Unter dem Titel "Forum BioSicherheit" ist für den 6. Februar eine
hochrangig besetzte Konferenz über biologische Massenvernichtungswaffen in
Mainz (Rheinland-Pfalz) geplant. Als Veranstalter firmieren die FDP-nahe
Friedrich-Naumann-Stiftung und der Reservistenverband der deutschen
Streitkräfte. Vorgesehen sind Referate von deutschen Militärs und
Vertretern der Bioindustrie; an der abschließenden Podiumsdiskussion soll
auch Elke Hoff, die verteidigungspolitische Sprecherin der
FDP-Bundestagsfraktion, teilnehmen. Den Organisatoren der Konferenz gelten
"gefährliche Krankheitserreger" als "permanente zivile und militärische
Bedrohung", "egal ob sie natürlich entstanden oder als Kampfmittel
gezüchtet sind und durch Terroristen verbreitet werden".[1]
Heimatschutz
Als erster Veranstaltungsredner vorgesehen ist Dr. Walter Altherr,
Flottenarzt der Reserve und Landesvorsitzender des Reservistenverbandes
Rheinland-Pfalz. Medienberichten zufolge plädiert Altherr für eine
Änderung der deutschen Verfassung, um die Armee auch gegen vermeintlich
feindliche Kräfte im Inland einsetzten zu können. So soll seiner Ansicht
nach die Bundeswehr Atomtransporte ins niedersächsische Gorleben
"sichern", da es sich bei den Protesten gegen das dortige Endlager für
radioaktive Abfälle "nicht nur um Parolen" handele, sondern "um massiven
Widerstand".[2] Der Reservistenverband, dem Altherr vorsteht, beschäftigt
sich bereits seit längerem mit dem Thema "Heimatschutz". Erst im letzten
Jahr hatte die Organisation 130 Experten aus Militär, Medizin,
Rettungsdiensten und Behörden im NATO-Hauptquartier Rheindahlen
(Nordrhein-Westfalen) zusammengeführt, um mit diesen über mögliche
Reaktionen auf die Zündung einer "schmutzigen Bombe" durch "Terroristen"
zu diskutieren.[3] Als "schmutzige Bomben" werden konventionelle
Sprengkörper bezeichnet, die bei ihrer Explosion radioaktive Substanzen in
der Umgebung verteilen.
Verteidigungsfall
Bei der Rheindahlener Konferenz zugegen war auch Oberst Hans-Peter
Weinheimer, der beim jetzt angekündigten Biowaffen-Forum über "BioSicherheit
und Katastrophenschutz" referieren wird. Wie sein Kollege Altherr fordert
auch Weinheimer, zuletzt Gruppenleiter der Abteilung "ABC-Abwehr und
Schutzaufgaben" im Streitkräfteunterstützungskommando der Bundeswehr,
einen "signifikanten Eingriff" in die deutsche Verfassung: Sowohl bei
einem Angriff mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen
Waffen ("CBRN-Gefahren") im Inland als auch im Falle der Ausbreitung
"weltumspannender Pandemien" soll die Bundesregierung seiner Auffassung
nach "uneingeschränkte" Befugnisse erhalten. Die im Grundgesetz getroffene
Regelung, dass nur ein Angriff von außen solche Befugnisse legitimiert
("Verteidigungsfall"), verhindere die Sicherstellung des "staatlichen
Schutzauftrags", meint Weinheimer - insbesondere "in Zeiten asymmetrischer
Konfliktaustragung" gegen die "existenzielle Gefahr" des "islamistischen
Terrorismus".[4]
Privatwirtschaft
Über die "Zukunft der BioSicherheit in Deutschland" wird anlässlich der
Mainzer Biowaffen-Tagung Rainer Wessel sprechen, seit 2004
Vorstandsvorsitzender der Ganymed Pharmaceuticals AG. Das Unternehmen
gehört seit 2008 zur Strüngmann-Familie ("Hexal") und produziert vorrangig
sogenannte Oberflächenzielmoleküle, die auf Tumorzellen toxisch wirken.
Wessels Berufskarriere begann 1992 bei Boehringer Ingelheim, einem
Konzern, der in der Vergangenheit in die Produktion von Chemiewaffen für
die US-Armee involviert war.[5] Heute berät Wessel im Auftrag der
Biotechnologieindustrie sowohl das "International Institute of Strategic
Studies" in London als auch das in Washington beheimatete "Chemical and
Biological Arms Control Institute".
Waffenfähige Agenzien
Darüber hinaus fungiert Wessel als Vorstandsmitglied von BIO Deutschland,
dem Verband der biotechnischen Industrie. Bereits Ende 2008
veröffentlichte die in Berlin ansässige Organisation ein Positionspapier
zur "Biosicherheit", dem Thema der für Februar angekündigten Mainzer
Tagung. Darin heißt es wörtlich, Forschungsarbeiten mit "hochpathogene(n)
Mikroorganismen und von ihnen produzierte(n) Stoffwechselgifte(n)" könnten
sowohl für wissenschaftliche Zwecke als auch "für die Herstellung von
Biowaffen verwendet werden". Als "besonders relevant" im Hinblick auf
diese "Dual-Use-Problematik" erachtet BIO Deutschland "Experimente zur
Erhöhung der 'Biowaffenfähigkeit' ('Weaponisation') von biologischen
Agenzien oder Toxinen". Obwohl derartige Versuche extrem gefährlich sind,
sollen sie nach Auffassung des Industrieverbandes "so wenig Einschränkung
wie möglich erfahren" - schließlich stellten sie "die Grundlage dar, um
die Gesellschaft gegen natürliche Infektionen mit gefährlichen Erregern
und gegen mögliche bioterroristische Attacken zu schützen".[6]