Zehn Jahre nach dem letzten Beschluß für eine NATO-Gesamtstrategie will die
Militärallianz auf ihrem Jubiläumsgipfel vom 3. bis 5. April in Baden-Baden
und Strasbourg ein neues Konzept in Auftrag geben. Der breiten Öffentlichkeit,
aber auch den Parlamenten der Mitgliedstaaten ist es bis heute nicht bekannt.
Wolfgang Gehrcke, Sprecher der Linksfraktion im Bundestag für internationale
Beziehungen, kritisierte am Mittwoch in einer Presseerklärung: »Bis heute hat
die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag vorenthalten, welche Vorschläge
sie auf dem Gipfel vorlegen wird. Eine Vereinbarung über ein neues
strategisches Konzept, das sich weit von der bisherigen Vertragsgrundlage
entfernt, ohne Debatte und Zustimmung des Deutschen Bundestags verletzt in
gravierendem Umfang die Rechte des Parlaments.«
Hinter den Kulissen wird offenbar intensiv an dem neuen Konzept gearbeitet.
Bereits am 10. November 2008 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Rede
vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Berlin die Marschrichtung
festgelegt. Die während des NATO-Luftkrieges gegen Jugoslawien 1999
beschlossene Strategie gehe auf ein Datum »vor der Sichtbarwerdung der
terroristischen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen« zurück. Als
»Kernaufgabe« hatte sie daher formuliert: »Welche strategischen Konzepte
ergeben sich für die Allianz aus den bisherigen Erfahrungen mit asymmetrischen
Bedrohungen und im Kampf gegen den transnationalen Terrorismus?« Eine Antwort
auf ihre Frage liegt bereits in Form eines gemeinsamen Papiers ehemaliger
Oberkommandierender führender NATO-Staaten vor. Der Text, zu dessen Verfassern
u.a. der Deutsche Klaus Naumann und der US-Amerikaner John Shalikashvili
gehören, trägt den Titel »Zu einer Gesamtstrategie in einer ungewissen Welt.
Die transatlantische Partnerschaft erneuern.« Danach soll die NATO als
zentrale internationale Organisation die Interessen der westlichen Länder
wahren. Da sie eine Reihe von möglichen Bedrohungen ausmachen, sollen die
Kompetenzen der NATO erweitert und das Mitspracherecht der Staaten beschnitten
werden.
Nicht nur wegen dieser Einschränkungen wurde am Mittwoch in Frankreich scharfe
Kritik an der Absicht von Staatspräsident Nicolas Sarkozy laut, nach 43 Jahren
in die Kommandostruktur der NATO zurückzukehren. Sarkozy wollte sein Vorhaben
am Mittwoch abend in einer Rede vor hochrangigen Militärs erläutern. Der
Schritt bedeute »das Ende einer unabhängigen europäischen Verteidigung«,
erklärte Zentrumspolitiker Francois Bayrou am Morgen dem Sender Europe-1.
Werde Frankreich wieder Vollmitglied, gebe es keinen Weg zurück zur
Souveränität. Die Rückkehr in die Kommandostruktur werde das Land »völlig den
USA ausliefern«, meinte François Goulard, ein Abgeordneter aus Sarkozys Partei
UMP, in Le Parisien. Auch Expremier Dominique Villepin warnte unlängst vor
einem »diplomatischen Fehler«.
Der damalige Präsident Charles de Gaulle hatte Frankreich 1966 aus der
Vollmitgliedschaft abgemeldet. Er sah die Souveränität der Atommacht durch das
Nordatlantikbündnis bedroht. Die offizielle Wiederaufnahme soll auf dem
Jubiläumsgipfel vollzogen werden. Forderungen nach einem Referendum lehnte
Sarkozy ab.