saudi-Arabien, das erst in den 30er Jahren mit der Erdölförderung
begonnen und sich inzwischen unter der Ägide amerikanischer Ölgesellschaften
auf den ersten Platz in der Weltförderung emporgearbeitet hatte.
Zugleich begann in jenen Jahren eine Zeit antikolonialistischer
Bewegungen im Iran und in den arabischen Ländern, die ihre nationale
Souveränität zu erkämpfen und sich der ungehemmten Ausbeutung ihrer
natürlichen Ressourcen zu entziehen strebten.
Im Zweiten Weltkrieg war das Öl, das die USA mit großen Tankerflotten
millionentonnenweise nach Großbritannien und an seine Kriegsschauplätze
schickten, überlebenswichtig für die Briten, deren traditionelle
Zufahrtswege durch den Suez-Kanal und das Mittelmeer die Deutschen
direkt bedrohten. Schon 1943/44 begann die US-Regierung damit, dem
britischen Verbündeten eine »Ölrechnung« aufzumachen. Der
Hauptposten in dieser Rechnung war der Anspruch auf die Vorherrschaft über
das Öl des Vorderen Orients, die seit dem Ersten Weltkrieg in
britischen Händen gelegen hatte. Während der heftigen Verhandlungen
jener Zeit präsentierte US-Präsident Franklin D. Roosevelt dem
britischen Botschafter Earl of Halifax brutal die amerikanischen
Forderungen (18. Februar 1944): »Das persische Öl gehört Ihnen. Das
Öl im Irak und in Kuweit teilen wir uns. Und was das saudische Öl
betrifft, das gehört uns.« Ungefähr verfuhr man nach dieser
Orientierung, nur daß die USA und ihre führenden Konzerne noch
wesentlich mehr Boden gutmachten und zehn Jahre später die persischen
(iranischen) Ölvorkommen mittels eines neuen Konsortiums für die seit
einem halben Jahrhundert rein britische Anglo-Iranian Oil Company (AIOC)
dominierten.
Die britische Regierung hatte bisher den gesamten Nahen Osten einschließlich
Ägyptens, besonders aber den Persischen Golf, als ihre koloniale Domäne
und als strategisches Vorfeld zu Indien und zum Fernen Osten betrachtet.
Durch das rücksichtslose amerikanische Vorgehen mehr und mehr geschwächt,
erklärte sie aber schließlich 1971, sie werde ihre gesamte Militärpräsenz
östlich des Suez-Kanals zurückziehen. Das geschah und kam einem
politisch-strategischen Erdrutsch gleich.
Die antikolonialistische Bewegung in der Nahostregion begann 1951/53 im
Iran unter Ministerpräsident Mohammed Mossadegh, der die Erdölvorkommen
verstaatlichte. Die USA im Bunde mit den Briten reagierten sofort, ließen
Mossadegh mit Hilfe der CIA und des britischen Geheimdienstes MI6 stürzen,
setzten den inzwischen vor der Volksbewegung geflüchteten Schah wieder
ein (siehe Alexander Bahar, »Regime change im Iran«, jW-Thema vom
22.8.2006). Die Verstaatlichung rückgängig zu machen, wagten der Schah
und seine ausländischen Gönner zwar nicht, aber über das Öl
herrschte fortan (1954) das erwähnte neue Konzessionskonsortium, in dem
mehrere US-Konzerne die ehemals britische AIOC majorisierten. Die Ölförderung
blieb im wesentlichen in den gleichen, das heißt westlichen Händen,
die für die – jetzt allerdings immens wachsenden – Einkünfte der
iranischen Herrscherclique sorgten.
Ferner wurde ausnehmend brutal dort zugegriffen, wo die Nationalisierer
sich der Verbindung zur Sowjetunion verdächtig machten (Ägypten 1956
– Nationalisierung des Suez-Kanals; Umsturz im Irak 1963).
Durch Umsturz der monarchischen Ordnung und durch Verstaatlichung der Ölvorkommen
machte sich zuletzt 1969/70 Libyen von der chaotischen, rücksichtslosen
Ausbeutung seiner erst spät in den 50er Jahren entdeckten Ölreichtümer
frei; damals ein anfeuerndes Beispiel für andere OPEC-Staaten.
Revolutionsführer Muammar Al Ghaddafi betrachteten die USA lange Jahre
als einen ihrer Hauptfeinde, Libyen als »Schurkenstaat«, bombardierten
Tripolis, versenkten libysche Schiffe. Noch zu Ronald Reagans Zeiten, in
den 80er Jahren, scheint die CIA einen Staatsstreich gegen Ghaddafi
vorbereitet zu haben.
1978/79 traf die USA ein besonders empfindlicher Schlag. Im Iran wurde
der Schah gestürzt und – diesmal endgültig – vertrieben. Seit
Khomeini herrscht dort eine schiitisch-islamische Entwicklungsdiktatur,
die vorsichtig, nicht ohne Widerstreben der Mullahs, zivilisatorische
Fortschritte zuläßt, gestützt auf den Ölreichtum des Landes.
Seit 50 Jahren bekräftigen es die jeweiligen US-Präsidenten immer
wieder, daß die Vereinigten Staaten den Nahen Osten und die
amerikanischen Interessen dort auch militärisch schützen würden, sei
es »gegen eine bewaffnete kommunistische Aggression«
(Eisenhower-Doktrin 1957), sei es gegen Angriffe auf befreundete
Staaten, das hieß vor allem gegen Israel (Nixon-Doktrin 1973).
Umfassender formulierte es nach dem Khomeini-Umsturz die Carter-Doktrin
(»Rede zur Lage der Nation«, 23. Januar 1980): » Jeder Versuch, die
Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird mit allen zur Verfügung
stehenden Mitteln abgewehrt, inklusive militärischer Gewalt.«
OPEC – das weltgrößte Kartell
Im September 1960 einigten sich fünf ölexportierende Staaten in höchst
geheimen Verhandlungen auf die Bildung einer gemeinsamen kartellartigen
Förder- und Absatzorganisation: Venezuela, Saudi-Arabien, Iran, Irak,
Kuwait. Später schlossen sich die Vereinigten Arabischen Emirate,
Katar, Indonesien, Nigeria, Libyen, Algerien, zeitweise auch Ekuador und
Gabun an. Ein merkwürdiges und immer noch sehr einflußreiches Gebilde:
ein kapitalistisches Quoten- und Preiskartell damals fast ausschließlich
halbfeudaler und halbkolonialer Staaten zur Erzielung hoher und
dauerhafter Rentabilität ihrer Ölschätze. Der Anteil der OPEC (Organization
of the Petroleum Exporting Countries, dt. Organisation erdölexportierender
Länder) an der Welterdölförderung belief sich in all den Jahrzehnten,
unter Schwankungen, auf rund 40 Prozent. Ihre Beteiligung am Welterdölmarkt
lag erheblich höher, zwischen 65 und 90 Prozent. Die OPEC kann, auf die
jahrzehntelange Weltkonjunktur gestützt, einen sagenhaften Erfolg
aufweisen: Hatte sie 1960 einen Exporterlös von zwei Milliarden
US-Dollar, so beträgt der heute weit über 100 Milliarden Dollar.
Die Völker der OPEC-Länder hatten und haben indes wenig von den
ungeheuren Profiten, die zu größten Teilen die herrschenden Eliten
einstecken, so wie sie in Saudi-Arabien und in den meisten anderen
Mitgliedstaaten heute noch herrschen. Diese Eliten kaufen Unmengen von
Waffen, für die ein erheblicher Teil der Profite wieder in die großen
Industrieländer, besonders in die USA, zurückfließt.
Die Ölminister der Teilnehmerländer und die Spitzen ihrer Ölbürokratie
treffen sich zweimal im Jahr in Wien, wo sie ihre Förder- und
Handelsstrategie abstimmen. Der mächtige, organisierte Ölanbieter OPEC
lehrte die großen Ölmächte und -konzerne bald das Fürchten.
Drosselung der Förderung machte das Öl für die Weltwirtschaft knapp.
Ölschwemme drückte die Preise und brachte die teurer produzierenden
Nichtmitglieder in Bedrängnis. Öfter ging auch das eine oder andere
Mitglied seine eigenen Wege. Besonders Saudi-Arabien in seiner
Sonderstellung als weithin führendes Förderland konnte sich manche
Eigenmächtigkeit erlauben.
In positiver Erinnerung wird das große Ölembargo der OPEC anläßlich
des Eroberungsfeldzuges Israels von 1973 (Yom-Kippur-Krieg) bleiben.
1956 richtete sich bereits ein erfolgreicher Ölboykott arabischer
Staaten gegen Großbritannien, Frankreich und Israel, die Krieg gegen Ägypten
führten, als Präsident Abd Al Nasser den Suez-Kanal nationalisiert
hatte. Das Embargo von 1973/74 erschütterte die Wirtschaft der
kapitalistischen Welt ernstlich. Mit den »obszönen Profiten« der Ölkonzerne
(US-Senator Henry Jackson 1974) war es erst einmal vorbei. Panik ergriff
die Märkte. Sehr weit war man damals nicht von einem verheerenden großen
»Golfkrieg« gegen die OPEC-Staaten entfernt.
Das war die vom Westen von nun an so gefürchtete »Ölwaffe« der OPEC,
die hier zum ersten Mal durchgreifend eingesetzt wurde. Damals verloren
die Konzerne zeitweilig die Herrschaft über den Markt, und der Staat,
besonders in den USA, mußte ihnen mit regulierenden und Zwangsmaßnahmen
zu Hilfe kommen. Seither haben wir in der Ölwirtschaft eine Art
staatsmonopolistischer Struktur, wie sie ähnlich, wenn auch zu
verschiedenen Zeiten verschiedenartig ausgeprägt, aus Kriegszeiten
erinnerlich ist.
Während der Ölknappheit in den Boykottzeiten griffen die Industrieländer
zeitweise zu spektakulären Sparmaßnahmen, führten etwa autofreie Tage
und Benzingutscheine ein. Einen zweifelhaften Fortschritt muß man darin
sehen, daß außerhalb des OPEC-Einflusses sehr teuer und umweltschädlich
neue, vielfach abgelegene Öl- und Gasvorkommen erschlossen wurden,
besonders in Alaska/Kanada, in der Nordsee und in der Sowjetunion/Rußland.
Ferner muß man sich darüber im klaren sein, daß das Aufkommen der
Kernenergiegewinnung auch ein Ergebnis des Kampfes der Industriemächte
gegen die Monopolmacht des OPEC-Kartells war und ist.
Hatte die OPEC anfangs nur ein Vielfaches der bisher gezahlten Abgaben
vom Konzernprofit erkämpft, so ging es allmählich überall an das
Eigentum der Konzerne selbst, das sie sich in ihren großzügigen Ölkonzessionen
für lange Zeit, vielfach für 99 Jahre, an Öl und an den Ölreserven
im Boden des Landes hatten verbriefen lassen. In den 70er Jahren machten
Kuwait, Venezuela und schließlich Saudi-Arabien diesem Fremdeigentum
den Garaus. Sie kündigten den Konzernen ihre Konzessionen. Diese
erhielten, trotz erbitterter Gegenwehr, wenn überhaupt, kärgliche
Abfindungen. Aber die Konzerne wurden noch längere Zeit, in manchen Fällen
bis heute, als Dienstleister für technologische und fachmännische
Beratung und vor allem als Vermittler bei der Vermarktung des Öls
gebraucht. Dafür erhielten sie gewisse Vergünstigungen, meist einen
Prozentsatz der Ölausbeute.
Im Jahr 2000 erreichte die OPEC wieder ein neues Hoch von fast 42
Prozent der Weltölförderung. Aber in den folgenden Jahren – da täuschen
wir uns wohl nicht – sind wir Zeugen des Niedergangs der OPEC, der
sich fortsetzen wird. Die Golfkriege und besonders die barbarischen
militärischen Interventionen der USA und ihres Platzhalters Israel in
den letzten Jahren dividieren die OPEC-Staaten nicht nur politisch
auseinander. Die USA haben inzwischen früher aktive Mitglieder entweder
als solche ruiniert und gelähmt (Irak) oder bedrohen sie als »Schurkenstaaten«
in ihrer Existenz (Iran; neuerdings Venezuela). Obwohl nach wie vor gefügig,
ist selbst Saudi-Arabien des »Terrorismus« nicht mehr unverdächtig.
Schon 1973/75, in der großen Ölkrise nach Yom Kippur, gab es Stimmen
unter den »Falken« in den USA, die offen von militärischer Gewalt
gegen Saudi-Arabien und Kuwait sprachen. Damals allerdings mußte man
noch mit dem Risiko rechnen, daß die Sowjetunion eingreifen könne.
Vorläufig steigt aber die Marktgewalt der OPEC weiter, vor allem, weil
anderswo Ölquellen in ihrer Mächtigkeit nachlassen, wie die in der
Nordsee, weil die Förderung der USA den Bedarf im Land immer weniger
deckt und weil der Bedarf in Asien, besonders in China und Indien, in
neue Größenordnungen hineinwächst. Die enormen, drückenden
Preissteigerungen der letzten Zeit für Erdöl und Erdgas haben zwar die
weltweit wachsende Nachfrage als Hintergrund; sie beruhen aber in hohem
Maß auch auf Spekulationen der OPEC und der Ölkonzerne, die sich von
Krieg, Kriegsgefahr und Terrorfurcht nähren. In den letzten sechs
Jahren stieg der Ölpreis einzigartig schnell, um annähernd zweihundert
Prozent, mitunter höher, von 20 auf 55, zeitweise auf 70 Dollar je
Barrel (= 159 Liter).
- Von Dietrich Eichholtz erschien zuletzt »Krieg um Öl. Ein Erdölimperium
als deutsches Kriegsziel 1938–1943«, 141 S. brosch. Leipzig,
Leipziger Universitätsverlag 2006
- Am Montag Teil II (und Schluß)