Gegen den Trend handeln – Abrüstung wieder
in Gang bringen
Anlässlich der Vorstellung seines Jahresberichtes 2007/2008
stellt das BICC (Internationales Konversionszentrum Bonn) fest, dass der
Trend zu weltweiter Aufrüstung weiter anhält.
Die globalen Militärausgaben, die zwischen 2001 und 2006 real um etwa 30
Prozent zunahmen, beliefen sich 2006 – dem letzten Jahr, für das umfassende
Zahlen vorliegen – auf geschätzte 1,179 Billionen US-Dollar.
Abrüstungsverhandlungen sind zum Stillstand gekommen und vieles deutet sogar
auf ein neues Wettrüsten hin. Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklungen
beurteilt Abrüstungsexperte Hans Blix im BICC-Jahresbericht die Chancen für
nukleare Abrüstung als nicht schlecht und fordert mehr Anstrengungen, die
Weiterverbreitung dieser Waffen zu verhindern.
Fast die Hälfte der weltweiten Militärausgaben entfiel allein auf die
Verteidigungsausgaben der USA – insgesamt 528 Milliarden US-Dollar 2006. Die
stetige Erhöhung des US-Militärhaushalts in den vergangenen sechs Jahren ist
für einen beträchtlichen Teil des Gesamtanstiegs der weltweiten
Verteidigungsausgaben seit 2001 verantwortlich. Weitere Spitzenreiter 2006
waren das Vereinigte Königreich (Großbritannien und Nordirland, 59
Milliarden US-Dollar), Frankreich (53 Milliarden US-Dollar), China (50
Milliarden US-Dollar) und Japan (44 Milliarden US-Dollar).
„Das Ungleichgewicht innerhalb der Gebergemeinschaft zwischen
Militärausgaben und Entwicklungsausgaben blieb auch 2006 bestehen“,
betont Peter J. Croll, Direktor des BICC. Während sich die
offizielle Entwicklungshilfe (ODA) 2006 auf 104 Milliarden US-Dollar belief,
wendeten die 30 OECD-Mitgliedstaaten (Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung) 891 Milliarden US-Dollar für die
Verteidigung auf – also etwa neunmal soviel.
„Abgesehen von den Vereinigten Staaten sind es große aufstrebende
Schwellenländer mit rasch wachsenden Volkswirtschaften, wie z.B. China,
Indien, Indonesien und Pakistan, sowie Russland, in denen sich der aktuelle
globale Trend zur Aufrüstung am deutlichsten zeigt“, erklärt
Croll. Im Gegensatz dazu waren die Militärausgaben in den
hoch industrialisierten und wohlhabenden Ländern, insbesondere in
Westeuropa, im Wesentlichen gleich bleibend oder sogar rückläufig.
Rüstungspolitische Trendwende in Deutschland
Auch die Militärausgaben Deutschlands sind im europäischen Vergleich eher
gering und im Zeitraum zwischen 2001 und 2006 um insgesamt etwa neun Prozent
gesunken. „2006 setzte jedoch eine Trendwende in der deutschen
Rüstungspolitik ein: die Militärausgaben begannen wieder zu steigen –
zunächst von 27,87 Milliarden Euro 2006 auf 28,4 Milliarden 2007“,
unterstreicht BICC-Experte Marc von Boemcken. Das neue
Haushaltsgesetz, das am 30. November 2007 vom Bundestag beschlossen wurde,
sieht für das Jahr 2008 einen Verteidigungsetat von 29,45 Milliarden Euro
vor. „Die schrittweise Erhöhung der deutschen Rüstungsausgaben soll
offenbar auch in der künftigen Finanzplanung fortgesetzt werden und bis zum
Jahr 2010 die 30-Milliarden-Marke überschreiten“, prognostiziert
der BICC-Experte.
Auch der Export deutscher Rüstungsgüter ins Ausland hat 2006 beträchtlich
zugenommen. Der Wert der erteilten Einzel- und Sammelausfuhrgenehmigungen
für Rüstungsgüter ist von 6,2 Milliarden Euro (2005) auf 7,7 Milliarden Euro
(2006) gestiegen. Rüstungsexporte im Wert von 933 Millionen Euro gingen 2006
in Entwicklungsländer. „Deutschland ist damit in der Europäischen
Union der größte, weltweit hinter den Vereinigten Staaten und Russland der
drittgrößte Exporteur von Rüstungsgütern“, stellt von
Boemcken fest.
Gegensätzliche Trends in der globalen Sicherheit: Vom „Kalten
Frieden“ zu neuer Abrüstungsdynamik
„Wir erleben eine Neuauflage der Politik des Kalten Krieges ohne
Kalten Krieg – mit anderen Worten, einen Kalten Frieden“, schätzt
Prof. Hans Blix, Vorsitzender der Internationalen
Kommission zu Massenvernichtungswaffen (International Commission on
Weapons of Mass Destruction), Stockholm, und Mitglied des
Internationalen Beirats des BICC, in seinem Beitrag im BICC-Jahresbericht
ein.
Auch nach Einschätzung des international anerkannten Abrüstungsexperten Blix
gibt es derzeit nicht nur einen Stillstand in den Abrüstungsverhandlungen,
sondern sogar Tendenzen zu einem neuen Wettrüsten. So stebt die
US-Regierung die Entwicklung einer neuen Standardkernwaffe an (Reliable
Replacement Warhead – „Zuverlässiger Austauschsprengkopf“) und hat ihren
Haushaltsansatz für das Raketenabwehrprojekt 2007 auf elf Milliarden
US-Dollar aufgestockt. China hat seine Streitkräfte
modernisiert und einen seiner Wettersatelliten abgeschossen, womit es seine
Fähigkeit zu Militäraktionen im Weltraum unter Beweis gestellt hat.
Russland hat die routinemäßigen Langstreckenflüge nuklear
bewaffneter Flugzeuge wieder aufgenommen und Großbritannien
hat beschlossen, sich die Option der Fortführung seines nuklearen
U-Boot-Programms Trident offen zu halten. Gleichzeitig hat Nordkorea
einen zumindest teilweise erfolgreichen Atombombentest durchgeführt und
damit jegliche Zweifel der internationalen Gemeinschaft an seiner
Kernwaffenfähigkeit ausgeräumt. Der Iran arbeitet weiter am
Aufbau seiner Kapazität zur Urananreicherung, die in Zukunft dazu genutzt
werden könnte, waffenfähiges Material herzustellen, was diese ohnehin sehr
fragile Region weiter destabilisieren würde.
„Es ist an der Zeit, dass wir dieser Realität ins Auge sehen und
die internationalen Abrüstungsanstrengungen mit neuem Elan angehen. Der
Nichtverbreitungsvertrag bleibt der wichtigste Eckpfeiler der
internationalen Bemühungen um eine atomwaffenfreie Welt“,
konstatiert Blix, ehemaliger Direktor der Internationalen
Atomenergieorganisation (IAEO) und früher Chef der
UN-Rüstungskontrollkommission (UNMOVIC). Er schlägt folgende Maßnahmen vor:
 | Rückkehr aller Vertragsparteien des Nichtverbreitungsvertrages zu
dessen ursprünglichen Abmachungen (Verpflichtung der unterzeichneten
Nichtnuklearwaffenstaaten, keine Kernwaffen zu beschaffen, während die
Nuklearmächte im Gegenzug dazu bereit sind, über die nukleare vollständige
Abrüstung zu verhandeln). |
 | Inkrafttreten des Umfassenden Kernwaffenteststoppvertrags (CTBT). |
 | Vereinbarung über einen verifizierbaren Vertrag, der die Herstellung
von spaltbarem Material für Waffenzwecke verbietet. |
 | Schritte der Nuklearwaffenstaaten, ihre strategischen nuklearen
Arsenale zu verkleinern. |
 | Internationale Vereinbarungen unter Federführung der IAEO, die die
Verfügbarkeit von Kernbrennstoff für zivile Reaktoren sicherstellen und
gleichzeitig das Risiko der Kernwaffenverbreitung auf ein Minimum
reduzieren. |
 | Verfolgung von regionalen Ansätzen, insbesondere in Spannungsgebieten.
Es wäre wünschenswert, die Staaten des Nahen Ostens (einschließlich des
Iran und Israels) dazu zu bewegen, einer längerfristigen verifizierten
Suspendierung der Produktion von hoch angereichertem Uran und Plutonium
zuzustimmen, die durch internationale Zusagen über die Lieferung von
Brennstoff für zivile Kernkraftwerke flankiert würde. Eine ähnliche
Regelung ist für die koreanische Halbinsel vorgesehen. |
 | Inspektionen durch internationale Experten, so wie sie von den
Vereinten Nationen, der IAEA und der Chemiewaffenbehörde (OPCW)
durchgeführt werden, und die nicht in Widerspruch zu nationalen
Verifizierungsmaßnahmen stehen. |
Hoffnungen knüpft Hans Blix an politische Veränderungen in den USA, an
eine neue Generation internationaler Führungskräfte besonders in Washington
und Moskau sowie an die kontinuierliche Arbeit von Abrüstungsexperten und –institutionen
– nicht zuletzt auch der Internationalen Kommission zu
Massenvernichtungswaffen.
„Es sind zwar einige wirklich besorgniserregende Entwicklungen
festzustellen, aber insgesamt schätze ich die Aussichten für Frieden und
Abrüstung als gut ein. Wir brauchen keine neue Roadmap (…) Der Weg, der vor
uns liegt, mag zwar nicht einfach sein, aber wir kennen ihn. Die Pläne für
Fortschritte liegen auf dem Tisch“, lautet das Fazit von
Hans Blix.
„Mit unserem Jahresbericht 2007/2008, seinen Daten und Analysen
wollen wir einen Beitrag zu Diskussion und Aktion leisten“,
unterstreicht BICC-Direktor Croll. Das Zentrum leistet
anwendungsorientierte Forschung, Beratung und Kapazitäten-
aufbau (capacity building). Über aktuelle Projekte z.B. im Bereich der
Diasporaforschung, der Regierungsberatung des Südsudans sowie
Datenbankservices zu Rüstungsexporten oder Rohstoffen und Konflikten gibt
der Jahresbericht ebenfalls Aufschluss.