Von Arundhati Roy, aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2001,
Nr. 226 / Seite 49 f
ARUNDHATI ROY wurde 1960 im südindischen Bundesstaat Kerala in einer
Familie syrischer Christen geboren. Ihr Vater war ein Hindu aus Bengalen.
Heute lebt sie in Neu Delhi. 1996 erschien ihr Roman "Der Gott der
kleinen Dinge" (Blessing Verlag), der zu einem Welterfolg wurde. Die
indischen Behörden zensierten das Buch aus "moralischen" Gründen:
Roy beschrieb die verbotene Liebe zu einem Unberührbaren. Als politische
Aktivistin hat sie sich mehrfach massiv mit der indischen Regierung
angelegt. Was sie soziologisch zur repräsentativen Stimme macht, ist die
Tatsache, daß sie die Globalisierung wie einen wirklichen Schmerz, den
man ihr zufügt, zu erleben scheint. "In Indien", so hat sie
einmal erklärt, "erlebe ich das entsetzliche Schuldgefühl
privilegiert zu sein."
Nach den skrupellosen Selbstmordanschlägen auf das Pentagon und das
World Trade Center erklärte ein amerikanischer Nachrichtensprecher:
"Selten zeigen sich Gut und Böse so deutlich wie am letzten
Dienstag. Leute, die wir nicht kennen, haben Leute, die wir kennen,
hingemetzelt. Und sie haben es voller Verachtung und Schadenfreude
getan." Dann brach der Mann in Tränen aus.
Hier haben wir das Problem: Amerika führt einen Krieg gegen Leute, die es
nicht kennt (weil sie nicht oft im Fernsehen zu sehen sind). Noch bevor
die amerikanische Regierung den Feind richtig identifiziert, geschweige
denn angefangen hat, sein Denken zu verstehen, hat sie, mit großem Tamtam
und peinlicher Rhetorik, eine "internationale Allianz gegen den
Terror" zusammengeschustert, die Streitkräfte und die Medien
mobilisiert und auf den Kampf eingeschworen. Allerdings wird Amerika,
sobald es in den Krieg gezogen ist, kaum zurückkehren können, ohne eine
Schlacht geschlagen zu haben. Wenn es den Feind nicht findet, wird es, der
aufgebrachten Bevölkerung daheim zuliebe, einen Feind konstruieren müssen.
Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik, Logik und Begründung, und wir
werden auch diesmal aus dem Blick verlieren, warum er überhaupt geführt
wird.
Wir erleben hier, wie das mächtigste Land der Welt in seiner Wut
reflexartig nach einem alten Instinkt greift, um einen neuartigen Krieg zu
führen. Nun, da Amerika sich selbst verteidigen muß, sehen die
schnittigen Kriegsschiffe, die Cruise Missiles und F-16- Kampfjets auf
einmal ziemlich alt und schwerfällig aus. Amerikas nukleares Arsenal
taugt nicht zur Abschreckung. Teppichklingen, Taschenmesser und kalte Wut
sind die Waffen, mit denen die Kriege des neuen Jahrhunderts geführt
werden. Wut ist der Schlüssel. Ihn bekommt man unbemerkt durch den Zoll,
durch jede Gepäckkontrolle.
Gegen wen kämpft Amerika? In seiner Rede vor dem Kongreß bezeichnete Präsident
Bush die Feinde Amerikas als "Feinde der Freiheit". "Die Bürger
Amerikas fragen, warum sie uns hassen", sagte er. "Sie hassen
unsere Freiheiten - unsere Religionsfreiheit, unsere Redefreiheit, unsere
Freiheit zu wählen, uns zu versammeln und nicht immer einer Meinung zu
sein." Zweierlei wird uns abverlangt. Zum einen sollen wir glauben,
daß der Feind der ist, der von dieser Regierung als Feind deklariert
wird, obwohl sie keine konkreten Beweise vorlegen kann. Und zum anderen
sollen wir glauben, daß die Motive des Feindes genau so aussehen, wie sie
von der Regierung dargestellt werden, obwohl es auch dafür keine Beweise
gibt.
Aus strategischen, militärischen und ökonomischen Gründen muß die
amerikanische Öffentlichkeit unbedingt davon überzeugt werden, daß
Freiheit und Demokratie und der American way of life bedroht sind. In der
gegenwärtigen Atmosphäre von Trauer, Empörung und Wut ist derlei leicht
zu vermitteln. Wenn das tatsächlich stimmt, stellt sich jedoch die Frage,
warum die Anschläge den Symbolen der wirtschaftlichen und militärischen
Macht Amerikas galten. Warum nicht der Freiheitsstatue? Könnte es sein,
daß die finstere Wut, die zu den Anschlägen führte, nichts mit Freiheit
und Demokratie zu tun hat, sondern damit, daß amerikanische Regierungen
genau das Gegenteil unterstützt haben - militärischen und
wirtschaftlichen Terrorismus, Konterrevolution, Militärdiktaturen, religiöse
Bigotterie und unvorstellbaren Genozid (außerhalb Amerikas)?
Für die trauernden Amerikaner ist es gewiß schwer, mit Tränen in den
Augen auf die Welt zu schauen und eine Haltung zu bemerken, die ihnen
vielleicht als Gleichgültigkeit erscheint. Doch es handelt sich nicht um
Gleichgültigkeit. Es ist eine Ahnung, ein Nicht-Überraschtsein. Es ist
eine alte Erkenntnis, daß jede Saat irgendwann auch aufgeht. Die
Amerikaner sollten wissen, daß der Haß nicht ihnen gilt, sondern der
Politik ihrer Regierung. Ihnen kann unmöglich entgangen sein, daß ihre
außergewöhnlichen Musiker, ihre Schriftsteller, Schauspieler, ihre phänomenalen
Sportler und ihre Filme überall auf der Welt beliebt sind. Wir alle waren
bewegt von dem Mut und der Würde der Feuerwehrleute, der Rettungskräfte
und der gewöhnlichen Büroangestellten in den Tagen und Wochen nach den
Anschlägen.
Amerikas Trauer ist immens und immens öffentlich. Es wäre grotesk, von
den Amerikanern zu erwarten, daß sie ihren Schmerz relativieren oder mäßigen.
Aber es wäre schade, wenn sie, statt zu versuchen, die Ereignisse des 11.
September zu begreifen, das Mitgefühl der gesamten Welt beanspruchten und
nur die eigenen Toten rächen wollten. Denn dann wäre es an uns,
unangenehme Fragen zu stellen und harte Worte zu sagen. Und weil wir zu
einem unpassenden Zeitpunkt von unseren Schmerzen sprechen, wird man uns
tadeln, ignorieren und am Ende vielleicht zum Schweigen bringen. Doch die
Zeichen stehen auf Krieg. Was gesagt werden muß, sollte rasch gesagt
werden.
Bevor Amerika das Steuer der "internationalen Allianz gegen den
Terror" übernimmt, bevor es andere Länder auffordert (und zwingt),
sich an seiner nachgerade göttlichen Mission - der ursprüngliche Name
der Operation lautete "Grenzenlose Gerechtigkeit" - aktiv zu
beteiligen, sollten vielleicht ein paar Dinge geklärt werden. Führt
Amerika Krieg gegen den Terror in Amerika oder gegen den Terror ganz
allgemein? Was genau wird gerächt? Der tragische Verlust von fast
siebentausend Menschenleben, die Vernichtung von vierhundertfünfzigtausend
Quadratmetern Bürofläche in Manhattan, die Zerstörung eines Flügels
des Pentagon, der Verlust von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, der
Bankrott einiger Fluggesellschaften und der Absturz der New Yorker Börse?
Oder geht es um mehr?
Als Madeleine Albright, die ehemalige Außenministerin der Vereinigten
Staaten, im Jahr 1996 gefragt wurde, was sie dazu sage, daß 500 000
irakische Kinder infolge des amerikanischen Wirtschaftsembargos gestorben
seien, sprach sie von einer sehr schweren Entscheidung, doch der Preis
sei, alles in allem, nicht zu hoch gewesen. Die Sanktionen gegen den Irak
sind übrigens noch immer in Kraft, und noch immer sterben Kinder. Genau
darum geht es: um die willkürliche Unterscheidung zwischen Zivilisation
und Barbarei, zwischen "Ermordung unschuldiger Menschen" oder
"Krieg der Kulturen" und "Kollateralschäden". Die
Sophisterei und eigenwillige Algebra grenzenloser Gerechtigkeit: Wie viele
tote Iraker sind notwendig, damit es besser zugeht auf der Welt? Wie viele
tote Afghanen für jeden toten Amerikaner? Wie viele tote Frauen und
Kinder für einen toten Mann? Wie viele tote Mudschahedin für einen toten
Investmentbanker?
Eine Koalition der Supermächte der Welt schließt nun einen Ring um
Afghanistan, eines der ärmsten und am stärksten verwüsteten Länder der
Welt, dessen Taliban-Regierung Usama Bin Ladin Unterschlupf gewährt. Das
einzige, was in Afghanistan überhaupt noch zerstört werden könnte, sind
die Menschen. (Darunter eine halbe Million verkrüppelte Waisenkinder. Es
wird berichtet, daß es zu wildem Gedrängel der Humpelnden kommt, wenn über
entlegenen, unzugänglichen Dörfern Prothesen abgeworfen werden.) Die
afghanische Wirtschaft ist ruiniert. Aus Bauernhöfen sind Massengräber
geworden. Das Land ist übersät mit Landminen - nach jüngsten Schätzungen
zehn Millionen. Eine Million Menschen sind aus Furcht vor einem
amerikanischen Angriff zur pakistanischen Grenze geflohen. Es gibt keine
Nahrungsmittel mehr, Hilfsorganisationen mußten das Land verlassen, und
nach Berichten der BBC steht eine der schlimmsten humanitären
Katastrophen der jüngsten Zeit bevor.
An der heutigen Lage in Afghanistan war Amerika übrigens in nicht
geringem Maße beteiligt (falls das ein Trost ist). Im Jahr 1979, nach der
sowjetischen Invasion, begannen die CIA und der pakistanische Militärgeheimdienst
ISI die größte verdeckte Operation in der Geschichte der CIA.
Beabsichtigt war, den afghanischen Widerstand zu steuern und das
islamische Element so weit zu stärken, daß sich die muslimischen
Sowjetrepubliken gegen das kommunistische Regime erheben und es am Ende
destabilisieren würden. Diese Operation sollte das Vietnam der
Sowjetunion sein. Im Laufe der Jahre rekrutierte und unterstützte die CIA
fast 100 000 radikale Mudschahedin aus vierzig islamischen Ländern für
den amerikanischen Stellvertreterkrieg. Diese Leute wußten nicht, daß
sie ihren Dschihad für Uncle Sam führten. (Welche Ironie, daß die
Amerikaner ebensowenig wußten, daß sie ihre späteren Feinde
finanzierten!)
Nach zehn Jahren erbitterten Kampfes zogen sich die Russen 1989 zurück
und hinterließen ein verwüstetes Land. Der Bürgerkrieg in Afghanistan
tobte weiter. Der Dschihad griff über nach Tschetschenien, in das Kosovo
und schließlich nach Kaschmir. Die CIA lieferte weiterhin Geld und
Waffen, doch die laufenden Kosten waren so enorm, daß immer mehr Geld benötigt
wurde. Auf Befehl der Mudschahedin mußten die Bauern Opium (als
"Revolutionssteuer") anbauen. Der ISI richtete in Afghanistan
Hunderte von Heroinlabors ein, und zwei Jahre nach dem Eintreffen der CIA
war das pakistanisch-afghanistanische Grenzgebiet der weltweit größte
Heroinproduzent geworden. Die jährlichen Gewinne, zwischen einhundert und
zweihundert Milliarden Dollar, flossen zurück in die Ausbildung und
Bewaffnung von Militanten.
Im Jahr 1995 kämpften sich die Taliban, seinerzeit eine marginale Sekte
von gefährlichen Fundamentalisten, in Afghanistan an die Macht.
Finanziert wurden sie vom ISI, dem alten Freund der CIA, und sie genossen
die Unterstützung vieler Parteien in Pakistan. Die Taliban errichteten
ein Terrorregime, dessen erstes Opfer die eigene Bevölkerung war, vor
allem Frauen. Angesichts der Menschenrechtsverletzungen der Taliban
spricht wenig dafür, daß sich das Regime durch Kriegsdrohungen einschüchtern
ließe oder einlenken wird, um die Gefahr für die Zivilbevölkerung
abzuwenden. Kann es nach allem, was passiert ist, etwas Ironischeres
geben, als daß Rußland und Amerika mit vereinten Kräften darangehen
wollen, Afghanistan abermals zu zerstören? Auch Pakistan, Amerikas treuer
Verbündeter, hat enorm gelitten. Die amerikanischen Regierungen haben
noch stets Militärdiktatoren unterstützt, die kein Interesse an
demokratischen Verhältnissen im Land hatten. Vor dem Auftauchen der CIA
gab es einen kleinen ländlichen Markt für Opium. Zwischen 1979 und 1985
stieg die Zahl der Heroinsüchtigen von Null auf anderthalb Millionen an.
In Zeltlagern entlang der Grenze leben drei Millionen afghanische Flüchtlinge.
Die pakistanische Wirtschaft liegt darnieder. Gewaltsame soziale
Konflikte, globalisierungsbedingte Transformationsprozesse und Drogenbosse
zerreißen das Land. Die Madrasas und Ausbildungslager für Terroristen,
ursprünglich eingerichtet zum Kampf gegen die Sowjets, brachten
Fundamentalisten hervor, die in Pakistan großen Rückhalt haben. Die
Taliban, von der pakistanischen Regierung seit Jahren unterstützt und
finanziert, haben in den pakistanischen Parteien materielle und
strategische Verbündete. Auf einmal bittet (bittet?) Amerika die
pakistanische Regierung, den Schoßhund, den es in seinem Hinterhof
jahrelang großgezogen hat, abzustechen. Präsident Musharraf, der den
Amerikanern Unterstützung versprochen hat, könnte sich bald mit einer bürgerkriegsähnlichen
Situation konfrontiert sehen.
Indien kann von Glück reden, daß es, dank seiner geographischen Lage und
der Weitsicht früherer Politiker, bislang nicht in dieses Great Game
hineingezogen wurde. Unsere Demokratie hätte das höchstwahrscheinlich
nicht überlebt. Heute müssen wir entsetzt mit ansehen, wie die indische
Regierung die Amerikaner inständig darum bittet, ihre Operationsbasis in
Indien statt in Pakistan zu errichten. Jedes Land der Dritten Welt mit
einer schwachen Wirtschaft und einem unruhigen sozialen Fundament müßte
wissen, daß eine Einladung an eine Supermacht wie die Vereinigten Staaten
(ganz gleich, ob die Amerikaner für länger bleiben oder nur kurz
vorbeischauen wollen) fast so ist, als würde ein Autofahrer darum bitten,
ihm einen Stein in die Windschutzscheibe zu werfen.
In dem Medienspektakel nach dem 11. September hielt es keiner der großen
Fernsehsender für nötig, ein Wort über die Geschichte des
amerikanischen Engagements in Afghanistan zu verlieren. Für all jene, die
von diesen Dingen nichts wissen, hätte die Berichterstattung über die
Anschläge informativ und aufrüttelnd sein können, wenn Zyniker sie
vielleicht auch übertrieben gefunden hätten. Für uns aber, die wir die
jüngste Geschichte Afghanistans kennen, sind die amerikanische
Berichterstattung und das Gerede von der "internationalen Allianz
gegen den Terror" einfach eine Beleidigung. Amerikas "freie
Presse" ist dafür genauso verantwortlich wie der "freie
Markt".
Die bevorstehende Operation wird angeblich zur Aufrechterhaltung
amerikanischer Werte durchgeführt. Doch sie wird noch mehr Zorn und Angst
in der ganzen Welt erzeugen, und am Ende dürften diese Werte völlig
diskreditiert sein. Für die gewöhnlichen Amerikaner bedeutet das, daß
sie in einem Klima schrecklicher Ungewißheit leben werden. Schon warnt
CNN vor der Möglichkeit eines biologischen Krieges (Pocken, Beulenpest,
Milzbrand), der mit harmlosen Sprühflugzeugen geführt werden kann.
Die Regierung Amerikas, und wohl Regierungen überall auf der Welt, werden
die Kriegsatmosphäre als Vorwand benutzen, um Meinungsfreiheit und andere
Bürgerrechte einzuschränken, Arbeiter zu entlassen, ethnische und religiöse
Minderheiten zu schikanieren, Haushaltseinsparungen vorzunehmen und viel
Geld in die Militärindustrie zu stecken. Und wozu? Präsident Bush kann
die Welt ebensowenig "von Übeltätern befreien", wie er sie mit
Heiligen bevölkern kann. Es ist absurd, wenn die US-Regierung auch nur
mit dem Gedanken spielt, der Terrorismus ließe sich mit noch mehr Gewalt
und Unterdrückung ausmerzen. Der Terrorismus ist ein Symptom, nicht die
Krankheit. Der Terrorismus ist in keinem Land zu Hause. Er ist ein
supranationales, weltweit tätiges Unternehmen wie Coke oder Pepsi oder
Nike. Beim geringsten Anzeichen von Schwierigkeiten brechen Terroristen
die Zelte ab und ziehen, genau wie die Multis, auf der Suche nach besseren
Möglichkeiten mit ihren "Fabriken" von Land zu Land.
Der Terrorismus als Phänomen wird wohl nie verschwinden. Will man ihm
aber Einhalt gebieten, muß Amerika zunächst einmal erkennen, daß es
nicht allein auf der Welt ist, sondern zusammen mit anderen Nationen, mit
anderen Menschen, die, auch wenn sie nicht im Fernsehen gezeigt werden,
lieben und trauern und Geschichten und Lieder und Kummer haben und weiß
Gott auch Rechte. Doch als der Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
gefragt wurde, was er als einen Sieg im neuen amerikanischen Krieg
bezeichnen würde, meinte er, ein Sieg wäre, wenn er die Welt davon überzeugen
könne, daß es den Amerikanern möglich sein müsse, an ihrem way of life
festzuhalten. Die Anschläge vom 11. September waren die monströse
Visitenkarte einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte,
wer weiß, von Usama Bin Ladin stammen und von seinen Kurieren übermittelt
worden sein, aber sie könnte durchaus unterzeichnet sein von den Geistern
der Opfer von Amerikas alten Kriegen.
Die Millionen Toten in Korea, Vietnam und Kambodscha, die 17 500 Toten,
als Israel (mit Unterstützung Amerikas) 1982 im Libanon einmarschierte,
die 200 000 Iraker, die bei der Operation Wüstensturm starben, die
Tausenden Palästinenser, die im Kampf gegen die israelische Besetzung des
Westjordanlands den Tod fanden. Und die Millionen, die in Jugoslawien,
Somalia, Haiti, Chile, Nikaragua, El Salvador, Panama, in der
Dominikanischen Republik starben, ermordet von all den Terroristen,
Diktatoren und Massenmördern, die amerikanische Regierungen unterstützt,
ausgebildet, finanziert und mit Waffen versorgt haben. Und diese Aufzählung
ist keineswegs vollständig. Für ein Land, das an so vielen Kriegen und
Konflikten beteiligt war, hat Amerika außerordentlich viel Glück gehabt.
Die Anschläge vom 11. September waren erst der zweite Angriff auf
amerikanischem Territorium innerhalb eines Jahrhunderts. Der erste war
Pearl Harbor. Die Revanche dafür endete, nach einem langen Umweg, mit
Hiroshima und Nagasaki. Heute wartet die Welt mit angehaltenem Atem auf
den Schrecken, der uns bevorsteht.
Unlängst sagte jemand, daß, wenn es Usama Bin Ladin nicht gäbe, die
Amerikaner ihn erfinden müßten. In gewissem Sinne haben sie ihn tatsächlich
erfunden. Er gehörte zu den Kämpfern, die 1979 nach Afghanistan gingen,
als die CIA mit den Operationen begann. Usama Bin Ladin zeichnet sich
dadurch aus, daß er von der CIA hervorgebracht wurde und vom FBI gesucht
wird. Binnen zweier Wochen avancierte er vom Verdächtigen zum Hauptverdächtigen,
und inzwischen will man ihn, trotz des Mangels an Beweisen, "tot oder
lebendig" haben.
Nach allem, was über seinen Aufenthaltsort bekannt ist, könnte es
durchaus möglich sein, daß er die Anschläge nicht persönlich geplant
hat und an der Ausführung auch nicht beteiligt war - daß er vielmehr der
führende Kopf ist, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Die
Reaktion der Taliban auf die amerikanische Forderung, Bin Ladin
auszuliefern, war ungewöhnlich realistisch: Legt Beweise vor, dann händigen
wir ihn euch aus. Präsident Bush erklärte seine Forderung für nicht
verhandelbar. (Da gerade über die Auslieferung von Vorstandsvorsitzenden
gesprochen wird - dürfte Indien ganz nebenbei um die Auslieferung von
Warren Anderson bitten? Der Mann war als Chef von Union Carbide
verantwortlich für die Katastrophe von Bhopal, bei der sechzehntausend
Menschen umkamen. Wir haben die nötigen Beweise zusammengetragen, alle
Dokumente liegen vor. Also gebt ihn uns bitte!)
Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich? Ich möchte es anders formulieren:
Was ist Usama Bin Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er
ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale
Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe
einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet
wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte
Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Mißachtung aller
nichtamerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen,
ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre
wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein
Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben.
Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen,
die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, unsere
Gedanken.
Nun, da das Familiengeheimnis gelüftet ist, werden die Zwillinge allmählich
eins und sogar austauschbar. Ihre Gewehre und Bomben, ihr Geld und ihre
Drogen haben sich eine Zeitlang im Kreis bewegt. (Die Stinger-Raketen, die
die amerikanischen Hubschrauber begrüßen werden, wurden von der CIA
geliefert. Das Heroin, das von amerikanischen Rauschgiftsüchtigen
verwendet wird, stammt aus Afghanistan. Die Regierung Bush ließ der
afghanischen Regierung unlängst 43 Millionen Dollar zur Drogenbekämpfung
zukommen.) Inzwischen werden sich die beiden auch in der Sprache immer ähnlicher.
Jeder bezeichnet den anderen als "Kopf der Schlange". Beide
berufen sich auf Gott und greifen gern auf die Erlösungsrhetorik von Gut
und Böse zurück. Beide sind in eindeutige politische Verbrechen
verstrickt. Beide sind gefährlich bewaffnet - der eine mit dem nuklearen
Arsenal des obszön Mächtigen, der andere mit der glühenden, zerstörerischen
Macht des absolut Hoffnungslosen. Feuerball und Eispickel. Keule und Axt.
Man sollte nur nicht vergessen, daß der eine so wenig akzeptabel ist wie
der andere.
Präsident Bushs Ultimatum an die Völker der Welt - "Entweder ihr
seid für uns, oder ihr seid für die Terroristen" - offenbart eine
unglaubliche Arroganz. Kein Volk will diese Wahl treffen, kein Volk
braucht diese Wahl zu treffen und keines sollte gezwungen werden, sie zu
treffen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
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